Ungleichheit Das Grundeinkommen ist nur ein Märchen

2000 Finnen bekommen im Jahr 2017 ein bedingungsloses Grundeinkommen ausgezahlt. In Deutschland ist die Debatte noch nicht so weit.

(Foto: dpa-tmn)

Ob links oder rechts, ob Top-Manager oder auf Hartz IV: Alle lieben das Grundeinkommen. Dabei wird es die Ungleichheit weiter zementieren.

Essay von Alexandra Borchardt

Wäre die Digitalisierung ein Märchen, würde es höchstwahrscheinlich mit diesem oder einem ähnlichen Satz schließen: "Dann erhielten alle Menschen ein Grundeinkommen, und gemeinsam mit den Robotern lebten sie glücklich und zufrieden bis an ihr Ende." Dabei wäre die Autorenschaft fast egal, denn die Debatte über die staatliche Einkommens-Flatrate gehört mittlerweile zu Diskussionen über die Zukunft der Arbeit wie Butter auf den Frühstückstisch.

Ob politisch links oder rechts, ob im Silicon Valley oder in Berlin, bei Top-Managern wie Siemens-Chef Joe Kaeser, Unternehmern wie dm-Gründer Götz Werner, Professoren wie dem ehemaligen US-Arbeitsminister Robert Reich oder Hartz-IV-Aktivisten: überall und allen gilt das Konzept des bedingungslosen Geldgeschenks als denkbares, wenn nicht gar einzig denkbares Mittel, um Bismarcks Sozialstaat fit für die digitalisierte Zukunft zu machen.

Wer daran zweifelt, riskiert einen Shitstorm. Und genau das sollte stutzig machen. Denn Politik, die niemandem wehtut, gibt es - wenn überhaupt - nur im Märchen. Und noch mehr ist bedenklich: Was auf den ersten Blick nach einem Weg in eine gerechtere Gesellschaft aussieht, könnte im Gegenteil enden: in einer Gesellschaft des Oben und Unten, die geteilt ist wie in vergangenen Jahrhunderten, als es zwischen Adel und Besitzlosen nicht allzu viele Abstufungen gab und Aufstieg ein Ding der Unmöglichkeit war.

Aber warum klingt das Konzept für so unterschiedliche Gruppen so attraktiv? Ist es der Traum vom Leben ohne tägliche Fron, Angst vor sozialen Unruhen, schlechtes Gewissen? Die Befürworter verfolgen ganz verschiedene Interessen.

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Ein Wust an Bürokratie würde einfach wegfallen

Leicht ersichtlich ist, warum es sich diejenigen herbeisehnen, die heute schon Hartz IV oder ähnliche Formen der Sozialhilfe beziehen oder auf andere Weise mit menschenunwürdigen Ausprägungen dieses Systems zu tun haben. Denn während man heute für den Anspruch auf staatliche Hilfe die Bedürftigkeit nachweisen muss, entfiele dieser Schritt und damit viel Bürokratie. Niemand müsste sich mehr als Bittsteller fühlen, seine Lebensumstände vor Wildfremden offenbaren. Das pauschale Einkommen gäbe es unabhängig von Leistung und Lebenssituation, bedingungslos.

Niemand müsste mehr schlecht entlohnte Drecksarbeit annehmen, um seine Familie durchzubringen. Firmen, die Arbeitskräfte brauchen, müssten sich das etwas kosten lassen. Paradiesisch mögen das diejenigen finden, die schon jetzt stumpfsinnige oder gesundheitsgefährdende Jobs haben, erfüllenden aber miserabel entlohnten Tätigkeiten nachgehen oder ohne Bezahlung arbeiten, weil sie Kinder großziehen, Angehörige pflegen oder sich ehrenamtlich engagieren.

Dieses Paradies könnte allerdings eine Falle sein. Denn ein Einkommen zementiert die soziale Schichtung. Ein Anreiz entfällt, sich aus eigener Kraft von den Fesseln der Staatsstütze zu befreien, etwas zu wagen, zu gründen, sich zu bilden, seinen Kindern eine bessere Zukunft zu erkämpfen. Warum dafür ins Zeug legen, wenn es sich doch auch so bescheiden leben lässt?

Mehr als eine Minimalversorgung ist das Grundeinkommen nicht

Im rechts-libertären politischen Spektrum spielt das Konzept vor allem denjenigen in die Hände, die den Wohlfahrtsstaat schon immer loswerden wollten. Würde man allen Bürgern einen Pauschalbetrag zahlen, ohne den Einzelfall zu prüfen, könnte man die zur Sozialhilfe gehörende Verteilungs-Bürokratie abschaffen, so die Begründung. Der Staat und dessen Gestaltungsmacht würde auf ein Minimum schrumpfen. Allerdings ist der dann auch im Notfall weg. Wird jemand zum Beispiel schwer krank, hat er Pech gehabt. Ein Grundeinkommen sichert die Minimalversorgung, bei größeren Lebenskatastrophen fehlt das schützende Netz.

Für Manager und Unternehmer wiederum wäre das Grundeinkommen eine willkommene Hilfe dabei, sich der Verantwortung für ihre Mitarbeiter zu entledigen, und das in einer Zeit, in der sie mehr Aufgaben übernehmen sollten. In der alten Welt funktionierte die Arbeitsteilung so: Der Staat finanziert Schulen und Universitäten und liefert leidlich ausgebildete Erwachsene bei den Unternehmen ab. In der neuen Arbeitswelt, in der technologischer Wandel Alltag und schnelle Anpassung nötig ist, haben die Betriebe aber eine wichtigere Rolle. Sie müssen ihre Mitarbeiter ständig weiterbilden, das lebenslange Lernen findet im Betrieb statt, nicht in Institutionen. Das ist aufwendig und teuer, und das Geld könnte man in Maschinen und künstliche Intelligenz stecken, die Menschen überflüssig machen.

Gäbe es ein Grundeinkommen, ließen sich solche Investitionen geräuschloser durchziehen. Tausende müssen entlassen werden? Kein Problem, sie fallen ja weich. Unter dem Strich könnte ein Staats-Lohn deshalb dazu führen, dass viel mehr Jobs viel schneller abgebaut werden. Aber hält man nicht ohnehin schon viel zu lange an überkommenen Wirtschaftsstrukturen fest, weil man nicht wagt, ausreichend Arbeitsplätze zu kappen? Diese Argumentation verkennt, dass Menschen, die innerhalb ihrer Betriebe gefördert werden, mehr lernen, größere Chancen haben und auf bessere Ideen kommen, als wenn man sie mit einer Lohn-Flatrate ihrer Aufgabe beraubt auf die Straße setzt.