Atommülllager Asse Phantom einer Nazi-Atombombe

Die Asche radioaktiv verseuchter menschlicher Organe galt bislang als skurrilster Posten auf der Inventarliste des Atomlagers Asse. Nun gibt es Hinweise darauf, dass unter den Tausenden Fässern mit strahlendem Müll sogar Abfälle aus dem Atomprogramm der Nazis sein könnten.

Von Ralf Wiegand

Alwin Urff lebt nicht mehr, bedauerlicherweise. Der Mann arbeitete bis Ende der achtziger Jahre in der Leitung des niedersächsischen Atomlagers Asse II, war stellvertretender Betriebsleiter dort und wäre heute ein guter Zeuge in eigener Sache.

Urff hatte sich nämlich vor 37 Jahren für heutige Verhältnisse verblüffend offen in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (HAZ) zitieren lassen: "Als wir 1967 mit der Einlagerung begannen", heißt es in der Ausgabe vom 29. Juli 1974 am Ende eines Reports über die damals von der Gesellschaft für Strahlenschutz (GfS) betriebene Asse, "hat unsere Gesellschaft als erstes radioaktive Abfälle aus dem letzten Krieg versenkt, jene Uranabfälle, die bei der Vorbereitung der deutschen Atombombe anfielen."

Kriegsabfälle? Atombombe? Asse? Für Politiker und Wissenschaftler könnte der Archiv-Fund so etwas ähnliches werden wie die Entdeckung des unbekannten Werks eines alten Meisters auf dem Flohmarkt: Das Zitat muss zunächst auf Echtheit und Plausibilität geprüft werden.

Bestätigt es sich nicht, wäre es nur eine weitere Kuriosität um die Asse, durch die noch vor wenigen Jahren Schüler am Ausflugstag geschleust wurden, ehe man das Bergwerk als gefährliche Altlast erkannte. Lässt sich aber beweisen, dass Urff wusste, was er öffentlich erzählte, könnten Historiker daran anknüpfen.

Dem Grünen-Fraktionschef im niedersächsischen Landtag, Stefan Wenzel, ist jedenfalls "die Kinnlade runtergefallen", als er die alte Zeitung zugeschickt bekam. Gefunden worden war sie in unsortierten Unterlagen des Gorleben-Archivs. "Ich habe da noch ein paar alte Artikel über die Asse gefunden", hatte die Leiterin Marianne Fritzen Wenzel wissen lassen. "Schicke sie doch mal her", hatte der geantwortet.

Seit Jahren versuchen Politiker, das Inventar des ehemaligen Forschungsendlagers in der Nähe des niedersächsischen Ortes Remlingen zu klären. Mehr als 126.000 Fässer leicht- und mittelradioaktiv strahlenden Materials liegen in bis zu 750 Metern Tiefe.

Das ehemalige Salzbergwerk ist von Wassereinbrüchen mürbe geworden, manche der unterirdischen Kammern drohen einzustürzen. Die Fässer sollen zurückgeholt werden. Ein milliardenteurer Plan - doch was käme da alles wieder an die Oberfläche?

Wenzel ist überzeugt, dass längst nicht alle Informationen vorliegen. Die Asche radioaktiv verseuchter menschlicher Organe oder kontaminierte Tierkadaver galten bisher als skurrilste Posten auf der Inventarliste der Atom-Halde. Der archivarische Dachbodenfund, wonach nun sogar die Hinterlassenschaft von Hitlers Bombenforschern hier ruhen könnte, wird schwer auf seinen Wahrheitsgehalt zu überprüfen sein.

Doch für Wenzel ist das spektakuläre, einst offenbar ungehört verhallte historische Zitat ein Anlass, an die zuständigen Stellen zu appellieren: "Das Bundeskanzleramt muss endlich alle Dokumente zur Verfügung stellen."