Was zunehmend geschah, war die Transformation des Unternehmens von einer "Sinn"- zu einer "Zweck"-Einheit. Der Sinn, gemeinsam Güter und Dienstleistungen zum Wohle der Gesellschaft zu erzeugen, wurde ersetzt durch den Zweck, kurzfristig möglichst hohen Gewinn und damit steigende Aktienkurse zu erzielen. Wenn dabei gleichzeitig die unternehmerischen Entscheidungsprozesse von der Verantwortung für eigene Risiken abgekoppelt werden, haben wir es mit einer Pervertierung des unternehmerischen Systems zu tun.
Klaus Schwab ist Gründer und Präsident des jährlich stattfindenden Weltwirtschaftsforums in Davos. Das nächste Treffen der internationalen Wirtschaftselite wird Ende Januar stattfinden. (© Foto: AP)
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Das Unternehmen ist in diesem Kontext keine organische Gemeinschaft mehr, sondern eine mechanische "Gewinn-Erwirtschaftungsmaschine", bei der alles auswechselbar ist, was dem Zweck nicht optimal entsprach: Führungskräfte, Mitarbeiter, Produkte, Standorte usw. Diese Entwicklung war besonders im intermediären Sektor sehr ausgeprägt, das heißt dem Finanzsektor, also dort, wo mit dem eigentlichen Sinn eines Unternehmens, der Erzeugung von substantiellen Werten, kaum noch ein Zusammenhang bestand.
Individuelles Anspruchsdenken
Das hat Konsequenzen für das Verhalten: Ein Individuum, welches weiß, dass es jederzeit auswechselbar ist, wird von Eigennutz geleitet sein. An die Stelle einer Welt geleitet vom gemeinsamen Pflichtbewusstsein gegenüber der Gesellschaft ist damit ein individuelles Anspruchsdenken getreten, bei dem das Gemeinwesen eine untergeordnete Rolle spielt.
Die jetzige Krise müsste eigentlich ein Warnschuss sein, die Entwicklung unserer Wertvorstellungen, unserer ethischen Normen und unserer Regelungsmechanismen für Wirtschaft, Politik und globales Zusammenleben grundsätzlich zu überdenken. Es wäre für die Menschheit fatal, falls wir in Anbetracht von rein finanziellen Indikatoren, das heißt erneut steigenden Aktienkursen und hohen Quartalsgewinnen von Banken - und dementsprechenden Boni - so tun, als wäre alles nur ein schlechter Traum gewesen.
Denn die Realität, vor der wir uns noch immer noch verschließen, sieht anders aus: Die Finanz- und die Wirtschaftskrise haben nicht nur zu einer zunehmenden Arbeitslosigkeit geführt, die uns noch lange bewegen wird, sondern auch dazu, dass der Staat durch Schuldenabbau in den kommenden Jahren in der Erbringung öffentlicher Güter unter außerordentlichem Druck sein wird. Die Tausende Milliarden Euro, die zum Stopfen der Löcher benötigt wurden, werden unser Wirtschaftswachstum belasten. Die Folgen sind höhere Steuern, Einschränkungen im Sozial- und Gesundheitssystem sowie reduzierte Ausgaben für Infrastruktur wie Erziehung und Verkehr. Letztlich ist es der Steuerzahler, das heißt der Durchschnittsbürger, der für die Kosten der Krisenbewältigung aufkommen muss. Er wird dies wahrscheinlich über die Reduktion seines verfügbaren Einkommens erbringen müssen.
Die Gefahr besteht, dass die Finanzkrise und die darauf folgende Wirtschaftskrise sich zu einer sozialen Krise entwickeln werden. Es sind also sehr schwierige Zeiten, die auf unsere Gesellschaft zukommen. Wenn wir ein völliges Auseinanderbrechen unserer Gemeinschaften verhindern wollen, dann sind gerade jetzt Gemeinschaftssinn und Solidarität gefragt. Dieser Gemeinschaftssinn ist die Grundlage des Stakeholder-Konzepts. Was wir brauchen, ist eine Rückbesinnung auf das Stakeholder-Konzept, nicht nur im unternehmerischen Bezugsrahmen, sondern auch auf nationaler und globaler Ebene.
In diesem erweiterten Kontext ist die derzeitige Bonus-Diskussion daher nur ein Symbol für die viel tiefgehendere Frage, ob wir unser Verhalten im Sinne des Gemeinwesens ändern können oder ob wir wieder in die alten Denkmuster und Exzesse verfallen und so der gesellschaftliche Frieden weiter untergraben wird.
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(SZ vom 05./06.01.2010/hgn)
Linke mit neuer Führung
... hier wirklich noch gefehlt ! Sonst wüßten wir garnicht , auf welch unterirdischem intellektuellen Niveau die Vermögensprivilegierten und ihre Funktionsidi*ten des Systems eine angenehme elitäre Ideologie für sich zusammenschwurbeln !
Danke bestens , und kuren Sie schön in Davos !
