Archäologie Parkplatzwächter gräbt nach mittelalterlicher Stadt

Stuart Wilson ist überzeugt, die Hauptstraße einer walisischen Stadt entdeckt zu haben.

(Foto: Stuart Wilson)

Ein Privatmann ersteigert ein Grundstück in Wales im Glauben, darunter sei eine Stadt verborgen. Seit mehr als zehn Jahren gräbt er nun - und sein Traum geht in Erfüllung.

Von Esther Widmann

Die Geschichte erinnert an die von Heinrich Schliemann in Troja. Ein Privatmann kauft ein Grundstück, gegen jede Lehrmeinung überzeugt, dort die Reste einer einst bedeutenden Stadt zu bergen - und wird fündig. Damit enden aber auch die Ähnlichkeiten mit Schliemann und Troja. Stuart Wilson hat nämlich in Wales keine mythische Metropole aus der Bronzezeit entdeckt, sondern die Ruinen einer mittelalterlichen Stadt. Und so reich wie Schliemann ist er auch nicht, im Gegenteil. Trotzdem sind Fund und die Geschichte dazu spektakulär.

Stuart Wilson hatte einen Universitätsabschluss in Archäologie, einen Job als Parkplatzwächter, 10 000 Pfund auf dem Konto - und einen Traum. Auf einem Feld außerhalb des walisischen Dörfchens Trellech steckten die Maulwurfshügel voller mittelalterlicher Scherben. Das erstaunte Wilson, denn Forscher der University of Wales hatten die mittelalterliche Stadt Trellech, vermutlich von der reichen Unternehmerfamilie de Clare im späten 13. Jahrhundert gegründet, innerhalb des heutigen Dorfes lokalisiert, etwa 500 Meter weiter nördlich. Die Scherben ließen Wilson träumen, dass er die Stadt weiter südlich finden könnte: Eine erste Grabung auf einem privaten Grundstück im Jahr 2002 förderte Hinweise auf Häuser zutage. Dann wurde die angrenzende Wiese versteigert. Bei 32 000 Pfund bekam Wilson den Zuschlag.

Trellech war möglicherweise die größte Stadt von Wales

Jetzt war er pleite, hatte Schulden bei der Bank und einen neuen, unbezahlten Job als Grabungsleiter. Mit Freiwilligen ging er ans Werk - und stieß bald auf ein Meter dicke Mauern, einen Innenhof mit einem Brunnen, einen Rundturm mit sechs Metern Durchmesser. Wilson interpretiert das als Herrenhaus und ist sich sicher, die Hauptstraße der einstigen Stadt gefunden zu haben, geschottert und so breit, dass man Märkte darauf abhalten konnte.

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Der schriftlichen Überlieferung zufolge war das historische Trellech mit geschätzten 10 000 Einwohnern einst womöglich die größte Stadt in Wales: Ein Schriftstück aus dem Jahr 1288 listet 378 "Burgages" auf, das waren so etwas wie bürgerliche Mietgrundstücke. Bei den Ausgrabungen gefundene Schlacke und Reste von Schmelzöfen zeugen von einer kurzen Periode intensiver industrieller Aktivität mit Eisenverhüttung zwischen der Mitte des 13. und dem frühen 14. Jahrhundert.

Die Familie de Clare brauchte in der Tat Eisen: Sie unterstützte König Edward I., der einst die Unabhängigkeit von Wales mit Waffengewalt bekämpfte. Dieser Krieg, indirekt vielleicht der Grund für die Entstehung von Trellech, war wohl auch Ursache für seinen Niedergang: Bereits im Jahr 1296, glaubt Wilson, wurde Trellech durch eine Rebellion zerstört. Nach dem Wiederaufbau fand die Stadt nicht mehr zu ihrer einstigen Größe zurück. Endgültig aufgegeben wurde sie nach dem Englischen Bürgerkrieg um 1650. Übrig blieben nur Reste einer kleinen Festung und eine Kirche aus dem 13. Jahrhundert, die heute mitten im Dorf stehen.

