Ein Konzern auf Suche nach Identität und ein Ex-Ministerpräsident: Der Althaus-Wechsel zu Magna zeigt, wie nahe sich Politik und Autobranche sind.
Jede Niederlage hat ihr Gutes. Frank Stronach, 77, Gründer des Autozulieferers Magna und sein Kompagnon Siegfried Wolf, 52, haben Ende 2009 ihr schmerzhaftes Waterloo erlebt. Die Übernahme von Opel, die eigentlich schon festgezurrt war, wurde vom Opel-Mutterkonzern General Motors kurzerhand abgesagt. Der monatelange Auto-Poker brachte Stronach und Wolf jedoch einen Kontakt ein, der sich im Nachhinein ausgezahlt hat - den zu Dieter Althaus, dem damaligen Ministerpräsidenten von Thüringen.
Zweite Karriere: Dieter Althaus, ehemaliger Ministerpräsident von Thüringen, heuert als Lobbyist beim Autozulieferer Magna an. (© Foto: AP, Grafik: sueddeutsche.de)
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Die Unternehmer feilschten um Opel, der Politiker wollte das Autowerk Eisenach retten. Stronach und Althaus kämpften fortan Seit' an Seit'. Die Liaison hat offenbar auch Althaus' wenig rühmlichen Abgang als Landeschef überstanden. Jetzt hat der austro-kanadische Zulieferer den 51-Jahre alten CDU-Politiker als Vizepräsident verpflichtet. Sein Zuständigkeitsgebiet: "Kontakte zu öffentlichen Stellen in Deutschland" - und zum Kunden Volkswagen. Dafür verabschiedet sich der Thüringer sogar vollständig von der politischen Bühne, sein Landtagsmandat wird der Politiker Ende April zurückgeben.
Verbindung mit Charme
Das gute Verhältnis zwischen Althaus und den Magna-Oberen fiel schon seit geraumer Zeit auf. Bei öffentlichen Auftritten in Thüringen hatten sich Althaus und Magna-Chef Wolf einige Male als Duzfreunde präsentiert, hieß es.
Politik und Autoindustrie, das ist eine Verbindung mit Charme - gerade in einer Zeit, in der eine ganze Branche leidet. Wenn es um Staatsgelder oder andere Hilfen geht, dann hat es für Unternehmenslenker einen großen Reiz, den direkten Draht zu den Schaltstellen der Politik zu pflegen. Es ist ein Geben und Nehmen. Matthias Wissmann, ehemaliger Verkehrsminister mit CDU-Parteibuch, ist heute Präsident des Verbands der Automobilindustrie. Und erst vor wenigen Tagen gab Opel die Verpflichtung des Unionsmanns Volker Hoff als neuen Cheflobbyisten bekannt - bis Februar 2009 war der hessischer Europaminister.
Nun also Althaus, für den der Wechsel zu Magna eine große Chance ist. Die Zeit des CDU-Mannes in der großen Politik war ohnehin abgelaufen. Althaus war am 1. Januar 2009 in Österreich in einen Skiunfall verwickelt, bei dem eine 41 Jahre alte Mutter zu Tode kam und der damalige Ministerpräsident ein Schädel-Hirn-Trauma erlitt. Von einem österreichischen Bezirksgericht wurde Dieter Althaus darauf in einem Schnellverfahren wegen fahrlässiger Tötung verurteilt. Die Landtagswahl im August geriet daraufhin für die Union zum Debakel. Sie verlor ihre absolute Mehrheit - und Althaus wenig später sein Amt.
Krisenstimmung in Graz
Angeschlagen ist auch Magna. Der Traum, als eigenständiger Autohersteller wahrgenommen zu werden, ist mit der gescheiterten Opel-Übernahme vorerst ausgeträumt. Jetzt müssen sich Stronach und seine beiden Vorstandschefs Wolf und Don Walker wieder mit dem schnöden Tagesgeschäft eines Autozulieferers befassen. Und da sieht es alles andere als rosig aus. Im ersten Halbjahr 2009 hat Magna Verluste geschrieben, der Umsatz in den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres brach um 37 Prozent ein.
Deutlich zu sehen ist die Magna-Krise am Standort Graz. Das Werk, im Jahr 1998 vom österreichischen Zulieferer Steyr Daimler Puch gekauft, wurde nach der Übernahme rasant zu einem der wichtigsten Standorte von Magna ausgebaut. Die Crème de la Crème der Autoindustrie ließ von Magna in Graz fertigen: Daimler eine Version der E-Klasse, Saab das 9-3-Cabrio und Porsche die Sportwagen Cayman und Boxter. Auf dem Höhepunkt fertigten 7400 Mitarbeiter nahezu 250.000 Autos im Jahr.
