Astronomie für Kinder Was die Sterne mit Integration zu tun haben

Von Südafrika aus betrachtet stehen unsere Sternbilder auf dem Kopf und außerdem gibt es dort ganz andere - etwa die Giraffen. Kinder sind von solchen Fakten fasziniert. Ihre Neugier lässt sich nutzen, um ihnen ein modernes, tolerantes Weltbild zu vermitteln.

Von Cecilia Scorza

Eine afrikanische Geschichte besagt, dass eine junge Frau am Feuer sitzend vergeblich auf ihren Mann wartet. Als er um Mitternacht noch immer nicht heimgekehrt ist, wirft sie verzweifelt die Asche des Feuers gen Himmel, die sich verstreut und zur Milchstraße wird. Der Mann sieht den glühenden Weg am Himmel und findet so nach Hause.

In allen Kulturen der Welt werden Kinder im frühen Alter durch solche Erzählungen und Mythen mit der Sonne, dem Mond und den Sternen vertraut gemacht - und überall sind sie von Anfang an davon fasziniert.

Woher kommt diese Faszination? Über die Erzählungen entwickeln Kinder eine Vorstellung der Welt, die lebensprägend ist: Je breiter und umfangreicher diese Vorstellung, desto offener und vertrauensvoller wird die Einstellung eines Kindes zu seiner Welt, seiner Kultur und seinen Mitmenschen.

Die Tatsache, dass wir alle Bewohner desselben winzigen Planeten Erde sind, wird durch den Kontakt mit der Astronomie zur zentralen Erfahrung. Dadurch erweitert sich das kindliche Weltbild und kulturelle Grenzen werden durchlässig. Und das liefert einen Nährboden für Toleranz, Integration und ein friedliches Zusammenleben auf der Erde.

Darüber hinaus bringt die Astronomie Kindern die Wurzeln ihrer eigenen Traditionen auf spielerische Weise über Mythen und Sagen vom Nachthimmel näher.

Wenn ein Kind die Einzigartigkeit der Erde in Bezug zu den anderen Planeten des Sonnensystems nachvollziehen kann, wird auch sein Umweltbewusstsein sensibilisiert. Plötzlich ist vieles in der Natur nicht mehr "selbstverständlich", sondern Produkt einer langen Entwicklung, die sich über Millionen Jahre vollzogen hat. Kinder erfahren, dass im Laufe der Geschichte Planeten wie Venus und Mars das Wasser, das sie ursprünglich hatten, verloren haben: Nur die Erde blieb unter acht Planeten die blaue Perle in den Weiten des Sonnensystems.

Zugleich fördert die Beschäftigung mit der Astronomie die Entwicklung des naturwissenschaftlichen Denkens: Am Anfang verfolgen Kinder - von der Erde aus gesehen - die Bewegungen von Sonne, Mond und Sternen am Himmel, um danach die Perspektive zu wechseln: Wie sieht die Erde vom Mond betrachtet aus? Zeigt sie auch Phasen wie unser Mond?

Auch die Vorstellung der Entfernungen zwischen den Planeten und zwischen den Sternen und danach den Galaxien fördert das abstrakte Denken. "Think big!" ist hier das Motto. Und nicht zuletzt führt der Kontakt mit astronomischen Themen in jungen Jahren zur Formulierung tiefer philosophischer Fragen: Wie ist das Universum entstanden und warum? Ist das Universum unendlich? Sind wir allein im Universum oder gibt es auch anderswo Leben? Wird die Erde für immer existieren?

Wenn wir, wie im Rahmen des Projekts "Der südafrikanische Himmel über Deutschland", Kindern hierzulande zeigen, was ihre Altersgenossen in Südafrika nachts sehen und welche damit verbundenen Mythen es gibt, so schafft das eine direkte Verbindung mit dem Herzen Südafrikas.

Die Tatsache, dass von dort aus betrachtet all "unsere Sternbilder" auf dem Kopf stehen, dass es dort andere Sternbilder wie die Giraffen gibt, macht sie neugierig!

Die Geschichte von der Frau und ihrem Mann kann von Kindern intensiv erlebt werden: Diese und viele andere Erzählungen mit ihren Archetypen verbinden die Menschen ganz unabhängig von ihren kulturellen Wurzeln. "Ein Himmel, eine Erde" - das ist was hier zu Geltung kommt.

Dieser Artikel ist Teil einer Reihe von Texten, die die Zusammenarbeit von Forschern im Rahmen des Deutsch-Südafrikanischen Jahres der Wissenschaft 2012/2013 beschreiben.

Cecilia Scorza arbeitet für das Haus der Astronomie in Heidelberg. Sie betreut das Projekt "Der südafrikanische Himmel über Deutschland", an dem Schulen in Deutschland und Südafrika beteilgt sind. Zielgruppen des Programms, das durch das Bundesforschungsministerium gefördert wurde, waren Schüler, Lehrer, Studenten, Astronomen und Wissenschaftskommunikatoren.

Kooperationspartner von Süddeutsche.de