Pendlerpauschale Eine Abschaffung der Pendlerpauschale wäre zynisch

Wohnungs- und Arbeitsmarkt sind zurzeit auf Pendler angewiesen.

(Foto: Johannes Simon)

Die Nahverkehrszüge sind voll, die Straßen verstopft. Doch Pendler entlasten den Wohnungsmarkt. Der Staat muss sie unterstützen, nicht bestrafen.

Kommentar von Benedikt Müller

Es ist voll geworden auf Deutschlands Straßen und in den Zügen, vielerorts längst zu voll: Wie das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung berichtet, ist die Zahl der Pendler in den vergangenen Jahren stark gestiegen, und die Wege zur Arbeit sind länger geworden.

Der tägliche Stau auf den Einfallstraßen kostet Pendlern nicht nur Zeit und Nerven, er schadet zudem der Umwelt. Und was macht der Staat? Er fördert diesen Wahnsinn auch noch, schimpfen Umweltschützer: Für jeden Arbeitstag darf man 30 Cent pro Kilometer Weg zum Arbeitsplatz von der Steuer absetzen. Diese Pendlerpauschale gehöre abgeschafft, sagen nun viele.

Doch das wäre falsch, jedenfalls vorerst. Wohnungs- und Arbeitsmarkt sind zurzeit auf Pendler angewiesen. Der Staat sollte sie unterstützen, statt sie zu bestrafen. Rund um Städte wie München, Stuttgart oder Frankfurt nehmen viele Menschen unfreiwillig lange Arbeitswege in Kauf. Zum Beispiel Familien, die sich eine größere Wohnung oder ein eigenes Haus nur außerhalb der Zentren leisten können. Diesen Menschen bei den aktuellen Immobilienpreisen den Steuervorteil der Pendlerpauschale wegzunehmen, wäre eine zynische Politik. Zumal besagte Familien Wohnungen in den Zentren frei machen, etwa für Berufseinsteiger.

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Mithin tragen Pendler dazu bei, das Ungleichgewicht zwischen Stadt und Land abzufedern: Neue Jobs entstehen zurzeit vor allem im Dienstleistungssektor in den Ballungsräumen - wo Großkunden sitzen, wo Fachkräfte wohnen, wo nebenbei immer mehr Menschen studieren.

Noch ist die Arbeitswelt nicht digital genug, dass es weitgehend egal wäre, von wo aus man arbeitet. Deshalb braucht es jetzt mehr Wohnraum in den Ballungsräumen oder eine bessere Infrastruktur für Pendler. Wer sowohl gegen neue Wohnhäuser als auch gegen S-Bahn-Strecken protestiert, der mag offensichtlich zusehen, wie Mieten weiter steigen und Staus noch länger werden.

So wünschenswert es wäre, wenn es mehr bezahlbare Wohnungen in den Ballungsräumen gäbe: Die Lage der Pendler zu verbessern, ist die noch bessere Investition. Denn schon jetzt stehen bundesweit etwa 1,8 Millionen Wohnungen leer. Auf dem Land machen Schulen, Läden und Vereine dicht, weil dort immer weniger Menschen leben. Wer jetzt nur auf Wohnungsbau in den Städten setzt, treibt die Landflucht weiter voran.

Stattdessen braucht es dringend intakte Brücken, mehr Regionalzüge und echte Fahrradwege in den Ballungsräumen. Die 25 Millionen Euro, die das Bundesverkehrsministerium jetzt für sogenannte Fahrrad-Autobahnen ausgeben will, wirken da wie ein schlechter Scherz. Höhere Investitionen in die Infrastruktur sind nötig; nie waren die finanziellen Voraussetzungen so gut wie derzeit.

Doch fordert der Pendler-Wahnsinn nicht nur den Staat heraus, sondern auch die Wirtschaft, die Jobs in den Städten schafft. Wenn sich Unternehmen um die Belange ihrer begehrten Fachkräfte kümmern wollen, sollten sie Heimarbeit fördern, damit der Weg zur Arbeit wenigstens tageweise entfallen kann. Und wenn sie es ernst meinen mit der Nachhaltigkeit, dann wäre das E-Bike in den Städten der bessere Dienstwagen.

Darüber hinaus ist jedes Unternehmen und jede Forschungseinrichtung wichtig, die in kleineren Städten auf dem Land Arbeitsplätze schafft. In dem Zusammenhang ist es auch richtig, dass Bund und Länder ihre Verwaltung nicht ausschließlich in den jeweiligen Hauptstädten bündeln, sondern regional verteilen. Das verursacht zwar auch Kosten, wirkt aber der Landflucht und dem täglichen Stau auf den Straßen entgegen.

Langfristig dann, wenn sich der Alltag der Pendler wirklich verbessert hat und mehr Wohnungen in den Städten gebaut wurden, kann eine Reform der Pendlerpauschale geboten sein. Dann könnte der Staat etwa festlegen, dass Arbeitnehmer nur die Kosten umweltfreundlicher Verkehrsmittel von der Steuer absetzen dürften und nicht mehr den Individualverkehr. Doch vorher gilt es, Staus und Verspätungen abzubauen, das Land zuverlässiger an die Städte anzubinden.

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