Lukrativ waren diese Geschäfte vor allem deshalb, weil Magna nicht nur die Autos zusammenschraubte, sondern auch Achsen oder Cabriodächer fertigen durfte. Dieses Gesamtpaket war eine wunderbare Möglichkeit, Gewinnmargen zu verstecken - besonders wertvoll in einer Zeit, wo Autohersteller mit Zulieferern um jeden Cent feilschen. Inzwischen hat Porsche Magna die Fertigung für Boxter und Cayman entzogen, ab Mitte 2010 fällt auch noch der wichtigste Auftrag, die Produktion des BMW X3, weg. Bereits jetzt arbeiten im Vorzeigewerk Graz nur noch 5500 Mitarbeiter, 3000 davon befinden sich in Kurzarbeit.
Beziehungspflege mit Volkswagen
Schlimmer noch, der Opel-Ausflug hat Magna jede Menge Ärger beschert. VW-Chef Martin Winterkorn hat es Stronach und Wolf übelgenommen, dass sie mit Opel einen direkten VW-Konkurrenten aufpäppeln wollten. Immer wieder hat Winterkorn in der Vergangenheit bekräftigt, die Geschäftsbeziehungen zu Magna überdenken zu wollen.
Hier soll der neue Lobbyist Althaus ansetzen. Der 51-Jährige wird besonders für die Kontakte nach Wolfsburg verantwortlich sein. "Es ist erfreulich, wenn Politiker ihre exzellenten Kontakte und Erfahrungen nach der aktiven Zeit der Wirtschaft zur Verfügung stellen und sich nicht auf Funktionärstätigkeiten zurückziehen", sagt Wolf.
Die zweite Karriere des Dieter Althaus - auch für ihn hat sich eine schwere Niederlage in etwas Gutes gewandelt.
(sueddeutsche.de/jja/mel)
Demonstrationen in Hamburg
Zu dem vorigen SZ-Artikel "Dieter Althaus: Abschied aus der Politik Top-Job nach dem Fall"
schrieb ich folgenden Kommentar:
"Abschied aus der Politik?
Liebe SZ, die Titelschrift "Dieter Althaus: Abschied aus der Politik" gilt es zu überdenken, weil:
Für Dieter Althaus geht es nun in der Politik richtig los. Was er in DDR und BRD in seinen bisherigen Ämtern absolvierte, war lediglich nur eine Art Lehrmaßnahme bzw. Ausbildung.
Nun ist er reif genug für das politische Hintergrund-Strippen ziehen im Dienste des Lobbyismus, also die vornehmste und edelste Betätigung im deutschen Politleben."
Danke SZ, dass sie es überdacht haben. (SZ:"Der Althaus-Wechsel zu Magna zeigt, wie nahe sich Politik und Autobranche sind. ")
"Der Althaus-Wechsel zu Magna zeigt, wie nahe sich Politik und Autobranche sind."
Ach geh weiter - da hätte ich bis heute glatt geglaubt, daß Politik und Wirtschaft total unabhängig voneinander funktionieren.
Am Ende sind die Medien auch noch beeinflußt oder beeinflussen selbst.
Aber das glaube jetzt wirklich nicht.
Korruption wird offensichtlich nicht bloß mit FDP buchstabiert, es steckt auch im hohen C. Nichts Neues aber; das Kürzel wg. des Eberhard von Brauchitsch brachte es in die engere Auswahl des Unwortes des Jahres 1982 oder hat es sogar zum ersten Rang geschafft.
Magna mag glücklich werden mit dem Mann, der schon jeher den direkten Blick scheute; die Eigenschaft dürfte ihm in vielen Situationen seines Lebens nützlich gewesen sein. Wer weiß, vielleicht ist Magna ja auch in der bedauerlichen Lage, daß das Unternehmen jemand braucht, der der Belegschaft gegenüber mal Kante zeigen muß. Daß er sich darin auskennt, hat er auf der Piste bewiesen.
So langsam wird sichtbar, warum der Pistenraudi, der als Raser wohlweislich den Tod einer mehrfachen Mutter in Kauf genommen hat, so glimpflich davon kam (wäre er ein Grüner Türke und in Bayern ski gefahren, hätte man ihn mit mindestens 9 Jahren belegt). Und so langsam sollte man sich in Brüssel über gewisse Machenschaften Österreichischer Firmen Gedanken machen. Erinnert stark an Russische Mafia Geschichten (andere Beispiele sind Strabag, Vekselbergs Oerlikon & Sulzergeschichten welche ebenfalls via Österreicher abgewickelt wurden, etc.). Und auch bei Magna haben gewisse Oligarchen die Finger im Spiel.
Die Frage bleibt: Was hat Althaus Magna zu bieten? Soll er dem kanadischen Pleitekonzern helfen, an Deutsche Aufträge zu kommen? Man darf gespannt sein.
Denn in absehbarer Zeit dürften auch BMW oder Daimler einen entsprechenden Partner.
Sonderlich gut recherchiert ist der Beitrag nicht - Porsche wollte den zwar Boxster / Cayman ab 2011 in Graz bauen (und entwickeln) lassen,was im Zuge der VW-Fusion abgesagt wurde. In der Vergangenheit hat es aber diesbezüglich keine Beziehungen gegeben.
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