Verkauf von T-Mobile USA an AT&T Telekom räumt auf

Schlussstrich unter ein Abenteuer: AT&T übernimmt T-Mobile USA, die Telekom entledigt sich damit einer Fehlinvestition - Ex-Chef Ron Sommer hatte sich den Versuch in Übersee einst 51 Milliarden Dollar kosten lassen. Jetzt ist das Unternehmen 12 Milliarden Doller weniger wert.

Von Moritz Koch und Thorsten Riedl

Als Ron Sommer vor elf Jahren vor die Presse tritt, muss er einiges erklären. Der damalige Chef der Deutschen Telekom hat gerade erst den Einstieg in den nordamerikanischen Mobilfunkmarkt angekündigt. Für 51 Milliarden Dollar hat Sommer die Mobilfunkgesellschaft Voicestream gekauft, seinerzeit die Nummer sechs der US-Anbieter und damit der kleinste. Viele Investoren halten den Kauf für viel zu teuer, die T-Aktie sackt ab. Doch Sommer sagt, die Übernahme biete "erhebliche und faszinierende Perspektiven".

Ein milliardenschwerer Irrtum. Am Sonntagabend zieht René Obermann einen Schlussstrich unter Sommers Abenteuer. Die Deutsche Telekom verkauft ihr kriselndes US-Geschäft T-Mobile an den amerikanischen Telekommunikationskonzern AT&T. Der Vertrag ist bereits ausgehandelt, auch auf den Preis haben beide Seiten sich verständigt, wie sie am Sonntagabend meldeten. 39 Milliarden Dollar (27,6 Milliarden Euro) wollen die Amerikaner zahlen, 25 Milliarden Dollar davon in bar, den Rest in Aktien. Dadurch erhalten die Deutschen einen Acht-Prozent-Anteil an AT&T, was ihnen den Status des größten Minderheitsaktionärs und einen Sitz im Verwaltungsrat einbringt.

Die Übernahme von T-Mobile durch den Konkurrenten AT&T kommt überraschend. Bis zuletzt wurde an der Börse darüber spekuliert, dass die Deutschen sich mit dem drittgrößten US-Anbieter Sprint zusammenschließen könnten, um mit den Branchenführer Verizon und AT&T aufzuschließen.

Dem Abschluss des Geschäfts steht noch das Votum der amerikanischen Kartellbehörden im Weg. Mit den 33,7 Millionen T-Mobile-Kunden würde AT&T deutlich an Marktmacht gewinnen. Zudem erhoffen sich die Amerikaner erhebliche Kosteneinsparungen.

So können Call-Center zusammengelegt, Filialen, mit denen sich die beiden Unternehmen bisher Konkurrenz gemacht haben, geschlossen und die traditionell hohen Marketingausgaben reduziert werden. Für die Telekom ist das Geschäft Rückzug und Befreiungsschlag zugleich. Die US-Tochter hatte sich mehr und mehr zum Sorgenkind des Gesamtkonzerns entwickelt. T-Mobile gelang es nicht, in nennenswertem Umfang Marktanteile zu erobern.

Mit langsamen, überlasteten Netzen und ohne Bestseller-Handys wie dem iPhone drohte sie zuletzt sogar, komplett den Anschluss an die Konkurrenz zu verlieren. Im vierten Quartal des vergangenen Jahres schmolz der Gewinn von T-Mobile um 12,4 Prozent auf nur noch 286 Millionen Dollar, vor allem weil mehr als 300.000 Vertragskunden des Unternehmens zu anderen Anbietern wechselten. Der Umsatz stagnierte bei 4,7 Milliarden Dollar.

Die Trennung von T-Mobile ist für die Telekom ein Eingeständnis der Scheiterns, dennoch dürften die Anleger erleichtert reagieren. Sie hatten seit langem auf eine Lösung für die problembeladene US-Tochter gedrungen. Obermann nannte den Verkauf von Sonntag einen "logischen Zusammenschluss". Weiter sagte er: "Wir haben die beste Lösung für unser Unternehmen, unsere Kunden und unsere Aktionäre gefunden. Unsere Position in Europa wird gestärkt, gleichzeitig werden wir weiter am stark wachsenden Geschäft mit dem mobilen Internet in den USA teilhaben."

Der Verkauf von T-Mobile USA wird sich auch auf Europa auswirken. Die Deutsche Telekom verliert ohne ihre ungeliebte US-Tochter die Position als Nummer eins der europäischen Anbieter. Sie gibt Unternehmensteile in Höhe eines Viertels ihres Umsatzes ab, dazu ein Fünftel des operativen Gewinns. Ohne den Umsatz aus Nordamerika wird die spanische Telefónica nun klar vor der Deutschen Telekom liegen. Dabei stehen die ehemaligen Staatsfirmen zum Betrieb des Telefonnetzes in Europa alle vor demselben Dilemma: Die Preise für Telefonate und Internetanschlüsse sinken, Neueinsteiger drängen in die gesättigten Märkte und schöpfen die Gewinne ab. So haben Computerhersteller Apple oder Suchmaschinenbetreiber wie Google viel Erfolg im Mobilfunkgeschäft - auf Kosten der etablierten Anbieter.

Den Erlös aus dem Verkauf will Telekom-Chef Obermann nutzen, um Schulden zu tilgen. 13 Milliarden Euro sollen dafür verwendet werden, dazu fünf Milliarden für den Rückkauf eigener Aktien. Nun richte der Konzern sein Augenmerk auf Europa, sagte Obermann. Zudem sollen für fünf Milliarden Euro eigene Aktien zurückgekauft werden. "Wir können uns stärker auf den Ausbau der schnellen Netze in Europa und die Entwicklung moderner Internetprodukte konzentrieren." Dazu zählen etwa internetfähige Stromzähler, das Internet im Auto oder ein Online-Kiosk, den die Telekom gerade erst vorgestellt hat. Vor allem im Energiemarkt will die Telekom ihr Geschäft zusammen mit Energiekonzernen deutlich ausbauen. Diese neuen Bereichen sollen im Jahr 2015 etwa eine Milliarde des Konzernumsatz erwirtschaften.

"Telco plus", nennt Obermann diese Strategie. Die Telekom soll auch künftig als Netzbetreiber bekannt sein, aber immer mehr Geld durch Zusatzgeschäfte erwirtschaften. Die US-Tochter passte nicht in dieses Bild. Zu spät und zu langsam hat T-Mobile USA in den vergangenen Jahren in den Netzausbau investiert. Die Konkurrenten verfügen teils schon über LTE-fähige Mobilfunknetze. Dieser neue, schnelle Mobilfunkstandard LTE ermöglicht Datenraten, die Surfer bislang nur von zu Hause gewohnt waren. Wer sich ein neues Alleskönnerhandy besorgt, legt Wert darauf, mit einem solchen Smartphone auch schnell unterwegs zu sein.