Artenschutz Und täglich grüßt das Wildtier

Ein Löwe und zwei Giraffen aus Zitronen und Orangen werben für ein Festival in Frankreich.

(Foto: Valery Hache/AFP)
  • Darstellungen von exotischen Tiere sind im Alltag eines durchschnittlichen Europäers omnipräsent.
  • Damit könnte in Vergessenheit geraten, dass viele der Tiere vom Aussterben bedroht sind, warnen Forscher.
  • Die Wissenschaftler fodern daher eine Art Lizenzgebühr auf Tierbilder und -spielzeug.
Von Katrin Blawat

Sie sind heimisch in Dschungel, Savanne oder der Arktis - und prägen dennoch den Alltag des Durchschnittseuropäers: exotische Tiere wie Löwe, Tiger, Giraffe und Eisbär. "Ein Tiger kommt zum Tee", wenn Eltern mit ihrem Kind Bilderbücher anschauen. Der kleine Bruder kaut derweil auf der Gummigiraffe "Sophie" herum, und der Autofahrer weicht einem Lkw aus, auf dem als Markenlogo ein stilisierter Löwe prangt.

Bemerkenswert ist die Omnipräsenz dieser Tiere in Büchern, Filmen, Spielzeugläden und in der Werbung, weil sie in starkem Kontrast steht zur Anzahl ihrer tatsächlich noch lebenden Vertreter. So verbreitet Darstellungen von Löwe, Tiger und Giraffe sind, so bedroht sind diese Tiere in der Natur. Darauf weisen Franck Courchamp von der Université Paris-Sud und seine Kollegen im Fachmagazin Plos Biology hin. Nach Ansicht der Autoren könnte die Diskrepanz zwischen den sogenannten virtuellen Populationen und den tatsächlichen sich sogar negativ auf den Schutz dieser Arten auswirken.

Das Team ermittelte unter anderem anhand von Fragebögen, welche großen Säugetiere Westeuropäer als besonders charismatisch wahrnehmen. In absteigender Reihenfolge waren dies Tiger, Löwe, Elefant, Giraffe, Leopard, Panda, Gepard, Eisbär, Wolf und Gorilla. Abgesehen vom Wolf gelten sie alle in unterschiedlichem Ausmaß als bedroht. Im Alltag aber trifft man sehr oft auf ihre "virtuellen" Vertreter, wie Courchamp und sein Team analysiert haben. So begegneten ihren Probanden im Durchschnitt täglich mehr als vier Darstellungen von Löwen. Und die Zahl der im Jahr 2010 in Frankreich verkauften Gummigiraffen Sophie war mehr als acht Mal so hoch wie die der in Afrika lebenden Giraffen.

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Dieses Ungleichgewicht könnte nach Meinung der Autoren fatale Folgen haben. Wer die Wildtiere ständig abgebildet sieht oder mit ihnen spielt, der entwickele nur schwer ein Verständnis für deren existenzielle Notlage in der Natur. "Wie die Leute diese Spezies wahrnehmen, beruht eher auf ihrer virtuellen als der realen Population", vermuten die Forscher.

Ihre Probanden sollten die zehn charismatischen Tiere als entweder bedroht oder als ungefährdet einschätzen. Am wenigsten kannten sich die Studienteilnehmer mit dem Gefährdungsstatus von Giraffe, Löwe und Leopard aus. Etwa 60 Prozent der Befragten verneinten fälschlicherweise, dass diese Arten bedroht sind. Die Autoren betonen, dass sich unter den Teilnehmern viele Studenten der University of California befanden - also Menschen, die als besonders gebildet gelten dürfen. Die meisten korrekten Antworten betrafen Eisbär, Tiger und Panda. Bei ihnen bejahten immerhin etwa 80 Prozent, dass diese Tiere schutzbedürftig sind.

"Unwissentlich könnten Firmen, die Giraffen, Geparden oder Eisbären für das Marketing nutzen, zu der falschen Annahme beitragen, diese Tiere bräuchten keinen Schutz", sagt Erstautor Courchamp. Diese Fehlannahme wiederum könnte die Bereitschaft mindern, sich für deren Schutz zu engagieren.

Arnulf Köhncke von der Naturschutzorganisation WWF hält die Ergebnisse der Studie dagegen für wenig besorgniserregend. "Das schockt mich nicht", sagt der Leiter des Bereichs Artenschutz. Einige Tiere wie die Giraffe würden erst seit Kurzem als gefährdet gelten. Es brauche vermutlich noch etwas Zeit, bis sich das Wissen darüber durchsetze. Auch die indirekte Kritik der Autoren am Konzept der sogenannten Flaggschiff-Arten lässt er nicht gelten. Der Begriff bezeichnet charismatische Spezies wie die in der Studie erfassten, die in der Bevölkerung ein hohes Ansehen haben, viele Emotionen und eine hohe Spendenbereitschaft wecken. Viele Artenschützer argumentieren, der Schutz dieser Flaggschiff-Spezies würde auch anderen Tieren im selben Lebensraum zugutekommen, die sich weniger fürs Rampenlicht eignen. Gelingt es etwa, das Habitat einer Elefantenpopulation zu erhalten, würden damit schließlich auch all die Insekten, Amphibien, Vögel und kleineren Säuger in diesem Gebiet gerettet.

"Spannend" findet Köhncke den Vorschlag der Autoren, wie sich die virtuelle Omnipräsenz der charismatischen Tiere im Alltag für deren Schutz nutzen ließe. Courchamp und seine Kollegen schlagen nämlich eine Art Lizenzgebühr vor. Bezahlen müsste jeder, der einen Löwen, Elefanten oder Geparden zeigt oder diese Tiere als Spielzeug verkauft. Die Einnahmen sollten dem Schutz der jeweiligen Art zugutekommen. Dies juristisch und praktisch durchzusetzen, könnte allerdings schwierig werden, räumen die Autoren ein. Aber: "Es ist notwendig."

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