Time Warner und AOL Das Ende einer Mär

Time Warner trennt sich endgültig von seiner Internet-Abteilung. Damit endet eines der größten Geldvernichtungs-Trauerspiele der amerikanischen Fusionsgeschichte.

Ein Kommentar von Carsten Matthäus

Es war einmal ein Mann, der konnte alles verkaufen. Geboren in Honolulu, Hawaii, brachte er zuerst Shampoos und Pizzen an den Mann, dann holte er zum ganz großen Schlag aus. Steve Case heißt der Mann und er gründete nach Stationen bei Procter & Gamble und Pizza Hut 1985 den Internet-Dienstleister America Online, später als AOL bekannt. Im Zuge der New-Economy-Blase wurde aus dem Zwerg AOL ein Internet-Riese.

Den größten Coup landete Case im Januar 2000, als er seinen Scheinriesen AOL - kurz vor dem Platzen der Internetblase - mit dem echten Medienriesen Time Warner in einer 110-Milliarden-Dollar-Fusion verheiratete. Sofort danach gelang Case ein noch viel schlauerer Schachzug: Er zog sich aus dem operativen Geschäft zurück und sah aus der sicheren Position des Chairmans den Chefs des neuen Medienkonzerns beim Leiden an der Fusion zu.

Gerald Levin, der mit Case den Deal perfekt gemacht hatte, wurde von Großaktionär Ted Turner in Schimpf und Schande davongejagt. Case-Gefolgsmann Robert (Bob) Pittmann, der die AOL-Division im Konzern leitete, kam bei der Integration der ungleichen Partner keinen Schritt voran und wurde ebenfalls unehrenhaft entlassen. Richard Parsons, Konzernchef von Ende 2001 bis Ende 2007, strich 2003 sang- und klanglos den Namen AOL aus dem Firmenlogo und schleppte den Internet-Bereich als Ballast mit. Sein Nachfolger Jeff Bewkes hat nun das Ende einer Fusion angekündigt, die als größter Fehler in der Geschichte von Unternehmensfusionen gelten kann.

In den Hochzeiten des Internet-Booms war AOL an der Börse mehr als 200 Milliarden Dollar wert. Damals vermutete man, dass derjenige im Internet gewinnt, der den Zugang der Kunden zum Netz kontrolliert. Das war in den USA vor allem AOL - über teils schrecklich langsame Modem-Verbindungen. Gemeinsam mit einem Inhalte-Anbieter wie Time Warner wolle AOL zu so etwas wie dem großen Schleusenwärter der digitalen Welt avancieren, der bei jedem Abruf ein wenig mitverdient. Dann aber kamen andere Anbieter mit schnelleren Breitband-Angeboten, kostenlosen Internet-Zugängen, Gratis-Inhalten und attraktiveren Preisen - und AOL verlor seine Phantasie so schnell, wie sie entstanden war. Steve Case kommentierte den Niedergang 2002 fast schon süffisant mit den Worten: "Wir haben noch kein Angebot geschaffen, ohne das die Leute nicht leben können."

An Wert hat AOL schon lange verloren. Heute wäre die Internetsparte - nach Page Impressions noch immer die Nummer vier auf dem US-Markt - gerade mal ein Zehntel dessen wert, was noch vor Jahren in den Büchern stand. Damit das langsame Sterben des einstigen Internet-Stars nicht weitergeht, wurde der ehemalige Google-Manager Tim Armstrong zum Chef von AOL gemacht. Steve Case hat mit der Rettung seines Unternehmens nichts mehr zu tun - er hatte seinen Hut bei Time Warner schon im Oktober 2005 genommen.