Verkauf von Weltbild Alles ist besser als Schlecker

Weltbild-Verlag Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz verkündet bei der Betriebsversammlung vor Mitarbeitern die Übernahme durch einen Insolvenz-Verwalter.

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Für den Insolvenzverwalter lief die Abwicklung von Weltbild intern als "Szenario Schlecker 2". Im Vergleich dazu ist der Verkauf an einen Finanzinvestor ein großer Erfolg. Überleben wird der Verlag dennoch nur durch strikte Umstrukturierungen.

Von Stefan Mayr und Katja Riedel

Sie hatten ihm Schlimmes vorhergesagt. Damals, Anfang Januar, als Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz in das Abenteuer Weltbild einstieg. Dass er, der Tausende Schleckerfrauen in die Arbeitslosigkeit schicken und Filiale um Filiale abwickeln musste, nun dasselbe auch bei der Augsburger Verlagsgruppe und ihren Buchhandlungen wiederholen müsse, sagten sie ihm. Schließlich stand genau das, ein "Szenario Schlecker II", auch in internen Papieren.

Doch Geiwitz gab sich von Anfang an selbstbewusst. Er könnte nun, da er recht behalten und Weltbild als Ganzes verkauft hat, triumphieren. Aber er verkneift sich das: "Für das, was uns prophezeit wurde, bin ich sehr zufrieden", sagt er, bevor er die Weltbild-Lagerhalle im Augsburger Osten betritt. Hinter dem Rolltor warten an diesem Montagmittag viele der 2200 Mitarbeiter. Ihnen verkündet der Insolvenzverwalter jene Neuigkeit, die alle schon aus der Zeitung und dem Radio kennen: Weltbild ist verkauft. Als Gesamtpaket. Der Verlag wird nicht - wie von vielen befürchtet - filetiert, die Hochregallager werden nicht abgebaut und an Schraubenfabrikanten oder Paketdienste verhökert. Immerhin.

Zu Beginn der Betriebsversammlung klatschen nur wenige der Mitarbeiter. Sie sitzen auf Bierbänken, und viele von ihnen fürchten weitere schlechte Nachrichten. Von solchen gab es zuletzt etliche, seitdem die kirchlichen Gesellschafter im Januar ihrem Verlag weiteres Kapital in Höhe von 130 Millionen Euro versagt hatten und die Geschäftsführung damals zum Insolvenzrichter zwangen. Seitdem ist viel passiert: 900 Mitarbeiter haben ihren Job verloren, mehr als 50 Filialen werden dichtmachen. "Kurzfristig habe ich Hoffnung", sagt ein Mitarbeiter, "aber langfristig nicht." Der Mann ist Mitte 40, er trägt eine dunkelgraue Arbeitshose und Stahlkappenschuhe. Ein Investor sei "ja schön und gut", sagt der Mann und presst die Lippen dabei ein wenig zusammen. Aber letztlich "schauen die doch nur auf die Rendite".

Überleben wird der Verlag nur durch Umstrukturierungen

Die, das sind die neuen Herren bei Weltbild: Paragon Partners, ein inhabergeführter Finanzinvestor aus München. Mit 51 Prozent soll Paragon noch in diesem Monat die Mehrheit an einer neuen Gesellschaft übernehmen, in die die gesamte Verlagsgruppe überführt werden soll. Die Minderheit, also 49 Prozent, bleibt in den Händen von Insolvenzverwalter Geiwitz. Er vertritt die größten Gläubiger. Vor allem die Banken, die bei einer Zerschlagung des Verlages fast alles verloren hätten: beinahe 200 Millionen ungesicherter Kredite. Jetzt haben sie eine Chance, dass ihre Anteile an Weltbild noch etwas wert bleiben - aber nur wenn die Verlagsgruppe überlebt. Und überleben können wird der angeschlagene und wenig effiziente Versandhändler wohl nur, wenn ein neues Management ihn umstrukturiert.

Das wissen auch die Arbeitnehmervertreter, die seit einigen Wochen in die Investorenlösung eingebunden waren. "Wenn man bedenkt, dass Weltbild im Januar totgesagt war, sind wir sehr zufrieden", sagt Thomas Gürlebeck, der zuständige Verdi-Gewerkschaftssekretär. Ein Jahr lang, so ist es gesetzlich vorgesehen, wird es keine weiteren Entlassungen geben. Was danach kommt, ist offen. Betriebsrat Timm Bossmann sagt: "Unser Eindruck ist, dass Paragon eine seriöse Nummer ist."

Paragon Partners steigen über eine Kapitalerhöhung in Höhe von 20 Millionen Euro ein. 20 Millionen, das klingt zunächst nicht viel. Doch es ist einiges, weil das Geld direkt ins Unternehmen fließen kann und die Gläubigerbanken ihr Geld nicht zurückfordern. Investor Paragon verwaltet mehr als 650 Millionen Euro Eigenkapital. Es ist eigenes Geld und Geld von Pensionskassen, Versicherungen, Universitätsstiftungen - allesamt renditeorientiert. Es gehe um signifikantes operatives Wertsteigerungspotenzial. Es gibt ein erstes Sanierungskonzept, das Paragon erarbeitet hat und an dem bis zum Abschluss des Kaufvertrags gefeilt werden soll. Bislang ist nur ein Vorvertrag unterschrieben.

Die Zahlen waren schon lange geschönt

Kritisch sieht Paragon, dass Weltbild neben Büchern auch sehr viel Ramschware angeboten hat, die das Image schädigte. Eine erste Prüfung habe zudem ergeben, was schon lange gemunkelt wurde: dass bei Weltbild schon lange die Zahlen in den Büchern mit der Realität nicht übereingestimmt haben. Die angeblichen 1,6 Milliarden Euro Umsatz, mit denen die ehemalige Geschäftsführung hausieren ging, seien durch eklatante Fehler in der Buchführung zustande gekommen, ist zu hören.

Der bisherige Weltbild-Geschäftsführer Carel Halff, der Weltbild groß gemacht hatte, werde darum künftig keine Rolle mehr spielen - schließlich gehöre er zum Minderheitsgesellschafter, heißt es aus dem Paragon-Umfeld. "Es wird starke Ergänzungen im Management geben", sagt Insolvenzverwalter Geiwitz. Auf die Personalie Halff geht er nicht ein. Aus dem Paragon-Team wird wohl niemand ins Weltbild-Management einsteigen, offenbar wird bereits nach einem neuen Geschäftsführer an Geiwitz' Seite gesucht. Und irgendwann wird sich Paragon wieder verabschieden, wie Geiwitz andeutet: "Vier Jahre ist der übliche Betrachtungsrahmen", dann werde wohl weiterverkauft.

Gerade mal eine Viertelstunde dauert die Betriebsversammlung. Aus der Halle ist am Ende dann doch noch lautes Klatschen zu hören. Geiwitz kommt heraus, spricht mit Reportern. Nun greift er selbst zum Schlecker-Vergleich. "Obwohl die Verluste bei Weltbild in der Relation ähnlich hoch waren, haben wir diesmal die Zerschlagung verhindert." Dann beginnt es zu regnen, und Geiwitz flüchtet, zurück in die Halle. Zurück zum Applaus.