Yakuza, Japans Mafia Frauen für das Sexgewerbe und Männer für Fukushima

Die japanische Mafia-Organisation Yakuza ist eine Wirtschaftsmacht. Ihr Einfluss reicht von den größten Konzernen des Landes über Prostitution bis in die Tiefen des Atommüllgeschäfts in Fukushima-1. Seit kurzem machen die Mafiosis auch in Hedgefonds.

Von Christoph Neidhart

In dem havarierten und von radioaktiven Strahlen verseuchten Atomkraftwerk Fukushima I verrichten Männer die gefährlichsten Jobs, die von der Yakuza, der japanischen Mafia, rekrutiert wurden. Jedenfalls ist das oft der Fall. Einige wurden dazu gezwungen, weil sie der Yakuza gegenüber "schwere Schulden" hätten.

Das sagt Tomohiro Suzuki, der als verdeckt arbeitender Journalist im Sommer selber als Hilfsarbeiter in der zerstörten Atomanlage gearbeitet hatte. Einige der "Fukushima-50", jener vermeintlich mutigen Männer, die in der Woche nach dem Atomunfall ihr Leben riskierten, waren Yakuza, so Suzuki. Die Verbrecherorganisationen kassieren als Arbeitsvermittler die Provisionen: je gefährlicher der Job, umso höher die Zahlung.

Auch in den Skandal um den Optik-Konzern Olympus soll die Yakuza verwickelt sein, schrieben japanische Medien. Bis heute hat Olympus nicht erklärt, wohin jene 1,5 Milliarden Euro verschwanden, deren Verlust der Optik-Konzern mit einem weltweiten Netz von Deckadressen vertuschte und die er mit fingierten Firmenübernahmen und Beraterhonoraren zu kompensieren suchte.

Olympus behauptet, das Management habe das Geld ungeschickt verspekuliert. Details sind dazu bisher keine bekannt, die Abteilung für organisiertes Verbrechen der Tokioter Polizei ermittelt. Der Kriminalreporter Jake Adelstein, einer der besten Kenner der Yakuza, weiß, dem Chef einer jener wertlosen Firmen, die Olympus für absurd hohe Summe übernommen hat, sei eine Yakuza-Verbindung nachgewiesen worden.

Seit kurzem macht die japanische Mafia auch in Hedgefonds

Die Yakuza ist einst aus Banden, die illegale Geldspiele organisierten und aus Gruppen fahrender Händler entstanden. Die Bosse der Marktfahrer wurden vom Staat als Führungsfiguren anerkannt. Nach dem Zweiten Weltkrieg organisierten sie den Schwarzmarkt. Seither machten sie mit Prostitution, Drogenhandel, illegalen Wetten und Geldspielen, der Erpressung von Schutzgeld, dem wucherischen Geldverleih und dem Eintreiben von Schulden ihre Profite.

Das 1991 eingeführte, erste Anti-Mafia-Gesetz Japans zwang die Gruppen, in die legale Wirtschaft zu diversifizieren, besonders in Immobilien, aber auch in die Finanzwirtschaft, jüngst in Hedge-Fonds. Von Tadamasa Goto, dem früheren Boss der mächtigen Yamaguchi-Gumi, heißt es, er sei zeitweise der größte Aktionär der nun bankrotten Japan Airlines gewesen.

Die Job-Agenturen, die Arbeiter ins Kernkraftwerk schicken, sind legal. Die bloße Mitgliedschaft in einer Yakuza-Bande ist in Japan nicht verboten, auch die "Gumi" genannten Gruppen sind legal. Die Polizei zählt derzeit 78.600 Yakuza-Mitglieder in 22 Gumi. Bisher unterhielten diese Gumi offizielle Büros. Eine neue Verordnung, die nach und nach von allen Präfekturen eingeführt wurde, fordert Private und Institutionen auf, Geschäfte mit der Yakuza zu unterlassen. Statt gegen die Yakuza vorzugehen, zielt die Polizei nun auf reguläre Firmen, die deren Treiben erst ermöglichen. Yakuza sollen keine Bankkonten mehr eröffnen können. Die Verordnung gilt theoretisch sogar für Paketdienste, die einer Yakuza-Organisation Post liefern.

Verpflechtung zwischen Politik und Mafia

Vielen Politikern werden Yakuza-Verbindungen nachgesagt; Shizuka Kamei, Minister für die Postreform in den Regierungen von Yukio Hatoyama und Naoto Kan, hat 2003 zugegeben, von Gotos Yamaguchi-Gumi Geld angenommen zu haben. Er will nicht gewusst haben, woher es kam. Ryu Matsumoto, der im Juli als Wiederaufbau-Minister nach wenigen Tagen im Amt abtreten musste, redet nicht nur wie ein Yakuza, er soll auch Verwandte in der Organisation haben.

Warum duldet die friedliche japanische Gesellschaft die Yakuza? Man könne das mit ihrem Ehren-Kodex und ihrer früheren Rolle erklären, meint der Journalist Atsushi Mizoguchi. Yakuza-Mitglieder schwören, nicht zu vergewaltigen, nicht zu stehlen und keine Raubüberfälle zu verüben. Früher hätten sie der Polizei gelegentlich Tipps gegeben und ihr Kleinkriminelle ausgeliefert. In Nagoya schickte die Kokodai-Gumi Patrouillen auf die Straße.

Das noble Bild der Yakuza ist allerdings ein Mythos. Dennoch glauben manche Leute noch, so Mizoguchi, im Falle einer Krise würde sich die Yakuza patriotisch verhalten. Als die Linke in den 1960er-Jahren gegen die Militärallianz mit den USA protestierte, prügelte die Yakuza Demonstranten in die Flucht. Nach dem Hanshin-Erdbeben 1995 zog die Yakuza die effektivste Hilfe auf. Auch nach dem Tsunami von 2011 schickte sie viele Lastwagen mit Nothilfe, deren Wert die Zeitschrift Sentaku auf 400.000 Euro schätzte. Danach bewarben sich ihre legalen Firmen aggressiv um Aufträge zur Müllbeseitigung. Außerdem, sagt Adelstein, ziehe die Polizei, wenn sie die Wahl habe zwischen organisiertem und und dem nicht-organisierten Verbrechen hat, das organisierte vor. Es lasse sich eher kontrollieren.

Beim Stromkonzern Tepco, der das Katastrophen-Kraftwerk Fukushima betrieb, weiß man offiziell nichts von den Yakuza-Arbeitsvermittlern. Die Drecksarbeit ist an Subunternehmen von Subunternehmen ausgelagert, mit denen die Elektrizitätsgesellschaften direkt nichts zu tun haben. Das ist nicht erst seit dem Atomunfall so, schrieb Suzuki in einem Buch über die Yakuza und die Kernkraft.

Viele der "Nuklear-Zigeuner", die für Wartungsarbeiten von AKW zu AKW ziehen, kommen seit Jahren von den Yakuza-Agenturen. Zu den schwersten Strafen für einen Yakuza, der seine Treuepflicht verletzt hatte, gehörte es früher, auf einen Thunfisch-Trawler versklavt zu werden. Heute ist es Fukushima. Frauen, die nicht mehr wissen wohin, gehen ins Sexgewerbe, zitiert Adelstein einen Yakuza, Männer ins AKW.

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