Unternehmen Die Post findet einen Buhmann

Jürgen Gerdes war einer der profiliertesten Manager bei der Post. Nun muss er gehen.

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Dem Konzern entgleiten die Kosten im Briefgeschäft. Nun soll der langjährige Vorstand Jürgen Gerdes die Verantwortung übernehmen.

Von Benedikt Müller, Düsseldorf

Noch vor zwei Wochen rollte Jürgen Gerdes einen neuen Streetscooter vom Band: den ersten E-Transporter, den die Deutsche Post in ihrem neuen Werk in Düren hergestellt hat. Der Manager kurvte ein paar Meter vor den Kamerateams und warb für die batteriebetriebenen Kleinlaster, welche die Post selbst einsetzt und an immer mehr Drittkunden verkauft. Der Streetscooter ist die letzte Erfolgsgeschichte von Gerdes als Post-Vorstand.

Am Dienstag entschied der Aufsichtsrat des Konzerns darüber, Gerdes zu entlassen. Eigentlich läuft der Vertrag des langjährigen Brief- und Paketchefs noch zwei Jahre. Gerdes ist, nach Vorstandschef Frank Appel, der wohl profilierteste Manager der Post. Doch nun soll er dafür geradestehen, dass die Kosten im Stammgeschäft aus dem Ruder laufen. Es gebe "unterschiedliche Auffassungen" über die Strategie, hieß es in der Pressemitteilung.

Bis April leitete Gerdes die Sparte, die sich gegenläufig entwickelt: Die Briefmenge sinkt jährlich um etwa zwei Prozent. Gleichzeitig steigt die Zahl der Pakete um etwa sieben Prozent. In ländlichen Gebieten mögen sich die Trends ausgleichen; dort trägt derselbe Bote Briefe und Pakete aus. Doch gerade in den Ballungsräumen steigen die Kosten der Post, zumal ihre Briefträger kürzlich höhere Löhne ausgehandelt haben - und zusätzliche Paketboten immer schwerer zu finden sind.

In diesem Jahr verhagelt das Stammgeschäft die gesamte Konzernbilanz: Zwar sollen Brief und Paket einen Betriebsgewinn von 1,1 Milliarden Euro einfahren. Doch hatte Konzernchef Appel noch im März ambitionierte 1,5 Milliarden Euro prognostiziert. Am Freitag kündigte die Post ein Vorruhestandsprogramm für Beamte an, die noch für den früheren Staatskonzern arbeiten. Für die Abfindungen stellt die Post dazu 500 Millionen Euro zurück.

Mit der Gewinnwarnung hat der Konzern Anleger geschockt: Die Postaktie verlor seit Freitag neun Prozent. Und Gerdes, der seit seinem 20. Lebensjahr für die Post arbeitet, muss die Konsequenzen tragen.

Konzernchef Appel hat bereits im April vorübergehend die Leitung des Brief- und Paketgeschäfts übernommen. Für Gerdes schuf die Post eigens ein neues Vorstandsressort: Als Innovationschef sollte der Westfale fast ausschließlich für die Streetscooter-Werke verantwortlich zeichnen.

Tatsächlich zählt der Elektrokleinlaster zu den guten Ideen, die Gerdes in seinen gut drei Jahrzehnten bei der Post hatte. Unter seiner Verantwortung hat der Konzern vor vier Jahren die Streetscooter GmbH übernommen, die im Umfeld der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen entstand. Dank der Tochterfirma kann die Post mittlerweile mit mehr als 6000 Elektrotransportern Briefe und Pakete zustellen - und ist vor drohenden Fahrverboten für Dieselfahrzeuge gefeit.

Zudem kämpfte Gerdes stets dafür, dass die Post an ihrem separaten Paketnetz festhalten sollte. So ist das frühere Staatsunternehmen klarer Marktführer geblieben, als der Onlinehandel vor einigen Jahren die Menge der Pakete steigen ließ.

Um die Renditeziele zu erreichen, hat die Post an den Löhnen und Investitionen gespart

Unter Gerdes trieb die Post aber auch Ideen voran, die keinen Erfolg gebracht haben. So hat sich der E-Postbrief - eine sichere, aber teure Form der E-Mail - nicht etabliert. Auch den Messagingdienst Simsme, den die Post aufwendig bewarb, nutzen nur wenige als Alternative zu Diensten wie Whatsapp. Und den Postbus, mit dem der Konzern relativ spät in den liberalisierten Fernbusmarkt einstieg, hat man desillusioniert an Flixbus abgegeben.

Im Stammgeschäft drückte Gerdes indes die Kosten, um die hochgesteckten Gewinnziele von Konzernchef Appel erfüllen zu können. So stellt die Post neue Paketboten seit drei Jahren nur noch in Delivery-Tochterfirmen an, zu schlechteren Bedingungen als dem Haustarifvertrag.

Unter Arbeitnehmervertretern hat sich Gerdes derart unbeliebt gemacht, dass deren Entsandte im Aufsichtsrat geschlossen gegen seine letzte Vertragsverlängerung im Jahr 2014 stimmten. Der damalige Aufsichtsratschef Wulf von Schimmelmann paukte die Personalie mit seiner Doppelstimme durch. Doch nun fehlt dieser Rückhalt: Schimmelmann hat den Posten des Chefkontrolleurs im April aus Altersgründen an Nikolaus von Bomhard übergeben.

Im allgemeinen Kostendruck vernachlässigte Gerdes obendrein Investitionen. So gesteht die Post in ihrer Ad-hoc-Mitteilung, dass man "in den letzten Jahren nicht in ausreichendem Maße in die Weiterentwicklung des operativen Geschäfts investiert" habe. Appel will nun zusätzlich 100 bis 150 Millionen Euro pro Jahr für die Automatisierung und Digitalisierung der Brief- und Paketsparte ausgeben.

Nach dem Rauswurf kann Gerdes sein Werk nicht vollenden, das mit dem Kauf der Firma Streetscooter begann. "Wir könnten uns vorstellen, so etwas an die Börse zu bringen", sagte der Diplomkaufmann und -verwaltungswirt noch dereinst in Düren. "Wir schauen uns die nächsten zwei bis drei Jahre an." Tatsächlich darf Gerdes nun nur noch zuschauen, was mit seinem kleinen Autowerk geschieht.