Unternehmen in der Gesellschaft "Pervertierung des Systems"

Die Erosion gemeinschaftlicher Werte ist in der Wirtschaft weit fortgeschritten - und sie war ein Auslöser für die Wirtschaftskrise. Die Unternehmen haben sich gewandelt.

Ein Gastbeitrag von Klaus Schwab

Exzessive Boni empören seit Monaten die Öffentlichkeit. Die Diskussion ist emotional und wird vor allem über Faktoren wie Neid, Gier oder moralische Entrüstung geführt. Man fragt sich, ob die Führungsetagen nicht aus den Exzessen gelernt haben, die maßgeblich zur derzeitigen Wirtschaftskrise geführt haben.

Trotzdem ist die Diskussion oberflächlich, da sie sich nicht wirklich mit dem befasst, worum es eigentlich geht, nämlich um den Zweck eines Unternehmens (und auch der Banken) innerhalb unserer Gesellschaft und die Rolle, die Führungskräfte innerhalb von Unternehmen auszuüben haben. Die Bonus-Diskussion ist eigentlich nur Symbol eines viel tieferen Wandels, der sich in der gesamten Wirtschaft vollzieht. Das Thema ist wichtig, denn dieser Wandel zieht schwerwiegende soziale Folgen nach sich.

Viele Gruppen hängen am Erfolg des Unternehmens

Vor bald 40 Jahren definierte ich zum ersten Mal die "Stakeholder"-Theorie des Unternehmens. Die Stakeholder-Theorie geht davon aus, dass das Unternehmen eine soziale Gemeinschaft mit einer Reihe von "Stakeholders" ist, das heißt Gesellschaftsgruppen, die mit dem Unternehmen direkt, aber auch indirekt verbunden sind und die vom Erfolg des Unternehmens abhängen. Dazu gehören natürlich die Aktionäre und Kreditgeber, aber auch die Mitarbeiter, die Kunden, die Lieferanten, der Staat und vor allem auch das Gemeinwesen, in dem das Unternehmen tätig ist.

Die Grundidee für das jährliche Davoser Treffen war es, eine Plattform zu schaffen, bei der Manager mit ihren Stakeholders zusammentreffen und ihre gegenseitige Verantwortung besprechen können. Die Stakeholder-Theorie macht die Unternehmensleitung zu Treuhändern all dieser Stakeholders und nicht nur der "Shareholders", also der Aktionäre.

Die Stakeholder-Theorie geht ganz allgemein von dem Prinzip aus, dass jedes Individuum in Gemeinschaften eingebunden ist, in denen nur durch das Zusammenwirken aller das gemeinsame Wohl gefördert werden kann - auch der Unternehmenserfolg ist in dieses Zusammenwirken eingebunden.

Die gesellschaftliche Erosion, die wir in den letzten Jahren nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch in der Politik und anderen Bereichen beobachten konnten, ist auf eine Aushöhlung dieses Gemeinschaftsgedankens zurückzuführen. Diese Erosion gemeinschaftlicher Werte ist vor allem in der Wirtschaft weit fortgeschritten und war ein Auslöser für die jetzige Wirtschaftskrise und ihre Folgen.

"Die Krise hat alle traumatisiert"

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