Verhandlungen über Freihandelsabkommen Mehr Konsum für weniger Geld

Freiheit für Chicken Wings! Wenn die Freihandelszone kommt, können Europäer billigeres Fast Food essen, Amerikaner leichter Luxusautos fahren. Doch es geht nicht nur um den Konsum, sondern womöglich auch um die Gesundheit. Was das Freihandelsabkommen Verbrauchern bringt.

Von Jannis Brühl und Ingrid Fuchs

Freiheit für und durch den Handel, das haben Nordamerika und Westeuropa dem Rest der Welt lange gepredigt. Dabei haben sie dennoch gigantische Subventions- und Regulierungssysteme am Leben erhalten, um die Chancen ihrer Industrien gegen die Konkurrenz zu verbessern. Wer Arbeitsplätze verliert, verliert am Ende schließlich auch Wahlen. Jetzt sollen zumindest Zölle abgebaut, Regulierungen vereinheitlicht werden.

An diesem Montag beginnen in Washington die Verhandlungen zum transatlantischen Freihandelsabkommen TTIP. Gelingt am Ende eine Einigung, so würde die "Transatlantische Handels- und Investitionspartnerschaft" (Transatlantic Trade and Investment Partnership - TTIP) entstehen - die weltweit größte Freihandelszone. Ihr Umfang: 44 Prozent des globalen Handels und fast die Hälfte der weltweiten Wirtschaftsleistung.

Auf die militärische und politische Zusammenarbeit soll damit die wirtschaftliche Verschmelzung folgen. Das ist auch eine Verteidigungsmaßnahme: Gegen Schwellenländer, gegen China oder Brasilien kann man nur gemeinsam bestehen, so der Gedanke in den Machtzentralen von Washington bis Berlin. Aber was bedeutet das Handelsabkommen für die Bürger in den Ländern?

  • Gesundheit

Mehr Pillen für weniger Geld: Bislang müssen Pharmakonzerne neue Produkte sowohl für den europäischen als auch den amerikanischen Markt extra anmelden und bewilligen lassen. Das kostet nicht nur viel Geld, sondern dauert auch unnötig lange. Ohne diese Hürden gäbe es mehr Wettbewerb, mehr Preisdruck und damit billigere Angebote für Verbraucher, so Jan Techau, Direktor des Thinktanks Carnegie Europe, zur BBC.

Was die Staaten im Freihandelsabkommen vereinbaren, wird nicht nur Medikamente betreffen. Es geht beispielsweise auch um Standards bei medizinischen Geräten, Krankenhauszubehör und da auch im Dienstleistungssektor angeglichen wird, womöglich sogar irgendwann auch um Behandlungsmethoden.

  • Autos

Amerikanische Rap-Stars dürfen sich freuen. Ihre Lieblings-Edelmarken wie BMW, Mercedes und Porsche dürften für sie billiger werden. Exporte deutscher Autos in die USA kosten die Hersteller jährlich eine Milliarde Euro an Zöllen, sagt Matthias Wissmann, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie. Fielen diese Hindernisse weg, könnten deutsche Autobauer Milliarden sparen und Autos billiger in Amerika anbieten. Auch Ferrari hofft darauf, seine Luxusautos bald kostengünstig in die USA einführen zu dürfen.

In Fragen der Regulierung fürchten amerikanische Verbraucherorganisationen allerdings, dass europäische Sicherheitsregeln für Autos zu lax sein und Amerikas Straßen unsicherer machen könnten.

Zugleich wird das Thema Spritverbrauch langsam auch in den USA zum Thema, damit steigt das Interesse an kleineren und sparsameren Autos. Auf der Wunschliste: Modelle von VW, Opel, Peugeot oder Citroën.

  • Lebensmittel

Frittierte Hühnchenflügel für alle: Fast-Food-Ketten, die bisher Probleme hatten, sich in Europa zu etablieren, lauern schon. "Yum Brands", Mutter von "Kentucky Fried Chicken", "Taco Bell" und "Pizza Hut", betreiben in Washington intensiv Lobbyarbeit für das Abkommen. KFC importiert Hühnerfleisch nach Europa, weil hier für ihren Geschmack zu wenig Hähnchen geschlachtet werden. 1024 Euro kostet das Unternehmen laut Bloomberg der Import einer Tonne Hühnchenfleisch.

Europäische Verbraucherschützer haben Bedenken: Damit könnten Hähnchen, die, wie in Amerika üblich, mit Chlor desinfiziert wurden, in die EU eingeführt werden. Was seit 1997 verboten ist. Tierschützer kritisieren KFC ohnehin, ihnen zufolge sind Lebens- und Schlachtbedingungen der Tiere oft schlecht.

Es wird auch um Fleisch von mit Hormonen gemästeten Tieren aus den USA gehen: Die EU verspricht, es von ihren Verbrauchern fernzuhalten. Das Zulassungsverfahren für genmodifizerte Nahrungsmittel könnte allerdings vereinfacht werden, was mehr entsprechende Produkte auf den deutschen Markt bringen könnte.

In den USA zittern Verbraucherschützer dagegen schon vor der anrollenden Bedrohung: Es geht um Rohmilch. Aus der unbehandelten Milch von Kuh, Ziege oder Schaf wird Käse hergestellt. Wegen der Gefahr, sich mit Listeriose-Bakterien zu infizieren, gelten dafür in der EU strenge Hygiene-Vorschriften, in vielen amerikanischen Bundesstaaten ist der Verkauf von Rohmilchkäse eingeschränkt oder verboten (hier eine Übersichtskarte) - aber dennoch begehrt. Sogar Schmuggel soll es damit geben. Einigen sich EU und USA nun auf gemeinsame Standards, könnte darin auch eine Regelung für den Käse enthalten sein, die französischen Fromagers könnten endlich Amerika erobern.

  • Schuhe, Kleidung, Lifestyle

Importieren, Ausliefern, Verkaufen - weil Amerika nur ein Prozent der benötigten Schuhe selbst produziert, stammt ein Großteil aus dem Ausland. Das kostet extra, bislang.

Umgekehrt dürfen sich Fans des amerikanischen Lebensstils auch freuen. Früher ging es um Vinyls, heute eher um die neuesten Turnschuhe, Hipster-taugliche T-Shirts oder Sonnenbrillen. Mit dem Freihandelsabkommen würden die Produkte auch in Europa nur noch so viel kosten, wie auf dem amerikanischen Preisschild steht. Ohne Wucherzoll.

Bis es so weit ist, wird aber weiter gerechnet. Wie viele Shirts kann ich bestellen, ohne immens draufzuzahlen? Lohnt es sich, den Laptop in den USA zu kaufen und selbst zu importieren? Bei diesen Fragen bietet der deutsche Zoll eine kleine Hilfe an. Per App (hier der Link zum Angebot) können Amerika-Urlauber nachschauen, was und wie viel sie mit nach Hause nehmen können und was es kostet.