Um es vorweg zu nehmen: Gegen die Pervertierung des Systems reicht es nicht, jeden Tag eine neue Sau durchs Dorf zu jagen mit mehr oder weniger klingenden Namen. Auf den Begriff Stakeholder bzw. dessen Schöpfung stolz zu sein, mag eine Hilfe zur Beurteilung Klaus Schwabs darstellen; daraus eine Einordnung unter "feinste Sahne" zu erwarten, hieße, mit der Plattheit anderer zu rechnen, die von der eigenen Person her vertraut vorkommt.
Wenn Davos bzw. das WEF als Musterbeispiel für Kommunikation aller involvierten Gruppen in der industriellen Gesellschaft hingestellt wird, dürfen sich alle freuen, derlei Smalltalk überhaupt zu überleben. Die alljährliche Zelebration einer Wagenburg im Graubündner Land glänzt darin, "unter sich" zu sein - für die Insider die perfekte Illusion der klassenlosen Gesellschaft. Für die, die diesen Hochsicherheitstrakt von außen betrachten müssen, gibt es alternierend Tränengasschwaden und Gummigeschosse.
Reinhard Mohn, einer der Mitinitiatoren des WEF in den 70ern, hat in seinen Imperien Mohndruck und Bertelsmann aus Angst vor der "inneren Kündigung" eine im wahrsten Sinne des Wortes bestechende Unternehmenskultur gepflegt; mit Genußscheinen für die lieben Mitarbeiter (ohne Stimmrecht selbstverständlich) und ähnlich einlullenden Leistungen. Jahrzehntelang war das ein Bollwerk gegen gewerkschaftliche Aktivitäten, an kaum einem Punkt zu knacken.
Das "Stakeholder-Konzept" scheint der vermeintlich erledigten Rolle der Gewerkschaften Rechnung zu tragen. Kommunikation, wenn sie dann überhaupt stattfindet, spielt sich über Kimme und Korn ab. Möglich, daß so mancher Einfaltspinsel, der sich für kreativ hält, eine Rechnung ohne den Wirt zu machen beliebt. Totgesagte leben bekanntlich länger.
Der Beitrag weist auf zwei wichtige Punkte hin:
1. Das Monopolyspiel in der Wirtschaft
2. Gefahr von sozialen Unruhen
Zu Punkt 1
Vollkommen richtig: Die Unternehmen sollten im Einklang mit dem Wohl der Gesellschaft arbeiten.
Und damit automatisch auch im Einklang mit dem Wohl der Natur.
Wenn es der Umwelt schlecht geht, geht es uns auch schlecht, egal ob Einkommen gerecht sind oder nicht.
Zu Punkt 2
'Soziale Unruhen' sind Stufe 1, Stufe 2 nennt sich dann 'Buergerkrieg'!
Die 'Franzoesische Revolution' laesst gruessen!
Menschen wie dieser neoliberale Psychopath Westerwelle sollten mal darueber nachdenken! Aber diesen Menschen ist es anscheinend egal was in 5, 10 oder 20 Jahren mit dieser Welt passiert?!
Ich habe 4 Kinder und ein Enkelkind!
Mir ist es nicht egal!!!!
Paradigmenwechsel?
Schwab behauptet - ganz politisch korrekt -
das System in dem wir uns bewegen hätte sich zum Nachteil des Menschen verändert.
Wer hat das System gemacht?
Eine abstrakte Macht oder die Menschen des Systems selbst ?
Ist Mensch schlechter geworden?
Oder hat sich vielleicht die Wahrnehmung verändert? -Ist es nicht vielmehr so, dass gewisse utopische Vorstellungen über die gute Natur des Menschen Raum im Bewusstsein Vieler ergriffen haben? -
Und nun beklagt man lauthals,
dass der Traum und Realität nicht übereinstimmen?
Kann man Menschen zum Besseren hin verändern? Womöglich per ordre mufti?
Womöglich durch Regulierung?
Haben uns nicht Viele versucht dieses Hirngespinst zu verkaufen? Mit welchem Ergebnis?
Analog: Schafft Rechtsgebung denn Gerechtigkeit?
Oder ist diese Vorstellung eher einer bewusst geschürten Naivität geschuldet?
Schafft ein Mehr an Rechtsgebung ein Mehr an Gerechtigkeit?
Oder vielleicht sogar das Gegenteil???
Das ist leider so gewollt! Die deutsche Wettbewerbsfähigkeit hat sich nach anderen Studien in den letzten Jahren um 30% verbessert. Da können auch die Gewerkschaften nicht viel ausrichten. In manchen Bereichen verabschieden sich die Unternehmen aus dem Flächentarifvertrag mit allerlei "kreativen" Methoden. So braucht man keine Tariflöhne mehr zu zahlen. Das Mantra heißt heute Export. Die Inlandsnachfrage bleibt unberücksichtigt. Ich frage mich immer wieder, wo denn unsere Viel gerühmten " Volkswirte" bleiben. Und wenn wieder einmal die Inlandsnachfrage zurückgegangen ist, gibt es ein lautes Lamento. Schizophrener geht es wohl auch nicht!
Paging