Abgasskandal Guter Wille allein wird kaum reichen

Hat VW durch sein Verhalten vor und seit Bekanntwerden des Skandals zu der jetzigen Zuspitzung beigetragen?

Aus US-Sicht gewiss. Nachdem die Universität von West Virginia (WVU) die Umweltämter EPA und Carb im Mai 2014 über viel zu hohe Abgaswerte bei Testfahrten mit VW-Diesel-Pkw unterrichtet hatte, verlangten die Behörden von Volkswagen Erklärungen. Laut Klageschrift reagierte der Konzern jedoch mit "ungenauen Darstellungen" und dem "bewussten Vertuschen von Fakten". Die VW-Abgesandten hätten die Prüfergebnisse der WVU immer wieder mit "noch zu klärenden technischen Punkten" begründet und monatelang behauptet, die Universität habe auf der Straße Dinge gemessen, die mit denen auf dem Prüfstand gar nicht vergleichbar seien. Erst im September gestanden sie demnach die Verwendung einer "Defeat Device" ein.

Kooperierte VW wenigstens dann?

Auch hier lautet die Antwort der US-Regierung: Nein! Dass etwa neben den Zweiliter- auch die Dreilitermotoren des Unternehmens mit einer Software versehen waren, die zu unterschiedlichen Abgaswerten auf der Straße und auf dem Prüfstand führten, habe der Konzern selbst dann noch bestritten, als er durch EPA und Carb bereits überführt gewesen sei, so das Ministerium. VW habe alle Bemühungen, die Wahrheit herauszufinden, "durch erhebliche Versäumnisse und irreführende Informationen behindert und blockiert".

Warum repariert VW die Autos der US-Kunden nicht endlich, um wenigstens jetzt guten Willen zu demonstrieren?

Die Abgasnormen in den USA sind strenger als in Deutschland, wo ein Software-Update und ein Luftverwirbler zu zehn Euro ausreichen, um die Behörden zufriedenzustellen. Bei VW schätzt man deshalb, dass auch Teile im Abgasstrang neu konstruiert und zugelassen werden müssen - sehr große Eingriffe also mit hohen Materialkosten und langer Werkstattzeit. Nach SZ-Informationen geht man konzernintern mittlerweile davon aus, etwa ein Fünftel der in den USA betroffenen Autos, also gut 115 000, wohl komplett zurücknehmen zu müssen - gegen Erstattung oder, was wirtschaftlich natürlich angenehmer wäre, in Form eines Umtausches, bei dem Alt-Besitzer deutlich vergünstigt einen neuen VW vor die Tür gestellt bekommen. Angeblich wollen die US-Behörden darüber noch im Januar entscheiden.

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Welche Vorwürfe in der Klageschrift sind für Volkswagen besonders gefährlich?

In dem Papier weist die Regierung ausdrücklich auf die gesundheitlichen Gefahren von Stickoxiden hin. Diese tragen demnach zur Bildung von bodennahem Ozon bei, das Lungen-, Atemwegs- und Herzerkrankungen auslösen und "zum vorzeitigen Tod führen" kann. "Dem größten Risiko sind Kinder ausgesetzt", so das Ministerium. Einzelne Umweltinstitute haben bereits errechnet, dass VW durch die zusätzlichen Abgasemissionen rein statistisch gesehen für den Tod von bis zu 100 US-Bürgern verantwortlich ist. Es ist völlig ungewiss, ob sich das Gericht solche Berechnungen zu eigen machen wird, und, falls ja, was das für das Strafmaß bedeuten würde.

Sind mit der Zivilklage strafrechtliche Konsequenzen vom Tisch?

Nein, auch ein strafrechtliches Vorgehen ist weiter möglich. In früheren Fällen war der Verzicht auf eine Strafverfolgung allerdings oft Teil eines zivilrechtlichen Vergleichs zwischen den Parteien.

Wie geht es weiter?

Die Regierung hat ihre Klage im Bundesstaat Michigan eingereicht, wo die meisten US-Autokonzerne ihren Sitz haben und in dem auch die Volkswagen Group of America über eine Vertretung verfügt. Das Justizministerium dringt allerdings darauf, dass der Fall an das Bundesgericht in San Francisco weitergegeben wird, an dem auch die derzeit noch mehr als 500 Sammelklagen geschädigter VW-Kunden verhandelt werden sollen. Volkswagen sähe sich damit in einem einzigen großen Verfahren gleich zwei mächtigen Gegnern gegenüber.

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