Umstrittenes Pestizid Geheimsache Glyphosat

  • Das Ackergift Glyphosat ist umstritten: Es besteht der Verdacht, es könne Krebs auslösen.
  • Eine Studie kommt wiederum zu der Einschätzung, das Pestizid sei ungefährlich. EU-Behörden verweigern aber Einblick in den Bericht.
  • Kritiker haben dafür kein Verständnis: Transparenz liege im öffentlichen Interesse.
Von Silvia Liebrich

Seit ein Krebsforschergremium der Weltgesundheitsorganisation (IARC) nachdrücklich vor den Gefahren des Ackergifts Glyphosat warnt, geraten deutsche und EU-Behörden immer mehr unter Druck. Sie verweigern den Zugang zu einem Risikobericht, der zu einer ganz anderen Einschätzung kommt, nämlich der, dass das Pestizid harmlos sei. Rückendeckung bekommen die Behörden von der EU-Kommission. Die ließ nun mitteilen, dass der umstrittene Bericht vollständig der Geheimhaltung unterliege. Begründet wird das unter anderem damit, dass er Geschäftsgeheimnisse enthalte, außerdem gebe es kein öffentliches Interesse an einer Offenlegung. Das geht aus einem Schreiben der EU-Kommission an die gentechnikkritische Organisation Testbiotech hervor, das der SZ vorliegt.

Behörde hat wohl Hinweise auf Krebsrisiko durch Glyphosat ignoriert

Das Ackergift Glyphosat ist populär wie umstritten. Jetzt gerät das Bundesinstitut für Risikobewertung unter Druck. Analyse von Silvia Liebrich mehr ... Analyse

Kritiker haben für diese Geheimniskrämerei kein Verständnis. "Es gibt keinen Zweifel daran, dass eine vollständige Transparenz in der Risikobewertung von höchstem öffentlichen Interesse ist", sagt Christoph Then von Testbiotech. Schließlich gebe es zwei sich widersprechende Einschätzungen, von denen sich nur eine überprüfen lässt: die des WHO-Gremiums, das seinen vollständigen Bericht Ende Juli veröffentlicht hat. Fazit: Das Herbizid ist wahrscheinlich krebserregend für Menschen.

Es besteht der Verdacht, Krebs und Missbildungen auszulösen

Dieser Verdacht ist brisant. Glyphosat ist weltweit das am meisten verkaufte Ackergift. Es tötet Pflanzen ab, wird aber auch eingesetzt, um die Reife von Getreide zu beschleunigen. Es steht bereits seit Jahren im Verdacht, neben Krebs auch andere Krankheiten und Missbildungen bei Neugeborenen auszulösen. Für die Industrie ist Glyphosat ein Milliardengeschäft. Ein Verbot des Mittels wäre ein harter Schlag.

Warum nun ausgerechnet die Risikoanalyse unter Verschluss bleiben soll, die das Mittel als unbedenklich einstuft, ist für Kritiker wie Then schwer nachvollziehbar. Erstellt hat diesen Bericht das deutsche Bundesinstitut für Risikoforschung (BfR). Die deutsche Behörde ist bei Glyphosat Berichterstatter für die gesamte EU. Ihre Einschätzung hat sie im Frühjahr an die europäische Lebensmittelaufsicht Efsa überstellt. Hintergrund ist, dass die Zulassung für das Mittel in diesem Jahr ausläuft und auf Grundlage neuer Risikobewertungen erneuert werden soll. Entscheiden muss darüber voraussichtlich Anfang nächsten Jahres die Regierung in Brüssel, doch die verlässt sich dabei in der Regel auf das Urteil der Experten vom BfR und der Efsa, die im italienischen Parma sitzt.

"Die schieben den Schwarzen Peter einfach hin und her"

Die Analysemethode des BfR ist umstritten. Bei seinen Auswertungen zieht es vor allem Studien heran, die von den Herstellern stammen, nicht von unabhängigen Forschern. Eine Vorgehensweise, die gesetzlich vorgeschrieben ist, aber heftig kritisiert wird. Der Umgang des BfR mit Studien wirft ebenfalls Fragen auf. SZ-Recherchen zeigten vor Kurzem, dass das BfR unter anderem Leserbriefe von Industrievertretern an Fachmagazine als Studien gewertet hat. Auch lagen der Behörde durchaus Hinweise vor, die den Krebsverdacht gegen das Mittel bestätigen, doch die wurden offenbar ignoriert.

Vergiftete Debatte

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Auch andere Organisationen haben sich um den BfR-Bericht bemüht - vergeblich. Auf Anfrage des Umweltinstituts München bei der Efsa hieß es im Juli, dass Anfragen an das BfR zu richten seien, weil das den Bericht erstellt habe. Das BfR verweist dagegen auf Parma. "Der überarbeitete Bericht liegt derzeit bei der Efsa. Bitte wenden Sie sich mit Ihrer Anfrage zum Bewertungsbericht an diese", heißt es in einem Schreiben. "Die schieben den schwarzen Peter einfach hin und her. Da fühle ich mich verarscht", schimpft Karl Bär vom Umweltinstitut München.