Schadensersatzforderungen Milliardenklage gegen Volkswagen

Seit der Abgasaffäre ist die Unruhe um die Volkswagen AG groß. Nun droht auch noch eine Milliardenklage der Zuliefergruppe Prevent.

(Foto: Bloomberg)
  • Die Prevent-Gruppe liegt im Clinch mit dem Volkswagen-Konzern.
  • VW hat kürzlich mehrere Aufträge fristlos gekündigt, was sich der große Auto-Zulieferer offenbar nicht gefallen lassen will.
  • Derzeit werde eine Klage auf Schadenersatz ausgearbeitet, teilte ein Prevent-Sprecher mit.
Von Max Hägler und Klaus Ott

Volkswagen ist an vielen Fronten zugleich gefordert. Da ist die Herausforderung, umweltfreundliche Autos zu bauen. Schafft der riesige Konzern rechtzeitig die Wende? Da ist ein früheres Lkw-Kartell, bei dem die Konzerntochter MAN mitgemacht hat. Lastwagenkäufer, die überhöhte Preise gezahlt haben sollen, verlangen viel Geld zurück. Da ist die Abgasaffäre mit Klagen von Fahrzeugbesitzern. Und mit den Schadenersatzforderungen vieler Aktionäre in Höhe von fast zehn Milliarden Euro für Kursverluste ihrer Papiere. Diese Milliardenklage liegt längst bei Gericht. Und eine weitere kommt bald hinzu.

Auch das noch. Als ob Volkswagen nicht schon genug Probleme hätte.

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Die Prevent-Gruppe, vor zwei Jahren bekannt geworden durch einen ebenso heftigen wie ungewöhnlichen Konflikt mit VW, liegt erneut im Clinch mit dem Konzern. Beziehungsweise umgekehrt. Der Unternehmensgruppe gehören zahlreiche Firmen, die Autohersteller mit Teilen aller Art beliefern, darunter auch Volkswagen. VW wiederum hat kürzlich mehrere Aufträge fristlos gekündigt, was Prevent nicht hinnehmen mag. Ein Prevent-Sprecher teilte auf Anfrage mit, derzeit werde eine Klage auf Schadenersatz ausgearbeitet, die nach ihrer Fertigstellung umgehend eingereicht werde. "Dies wird in der nächsten Zeit geschehen." In der Branche ist von zwei Milliarden Euro die Rede. Die genaue Höhe stehe noch nicht fest, sagt der Prevent-Sprecher dazu. Aber eines sei klar: Die Klage werde "im Milliardenbereich liegen".

Hinzu kommen soll eine Strafanzeige wegen "Eingehungsbetrug". Weil VW nie vorgehabt habe, eine mit Prevent-Firmen eingegangene Vereinbarung auch einzuhalten.

Der nächste Ärger also für Volkswagen. Ein alter Ärger, der neu aufflammt. Und das mit der hinter Prevent stehenden Investorenfamilie Hastor, die wenig zimperlich ist (was umgekehrt für VW genauso gilt). Im Sommer 2016 hatte die Prevent-Gruppe mit einigen ihrer Zulieferfirmen große VW-Werke zum Stillstand gebracht. Weil sich die Hastors getäuscht und hintergangen fühlten. Ein großer, viel Aufsehen erregender Lieferstreik gegen einen der mächtigen Autokonzerne; das hatte sich zuvor noch kein Zulieferer getraut. Das hatte etwas von David gegen Goliath.

Auskunftspflicht

Es ist eine weitere Facette im Streit zwischen VW und dem Zulieferer Prevent: Der Volkswagen-Konzern hat den Geschäftspartner ausspionieren lassen. Die VW-Kanzlei Hogan Lovells hatte dazu eine Detektei engagiert, die allerlei handelnde Personen von Prevent und der Hastor-Familie sprichwörtlich unter die Lupe nehmen sollte. Nun haben die Prevent-Rechtsanwälte bei Hogan Lovells um Auskunft gebeten, welche Mitarbeiter ausgeforscht worden sind. Tatsächlich haben ausgespähte Personen einen Rechtsanspruch, über etwaige Dossiers informiert zu werden, egal, wie sie zustande gekommen sind; gegebenenfalls können sie auf Löschung bestehen. Diese Möglichkeit biete das Bundesdatenschutzgesetz, heißt es vom Büro des Bundesdatenschutzbeauftragten. Allerdings könne eine Datensammlung mitunter berechtigt sein. Damit argumentiert VW: Man habe in einer "Zwangslage" Recherchen über Prevent in Auftrag gegeben, um mehr Transparenz über deren Strukturen zu bekommen. Der neue VW-Chef Herbert Diess hat eine Überprüfung der Recherche-Methoden veranlasst. Bis jetzt habe man aber keine Hinweise auf Rechtsverstöße, heißt es bei VW. SZ

Nun geht es wieder los. Und nichts deutet, anders als 2016, auf eine Einigung hin. VW erklärt, die angekündigte Milliardenklage entbehre aus Sicht des Konzerns "jeglicher Grundlage". Man sei 2016 durch einen "rechtswidrigen Lieferstopp" der Prevent-Töchter ES Guss und Car Trim in eine prekäre Lage gebracht worden. Nur wegen der damaligen Zwangslage, gemeint ist der Produktionsstopp in VW-Werken, habe man sich auf ein Eckpunktepapier über eine weitere Zusammenarbeit mit der Prevent-Gruppe eingelassen. "Die Tatsache, dass wir die Vereinbarung für anfechtbar halten, haben wir der Prevent-Gruppe von Anfang an mitgeteilt."

Deshalb liege auch kein "Eingehungsbetrug" vor. VW und Prevent, das passt wohl nicht mehr zusammen. Begründet hat die so widerspenstige Firmengruppe vor Jahrzehnten der Geschäftsmann Nijaz Hastor in Bosnien-Herzegowina. Mittlerweile führen vor allem die in Niedersachsen lebenden Söhne Kenan und Damir die Regie der weitverzweigten Firmen. Viele Jahre waren die Hastors im engen Benehmen mit VW, als "Zulieferer des Jahres" wurden sie ausgezeichnet. Doch dann wurden die Aufträge von Volkswagen vergleichsweise spärlich, zudem waren die Konditionen unerfreulich. Die Hastor-Familie wehrte sich auf radikale Art: 2015 forderten Prevent-Firmen in Brasilien bessere Bedingungen und stellten die Lieferung ein.

2016 passierte in Deutschland dasselbe; mit den Prevent-Firmen Car Trim und ES Guss, die Sitzbezüge und Getriebeteile herstellen. Lieferstopps durch Prevent, Fabrikstillstand bei VW in Wolfsburg, Eilanträge bei Gericht, Verhandlungen. Und dann, im August 2016, eine Einigung; die aus Sicht von VW erzwungen war. Und gegen die Volkswagen nach eigener Darstellung erst jetzt, nach dem Aufbau anderer Lieferquellen, vorgehen kann. Mit der fristlosen Kündigung von Lieferverträgen eben. VW rechnet vor, der Lieferstreik 2015 in Brasilien habe dort zu 160 Tagen Produktionsstopp in drei brasilianischen Werken geführt. "18 000 Mitarbeiter waren im Zwangsurlaub. Dadurch haben wir 140 000 Fahrzeuge verloren und einen finanziellen Schaden in dreistelliger Millionenhöhe erlitten." Dieses Muster habe sich 2016 in Deutschland wiederholt.

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"Das Vertrauensverhältnis hat durch diese Geschehnisse massiv und nachhaltig gelitten."

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