Überstunden Arbeiten ohne Ende

Nach dem Feierabend arbeiten viele Menschen weiter Akten ab.

(Foto: Stephanie Pilick/dpa)

Gewerkschafter schlagen Alarm: Jeder vierte Beschäftigte schufte 45 Stunden und mehr pro Woche.

Von Alexander Hagelüken

Länger in der Firma bleiben, als im Arbeitsvertrag steht - und vielleicht danach zu Hause am Laptop weiterarbeiten: Glaubt man einer neuen Umfrage des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), wird dies für immer mehr Deutsche zur Realität. Demnach werkelt jeder vierte Beschäftigte mindestens 45 Stunden die Woche - "überlang" nennt dies der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB). Rechnet man die Teilzeitstellen heraus, ist der Anteil noch höher. Mehr als jeder Zweite ist nach der Umfrage regelmäßig länger tätig, als sein Vertrag vorsieht.

DGB-Vorstand Annelie Buntenbach hält das für eine gefährliche Entwicklung: "Arbeiten ohne Ende gefährdet die Gesundheit und erschwert, Beruf und Privatleben unter einen Hut zu bringen." Buntenbach fordert neue Regeln, damit die Beschäftigten ihre berufliche Einsatzzeit selbstbestimmt gestalten könnten. Denn die Folgen der Vielarbeit sind gravierend. 70 Prozent jener, die 45 Stunden und mehr anhäufen, fühlen sich der Umfrage zufolge oft gehetzt. Das ist ein deutlich höherer Anteil als unter denen, die weniger Stunden täglich in der Firma bleiben. Eine Mehrheit der sehr lange Tätigen gibt außerdem an, dass Familie und Freunde zu kurz kommen - und dass sie ihre Erholungspausen einschränken, was der Gesundheit schaden kann.

Die Frage ist, ob diese drastischen Zahlen, laut DGB eine repräsentative Befragung für das Projekt "Gute Arbeit", die Realität in Deutschland vollständig abbilden. Dem IAB-Institut der Bundesagentur für Arbeit zufolge nimmt der Umfang, den Deutsche ihrem Beruf widmen, insgesamt eher ab - bei vollen Stellen von 39 Stunden Wochenarbeitszeit im Jahr 1991 auf 38 Stunden 2014. Die Anzahl der Überstunden hat sich um ein Drittel reduziert. "Das zeigt, dass die tatsächlich geleistete Arbeitszeit von der vertraglich vereinbarten nur wenig abweicht", sagt Holger Schäfer vom arbeitgebernahen Institut der Deutschen Wirtschaft. Schäfer verweist auf Erhebungen des Statistischen Bundesamtes, wonach der Anteil der Vielarbeiter nur halb so hoch ausfällt wie in der DGB-Umfrage: Danach sind 4,3 Millionen oder zwölf Prozent der Beschäftigten 45 Stunden und mehr tätig. Die Gewerkschaft hält dagegen. Es gebe weitere Befragungen, die den hohen Anteil von Vielarbeitern belegen: Erhebungen der Bundesanstalt für Arbeitsschutz etwa oder des Sozioökonomischen Panels, das die Quote sogar weit höher beziffere als die Gewerkschaft. "Es bewegt sich sehr viel im Bereich der Grauzonen, der nicht erfassten Arbeitszeit", sagt DGB-Vorstand Buntenbach. Jeder dritte der Vielarbeiter gebe an, er schufte oft unbezahlt länger für die Firma.

Klar ist, dass es in der Berufswelt unterschiedliche Entwicklungen gibt. Während die Arbeitszeit für die Masse der Beschäftigten laut Statistischem Bundesamt abnimmt, ermitteln auch die offiziellen Statistiker eine Zunahme der Vielarbeiter. So hat sich der Anteil unter den Männern in den vergangenen 20 Jahren verdoppelt. In manchen Branchen wird laut DGB-Umfrage besonders oft lange gearbeitet: Bei Lkw-Fahrern, Landwirten, in Hotels und Restaurants. Und es kommt auf die Funktion an: Fast jeder Zweite mit einer Leitungsfunktion fällt darunter. Es gibt mehrere Trends, die potenziell zu längerer beruflicher Beanspruchung führen. So ist inzwischen jeder Fünfte in einer Firma angestellt, die Arbeitszeiten gar nicht mehr erfasst. Was gern "Vertrauensarbeitszeit" genannt wird, ermöglicht Selbstausbeutung. Zumal heute jeder mit Laptop und Handy nach Feierabend zu Hause weiterwerkeln kann. Laut DGB-Umfrage arbeiten Beschäftigte, die außerhalb normaler Zeiten für den Betrieb erreichbar sind, im Schnitt länger. "Arbeitszeit muss auch dann erfasst werden, wenn von zu Hause oder unterwegs gearbeitet wird", fordert Buntenbach. Die Behörden kontrollierten zu wenig, ob jemand sogar länger als die gesetzlich festgelegten 48 Stunden die Woche arbeite.