Weggeworfene Lebensmittel Mülltauchen statt einkaufen

In Mülltonnen von Supermärkten liegen oft noch genießbare Lebensmittel. "Mülltaucher" machen sich das zunutze.

(Foto: dpa)
  • In vielen deutschen Städten stöbern Menschen in Mülltonnen von Supermärkten nach Lebensmitteln - aus Protest gegen Verschwendung oder aus Not.
  • Die rechtliche Lage des "Mülltauchens" ist umstritten - ebenso mögliche Gesundheitsgefahren.
Report von Tobias Pastoors

Ein kleiner Dreh mit dem Dreikantschlüssel und schon springt die Tonne auf. "Mal wieder voll heute", sagt Martin. Er ist nicht alleine unterwegs, vier Freunde sind heute an der Mülltonne beim Supermarkt dabei. Zusammen räumen sie die Müllsäcke aus den Tonnen und trennen augenscheinlich genießbare Lebensmittel von Verpackungsmüll und verfaultem Gemüse. In den Netzen mit Mandarinen ist meistens nur eine verschimmelt, bei den Äpfeln einer pro Beutel faul. Bei manchen Sachen läuft das Mindesthaltbarkeitsdatum in den nächsten Tagen ab oder ist schon abgelaufen. Doch das interessiert Martin nicht. "Da vertraue ich auf meine Sinne", sagt er. Übrig bleiben Kartoffeln, Tomaten, Erdbeeren, Mandarinen, Milchkartons, Joghurtbecher, Räucherlachs, Wurst und vieles mehr. Auch heute wieder ist es mehr als sie tragen können. Der Rest kommt in Müllsäcke und zurück in die Tonnen. "Vielleicht holt sich das noch wer", sagt Martin und zieht sich die Gummihandschuhe aus.

Martin, 27, lebt in München und nennt sich selbst "Containerer". Er sammelt Lebensmittel aus Mülltonnen - nicht um Geld zu sparen, sondern als Protest gegen die Verschwendung. "Wenn ich mal in einen Lebensmittelladen gehe, kaufe ich da meistens nur Bier", sagt er. Rund zwei Mal pro Woche zieht er abends los, auf der Suche nach weggeworfenen aber noch genießbaren Produkten. Der vermeintliche Abfall reicht ihm ohne Probleme zum Leben. Meistens findet er sogar zu viel und muss Essen zurücklassen. "Ich hoffe dann, dass sich das jemand anders holt", sagt er. Doch meistens kommt niemand anders mehr.

Umkämpfte Tonnen in Köln

Zu wenige Mülltaucher machen sich in München auf die Suche, um alle Überschüsse einsammeln zu können. Gerade einmal 219 Mitglieder hat die Facebook-Gruppe "Containern/Dumpstern München". Auf 838 Mitglieder kommt dagegen "Containern in Köln", in Berlin sind es 1444. Um andere Mülltaucher in München zu unterstützen, hat Martin eine öffentliche Karte bei Google erstellt, in die er Orte einträgt, an denen er schon containern war, oder es versucht hat. 52 Stellen hat Martin eingetragen.

In der Münchner Facebook-Gruppe herrscht eine freundliche Atmosphäre. Erfahrene Mülltaucher bieten Neulingen an, sie einfach mal zu begleiten. Anders sieht es in Köln aus. Die Facebook-Gruppe hat dort sechsmal so viele Mitglieder und aus Kooperation ist teilweise Konkurrenz geworden. "Wer nach zwei Minuten, wo er der Gruppe angehört, schon nach Fundstellen bettelt, kann bitte woanders hingehen", heißt es auf der Seite der Kölner Facebook-Gruppe. Wer eine ertragreiche Mülltonne kennt, behält das lieber für sich. Einige berichten, dass andere Mülltaucher sie mit faulem Gemüse beschmissen hätten, um sie zu vertreiben. Um überhaupt noch etwas abzukriegen, gehen viele bereits weit vor Ladenschluss auf Tour.

Mülltauchen aus schierer Not

Martin sieht sich selbst als Aktivist. Viele andere Mülltaucher dagegen greifen in die Tonne, weil der Kühlschrank leer ist. Diese Gruppe ist in Köln augenscheinlich deutlich größer als in München. So groß, dass Lebensmittelaktivisten sich in Köln teilweise zurückziehen. Ein Kölner berichtet, dass er nicht mehr vor elf Uhr abends containern geht. Er möchte niemandem etwas wegnehmen. Frisches Gemüse findet er dann oft noch, die Fertigprodukte sind weg.

Dass die weggeschmissenen Lebensmittel der Supermärkte in Köln ein umkämpftes Gut sind, während Martin in München aus dem Vollen schöpfen kann, könnte auch mit den Unterschieden bei den lokalen Tafeln zusammenhängen. In München, sagt Wenka Russ von der Münchner Tafel, habe jeder Bedürftige auch Zugang zur Tafel. In Köln sei das nicht zu leisten, bedauert dagegen Karin Fürhaupter von der Kölner Tafel. So fehle es in manchen Kölner Stadtteilen - zum Beispiel in Chorweiler - an Räumlichkeiten. Zu einer Ausgabe in einem anderen Stadtteil aber dürfen die Menschen nicht gehen. "Sonst entsteht ein Tafel-Tourismus", erklärt Karin Fürhaupter. Schließlich gebe es bereits Wartelisten für die bestehenden Ausgaben. Auch aus Mangel an Lebensmittelspenden gingen in Köln viele Bedürftige bei der Tafel leer aus. Und von denen gibt es in Köln relativ gesehen viel mehr als in München. 7,6 Prozent der erwerbsfähigen Kölner leben von Arbeitslosengeld II und dürfen damit - theoretisch - die Ausgaben der Tafeln nutzen. München kommt auf nur 2,6 Prozent.