Archäologie Neandertaler schufen Höhlenkunst

Im spanischen Cartagena ist der mehr als 66 000 Jahre alte Handabdruck eines Neandertalers an einer Höhlenwand zu sehen.

(Foto: dpa)
  • Ein internationales Forscherteam hat mit einer neuen Datierungsmethode herausgefunden, dass bildliche Darstellungen in spanischen Höhlen mindestens 64 800 Jahre alt sind.
  • Der Homo Sapiens, also der moderne Mensch, kam allerdings erst mehr als 20 000 Jahre später nach Europa.
  • Die Studien kommen zu dem Schluss, dass Neandertaler die Kunstwerke geschaffen haben.
Von Tim Appenzeller

Einst wurden sie für grobe Höhlenmenschen gehalten, nun erscheinen sie in einem ganz anderen Licht: Ein internationales Forscherteam hat herausgefunden, dass Neandertaler die allerersten Höhlenkünstler waren. Die Ergebnisse veröffentlichten die Forscher in zwei Artikeln in den Fachmagazinen Science und Science Advances. In ihrer Untersuchung bestimmten sie das Alter von einfachen Malereien aus drei spanischen Höhlen - die Umrisse einer Hand, eine Konstellation von Linien und Punkten sowie eine Höhlenabbildung. Die Ergebnisse zeigten Erstaunliches: Alle Malereien sind mehr als 64 800 Jahre alt und somit zu einer Zeit entstanden, in der es in Europa noch keine modernen Menschen gab. Diese kamen erst 20 000 Jahre später. Zudem untersuchten die Forscher gefärbte Muschelschalen aus einer vierten spanischen Höhle, deren Löcher darauf hinweisen, dass sie einst als Körperschmuck getragen wurden. Diese erwiesen sich als noch älter.

Sowohl die Schalen als auch die Malereien liefern den Forschern wichtige Hinweise auf das Verhalten der Neandertaler. João Zilhão von der University of Barcelona zeigte sich von den neuen Erkenntnissen begeistert. Als Erstautor der beiden Artikel hat er Jahre damit verbracht, seine These zu verteidigen, wonach Neandertaler dem modernen Menschen geistig ebenbürtig waren. Die nun datierten Höhlenzeichnungen und Muschelschalen sieht er als umfassenden Beweis für seine Meinung an. "Ich würde gerne den Ausdruck auf einigen Gesichtern sehen, während sie die Zeitungen lesen", sagt Zilhão.

"Behaupten, dass Neandertaler wie moderne Menschen waren? Das ist weit hergeholt."

Jean-Jacques Hublin vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie (MPE) in Leipzig hingegen akzeptiert zwar, dass Neandertaler kognitiv anspruchsvoll waren, glaubt aber dennoch, dass ihre kulturellen Errungenschaften nicht mit denen des modernen Menschen mithalten können. Er selbst war nicht an den Studien beteiligt und äußert sich kritisch über das, was er als Zilhãos Absolutismus bezeichnet: "Was ist das Ziel? Behaupten, dass Neandertaler wie moderne Menschen waren? Das ist weit hergeholt." Die neuen Daten zeigen zwar, "dass Neandertaler in bestimmten Bereichen das gleiche Potenzial wie moderne Menschen besaßen". Dennoch sieht er weiterhin Unterschiede im kulturellen Verständnis. Zudem weist Hublin darauf hin, dass die Neandertaler kurz nach ihrer Ankunft in Europa durch den modernen Menschen abgelöst wurden.

Die Kunst aus der Höhle

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Auch Harold Dibble von der University of Pennsylvania zweifelt an der These vom kultivierten Verhalten der Neandertaler. "Die größte Frage ist die Frage nach der Qualität solcher Datierungen", sagt er. Andere Experten hingegen sehen wenig Anlass für Zweifel. "Ich bin zuversichtlich, dass die Daten richtig sind", sagt Rainer Grun, ein Experte in der angewandten Datierungstechnik an der Griffith Universität in Australien, der an der aktuellen Arbeit nicht beteiligt war.

Zilhão hingegen prophezeit, dass sich andere Höhlenmalereien als genauso alt erweisen werden, wenn nicht gar als noch älter. "Dies kratzt gerade erst an der Oberfläche einer ganz neuen Welt", sagt er und zitiert zwei weitere Funde, um seine These zu stützen. Einer der Funde besteht aus zwei korallenförmigen Skulpturen, die aus zerbrochenen Stalagmiten zusammengesetzt und von Feuer versengt worden sind. Höhlenforscher fanden sie in mehr als 300 Metern Tiefe in der Bruniquel-Höhle in Frankreich. Die Objekte sind etwa 175 000 Jahre alt und wurden vermutlich von Neandertalern für rituelle Zwecke erstellt. Auch die direkten Vorfahren des Menschen in verschiedenen afrikanischen Orten kreierten Muschelperlen und abstrakte Radierungen auf Eierschalen und Mineralien.

Eine neue Methode hilft, das Alter der Höhlenkunst genauer zu datieren

Bis in die frühen 2000er Jahre war es kaum möglich, das Alter von Höhlenmalereien zu bestimmen. Dies machte es schwierig, die bis dato gängige Annahme zu widerlegen, wonach die Künstler moderne Menschen waren. Dann jedoch haben Wissenschaftler eine alternative Methode zur Abschätzung des Alters entwickelt, die auf einer dünnen Schicht Calcit basiert. Wenn Grundwasser an einer Höhlenwand herunter sickert, lagert sich dieses Mineral ab und bedeckt somit auch die Malereien.

Das Wasser enthält Uran-Atome, die zu einem charakteristischen Thorium-Isotop zerfallen. Dieses wiederum häuft sich über Jahrtausende im Calcit an. Wenn man also eine dünne Schicht von einem Höhlengemälde abschleift und das Verhältnis von Uran zu Thorium misst, kann man das Alter des Minerals bestimmen. Die Malerei unter der Calcitschicht ist mindestens so alt wie das Mineral selbst - und könnte sogar noch viel älter sein.

Dirk Hoffmann vom MPE war einer der ersten, der die Uran-Thorium-Datierung auf Höhlenmalereien anwandte. Zusammen mit seinen Kollegen analysierte er mit dieser Technik Dutzende Malereien in ganz Italien, Frankreich und Spanien. Die meisten Daten lagen in der Zeit des modernen Menschen, welche vor etwa 40 000 bis 45 000 Jahren begann. In den drei beschriebenen Fällen jedoch waren die Malereien viel zu alt, als dass sie vom modernen Menschen hätten geschaffen sein können. Die Lücke zwischen den heutigen Menschen und den einstigen Verwandten wird somit immer enger, ebenso wie die zwischen den Neandertaler-Experten. Geschlossen ist die Kluft aber noch lange nicht.

Dieser Text ist im Original im Fachmagazin Science erschienen. Deutsche Bearbeitung: Jing Wu

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