Unabhängige Patientenberatung Guter Rat ist teuer

Wer sich von Arzt oder Krankenkasse übervorteilt fühlt, kann sich an die Unabhängige Patientenberatung wenden.

(Foto: Felix Kästle/dpa)

Der Auftrag für die Unabhängige Patientenberatung wird ausgeschrieben. Es geht um Prestige und um viel Geld. Hinter den Kulissen ist deshalb ein harter Kampf ausgebrochen.

Von Guido Bohsem, Berlin

Wer das Gesundheitssystem verstehen will, muss auch immer daran denken, dass es dabei um viel Geld geht. Offiziell steht zwar immer das Wohl des Patienten im Vordergrund, doch tatsächlich kämpfen die Akteure im System vor allem darum, einen möglichst großen Anteil an den Beitragsgeldern der Versicherten zu bekommen. Mehr als 205 Milliarden Euro haben die gesetzlichen Krankenkassen im vergangenen Jahr ausgegeben, weitere 24 Milliarden Euro zahlen die privaten Versicherungen. Das meiste davon ist fest verplant, doch gibt es immer wieder Möglichkeiten zum Geldverdienen - und zwar zum Wohle des Patienten.

Die Unabhängige Patientenberatung ist so ein Fall. Hier hat der Gesetzgeber den Krankenkassen aufgegeben, eine unabhängige Beratungsstelle (UPD) zu finanzieren. Wer von seiner Kasse zum Beispiel kein Krankengeld mehr erhält, kann sich an die UPD wenden. Wer die Rechnung des Zahnarztes überzogen hoch findet, kann die UPD zu Rate ziehen. Wer sich fragt, ob die vom Arzt angebotene Untersuchung wirklich so wichtig ist, dass man sie aus eigener Tasche bezahlen sollte, ist bei der UPD an der richtigen Stelle.

Die Einrichtung funktioniert. Seit 2006 hat die UPD etwa 80 000 Anfragen im Jahr beantwortet, telefonisch und persönlich. 78 Mitarbeiter erledigen die Arbeit. Sie sind auf 21 regionale Beratungsstellen und das Bundesbüro aufgeteilt. Allerdings hat es in der Vergangenheit auch Klagen über die Arbeit der UPD gegeben. Es ging darum, dass die Beratungsstellen nicht ausreichend gut zu erreichen seien, vor allem aber ging es um die angeblich zu hohen Kosten, die bei etwa 80 Euro pro Beratung liegen sollen.

Wer die UPD organisiert, erhält 66,4 Millionen Euro von den Krankenkassen

Seit einigen Wochen und Monaten herrscht Unruhe, denn der Spitzenverband der Krankenkassen hat den Auftrag zur Organisation der UPD für den Zeitraum ab 2016 neu ausgeschrieben. Nicht deswegen, weil die Kassen unzufrieden waren, sondern weil es der Gesetzgeber so vorgesehen hat. Doch entzündet sich genau an dieser Frage ein großer Streit in der Politik und unter den Akteuren des Systems.

Es geht, natürlich, ums Geld. Wer den Auftrag erhält, die UPD zu organisieren, kann in den nächsten sieben Jahren mit 62 Millionen Euro von den Kassen rechnen. Hinzu kommen 4,4 Millionen Euro von der privaten Krankenversicherung. Es geht also um insgesamt 66,4 Millionen Euro. Ein lukrativer Auftrag.

Derzeit wird die UPD von drei Gesellschaftern getragen: dem Sozialverband VDK, der Verbraucherzentrale Bundesverband und dem Verbund unabhängige Patientenberatung. Diese Gruppe hat sich beim Spitzenverband darum beworben, diese Aufgabe auch weiterhin zu übernehmen. Doch gibt es Konkurrenz und zwar in Form eines privaten Anbieters mit dem Namen Sanvartis. Bei dem Duisburger Unternehmen handelt es sich vereinfacht gesagt, um ein auf medizinisches Fachwissen spezialisiertes Callcenter, das aber auch Beratungsfunktionen übernimmt. 220 Leute arbeiten für das Unternehmen, darunter auch Ärzte, Apotheker und Pflegerinnen. Auf seiner Internet-Seite wirbt es dafür, schon für Pharma-Unternehmen und Krankenkassen tätig gewesen zu sein.

Der Bewerber Sanvartis würde Beschwerden an seiner eigenen Arbeit entgegennehmen

Daran entzündet sich die Kritik. Die Grünen-Gesundheitsexpertin Maria Klein-Schmeink bezeichnet Sanvartis als Dienstleister für Krankenkassen und Leistungserbringer. Es werbe damit, dass jede dritte Person, die bei ihrer gesetzlichen Krankenkasse anruft, bei einem Mitarbeiter von Sanvartis landet. "Wenn das gleiche Callcenter jetzt Patienten in Konflikten mit Krankenkassen unterstützen soll, sind Interessenkonflikte programmiert." Sanvartis wird Beschwerden an seiner eigenen Arbeit für die Kassen entgegennehmen.

Auch die versammelte Ärzteschaft sprach sich gegen eine Vergabe an Sanvartis aus. "Eine Patientenberatung, die von einem Call-Center betrieben werden soll, das nachweislich schon für die Kassen tätig war, kann unmöglich die Anliegen von Patienten und Versicherten umfassend vertreten", erklärten die auf Bundesebene tätigen Spitzenorganisationen von Ärzteschaft und Zahnärzteschaft. Diese befürchten, dass eine von Sanvartis organisierte UPD die Patienten vor allem gegen die Ärzte in Stellung bringen könnte.

Noch ist die Entscheidung nicht gefallen. Eine Sitzung des zuständigen Beirates kam in der vergangenen Woche zu keinem Ergebnis, obwohl man mehrere Stunden lang zum Thema UPD diskutiert hatte. Letztlich muss der Spitzenverband der Krankenkassen die Entscheidung fällen, an wen sie den Auftrag nun erteilt. Eine Hürde gibt es allerdings noch. Der Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Karl-Josef Laumann (CDU) muss mit der Entscheidung einverstanden sein. Er hat eine Art Veto-Recht.

Da es um viel Geld, aber auch um das Wohl des Patienten geht, kündigte Laumann an, die Entscheidung sorgfältig zu prüfen. Die Unabhängigkeit der Patientenberatung sei ein Ausschluss-Kriterium bei der Ausschreibung. "Ich werde meine Zustimmung nur geben, wenn diese sowie ein hohes Maß an Qualität, Regionalität und Bürgernähe gewährleistet sind", sagte er der Süddeutschen Zeitung.