Anthropologie Erbe der Neandertaler

Als moderne Menschen vor etwa 45000 Jahren nach Europa kamen, trafen sie dort auf die Neandertaler und vermischten sich mit ihnen. Das erleichterte die Anpassung an die für sie ungewohnte Umwelt.

Von Hubert Filser

Als moderne Menschen vor etwa 45 000 Jahren nach Europa kamen, trafen sie dort auf die Neandertaler. Dass beide Menschenarten sich miteinander fortpflanzten, gilt mittlerweile als gesichert. Schließlich stammen bis zu sechs Prozent des Erbguts heute lebender Menschen vom Neandertaler und zu geringen Teilen auch vom Denisova-Menschen. Dass die Vermischung unser Immunsystem stärkte, zeigen nun zwei aktuelle Studien von Forschern des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und vom Institut Pasteur und dem CNRS in Paris. Unsere Vorfahren erbten demnach von den Neandertalern spezielle Genvarianten, mit deren Hilfe sie Infektionen besser abwehren konnten (American Journal of Human Genetics).

Artübergreifende Beziehungen seien für die Evolution des angeborenen Immunsystems enorm wichtig gewesen, betonen die Genetiker. Als nämlich moderne Menschen aus Afrika ins westliche Asien und nach Europa einwanderten, waren sie mit ganz neuen Umweltbedingungen konfrontiert, insbesondere mit neuen Nahrungsmitteln, Pflanzen, Krankheitserregern und oft auch mit ganz anderen klimatischen Bedingungen. Das war vor allem für das Immunsystem eine riesige Herausforderung. Viel besser waren da die Einheimischen angepasst, schließlich lebten die Neandertaler schon seit mehr als 200 000 Jahren in Europa.

Das neue Erbgut erleichterte unseren Vorfahren die Anpassung an eine ungewohnte Umwelt

Als sich die Neuankömmlinge mit ihnen vermischten, brachte ihnen das Vorteile. Die genetische Vielfalt einiger wichtiger Immungene erhöhte sich durch den Austausch. Die Vermischung habe funktionelle Auswirkungen, sagt Janet Kelso vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. Sie habe unsere Vorfahren beispielsweise mit einer stärkeren Widerstandskraft gegen Krankheitserreger ausgestattet und es ihnen erleichtert, neue Nahrungsressourcen zu verarbeiten. Die beiden Forschergruppen stießen insbesondere auf die Bedeutung der sogenannten TLR-Gene. Sie sind wichtig für die Fahndung nach Bakterien, Pilzen oder auch Parasiten. Außerdem spielen sie eine Rolle bei der Aktivierung der Immunantwort des Körpers. All das schützt vor gefährlichen Infektionen.

Die französische Gruppe erforschte die Entwicklungsgeschichte des angeborenen Immunsystems und untersuchte dabei 1500 Gene. Die Forscher verglichen Genomsequenzen von heute lebenden Menschen mit denen von Frühmenschen. Dabei zeigte sich, dass sich einige Immungene über lange Zeit hinweg kaum verändert haben, bei anderen haben sich dagegen innerhalb kurzer Zeit neue Varianten durchgesetzt, die eine bessere Anpassung an veränderte Umweltbedingungen ermöglichten. Zu letzteren gehören drei TLR-Gene. Die Forscher entdeckten, dass sie sowohl bei Europäern als auch bei Asiaten einen deutlich höheren Neandertaleranteil aufweisen als der Rest des Genoms.

Die Leipziger Forscher waren ebenfalls auf die Bedeutung der alten, von den Neandertalern übertragenen TLR-Gene gestoßen, allerdings auf einem anderen Weg. Sie untersuchten die funktionelle Bedeutung von Genen, die der moderne Mensch von früheren Menschenarten geerbt hat. Janet Kelso und ihre Kollegen identifizierten Regionen im Erbgut, die den Neandertaler- und Denisova-Genomen besonders stark ähneln und untersuchten dann deren Verbreitung bei Menschen aus aller Welt. Die TLR-Gene steigern die Abwehr von Krankheitserregern, könnten aber auch, so schreiben die Forscher, für eine erhöhte Anfälligkeit heutiger Menschen für Allergien verantwortlich sein. Auch das ist das Erbe der Neandertaler.