Diese Gebäude sahen die Forscher von der Universität als Zentrum der mittelalterlichen Stadt an. Wilson bezeichnet diese Ansichten als Träumerei. Es gebe zwar mittelalterliche Strukturen in der Nähe der Kirche - doch das könne im besten Fall das Verwaltungszentrum gewesen sein, von dem aus die Stadtentwicklung gesteuert wurde. Kein einziger Burgage sei hier gefunden worden, und bei den geophysikalischen Messungen hätte man seiner Meinung nach "mit den Kenntnissen eines Erstsemesters" über Geophysik erkennen können, dass es sich nicht um Gebäudereste handele.

Diese Luftaufnahme von Trellech entstand mithilfe einer Technik namens Lidar ("Light detection and ranging"): Ein an einem Flugzeug befestigter Laserscanner erstellt ein dreidimensionales Modell der Landschaft. Stuart Wilson nutzt das Bild zur Untermauerung seiner These: Seiner Interpretation nach sind in den schmalen Feldern entlang der Straßen (links, im dunkleren Grau) die mittelalterlichen burgages, lange streifenförmige Grundstücke, zu erkennen.

(Foto: Stuart Wilson)

"Es kann auch sein, dass sich die Nutzung des Geländes mit der Zeit verändert hat"

Vielleicht stehen sich die beiden separaten Fundorte aber auch gar nicht unvereinbar gegenüber: Ganz in der Nähe von Wilsons Feld fanden die Uni-Forscher Spuren der Eisenproduktion, und sie folgern, dass "die Stadt womöglich noch ein Stück südlich der modernen Siedlung weiterreichte". Carenza Lewis, Archäologin an der Universität von Lincoln, bestätigt das: "Die Gebäude zeigen, dass die Stadt wohl größer war als bislang angenommen und sich nach Süden bis in das Gelände von Wilsons Ausgrabungen erstreckte." Diese Ausdehnung sei durch Erkenntnisse aus anderen Siedlungen gedeckt.

Mittelalterliche Burgages gingen typischerweise als schmaler Streifen im rechten Winkel von der Straße ab, mit einer minimalen Breite der Straßenfront von etwa 3,5 bis 5 Metern. "Bei 378 Burgages, angeordnet zu beiden Seiten einer einzigen Straße, wäre die Siedlung knapp 700 Meter lang gewesen", rechnet Lewis vor. "Bei einer Breite von 5 Metern wäre es ein Kilometer" - und damit würden die Grundstücke selbst bei der angenommenen Existenz von zwei Straßen bis zu Wilsons Wiese reichen. Die von ihm gefundenen Mauern könnten zu einem herrschaftlichen Haus gehören, aber auch zu einem Kuhstall. "Es kann auch sein, dass sich die Nutzung des Geländes mit der Zeit verändert hat und zu gewissen Zeiten Teil der Stadt war und zu anderen nicht", sagt Lewis.

Burgages hat Wilson jedenfalls bisher auch nicht ausgegraben. Es gebe "Hinweise" auf Burgages in der Nähe seiner Wiese, und er gehe davon aus, dass sie sich entlang mehrerer weiterer Straßen verteilten. Die nördliche Position der Kirche lässt er als Argument nicht gelten: In einer Stadt der Größe von Trellech habe es zahlreiche weitere Kirchen gegeben, die seien einfach nicht erhalten. Beweise gibt es dafür nicht, selbst wenn es - genau wie bei Schliemann - nicht unwahrscheinlich ist, dass Wilson zumindest in Teilen recht hat.

Der Brite hat nach eigenen Angaben über die Jahre mindestens 200 000 Pfund und Tausende unbezahlter Arbeitsstunden in die Unternehmung gesteckt, die nach wie vor ein Verlustgeschäft ist. In jedem Fall hat er für die Erfüllung seines Traumes einen hohen Preis bezahlt.

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