Textilindustrie in Indien Genäht von Sklavinnen, verramscht in Deutschland

In Südindien schuften junge Mädchen jahrelang für ihre Aussteuer. Eltern geben die Mädchen in die Obhut von Textilfabriken, in denen sie dann ihre eigene Mitgift verdienen müssen. Von dieser Sklavenarbeit profitieren auch deutsche Kunden.

Von Daniel Brössler, Berlin

In der Regel bekommen die jungen Frauen monatlich nur ein Taschengeld von etwa 20 Euro. Wird der Bonus von 500 bis 800 Euro nach Ablauf der Vertrags überhaupt gezahlt, wandert er direkt in die Taschen der Familie des Bräutigams.

(Foto: AFP)

Das System trägt einen schönen Namen: Sumangali. In der tamilischen Sprache beschreibt das eine "glückliche Braut" oder eine Braut, die Wohlstand bringt. Um Wohlstand geht es tatsächlich, aber gewiss nicht den der Bräute. Es geht um ein Geschäft, das in Spinnereien im Süden Indiens beginnt und von den Textilfabriken des Subkontinents bis in deutsche Kleidergeschäfte führt.

Beim Sumangali-System im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu geht es letztlich um die Versklavung junger Frauen. Eltern geben die Mädchen in die Obhut von Textilfabriken, in denen sie dann ihre eigene Mitgift verdienen müssen. Drei Jahre lang werden die Mädchen "ausgebildet", werden aber tatsächlich wie Gefangene gehalten und ausgebeutet. In der Regel bekommen sie monatlich nur ein Taschengeld von etwa 20 Euro. Wird der Bonus von 500 bis 800 Euro nach Ablauf des Vertrags überhaupt gezahlt, wandert er direkt in die Taschen der Familie des Bräutigams.

Das Sumangali-System gehöre zu den schlimmsten Formen der Kinderarbeit, beklagt die Menschenrechtsorganisation Terre des Hommes. Der Bundesregierung ist das Problem bewusst, wie aus einer der Süddeutschen Zeitung vorliegenden Antwort auf eine Kleine Anfrage der Grünen im Bundestag hervorgeht. Möglichkeiten, die Produkte der Sklavenarbeit von deutschen Ladentischen zu verbannen, sieht sie aber praktisch nicht.

Bundesregierung soll über Zustände bescheid wissen

"Importverbote können zuständigkeitshalber nur von der EU verhängt werden", heißt es. Letztlich könne aber nicht einmal die EU etwas tun. Die Einhaltung von Sozialstandards sei nicht "Regelungsgegenstand" der Welthandelsorganisation (WTO). "Importverbote aufgrund der Verletzung von Sozialstandards sind somit WTO-rechtlich nicht zulässig", erklärt die Bundesregierung.

"Wie kann es sein, dass für Waren, die unter Sklavereibedingungen hergestellt wurden, kein Importverbot verhängt werden darf?", fragt der Parlamentarische Geschäftsführer der Grünen, Volker Beck. Die Bundesregierung wisse, dass solche Kleider hier verkauft würden und verstecke sich hinter EU und WTO. Das sei "eine Kapitulation vor den Unternehmensinteressen auf Kosten der Menschenrechte". Die Waren aus dem Sumangali-System dürften nicht länger "in den Regalen und auf den Wühltischen deutscher Kaufhäuser liegen".

Zumindest, so fordern die Grünen, müsse Transparenz geschaffen werden. Von der Bundesregierung wollten sie wissen, welche Informationen sie "über Importe von Waren durch H&M, C&A, Kik, Lidl und der Metro-Gruppe" aus Betrieben habe, die "Sumangali"-Mädchen beschäftigen. Es bestehe keine rechtliche Verpflichtung der deutschen Unternehmen, ihre Bezugsquellen anzugeben, lautet die Antwort. Der Bundesregierung lägen "daher keine diesbezüglichen Informationen" vor.

"Beschimpfungen, Schläge und sexuelle Belästigung"

Kaum ein Zweifel kann dennoch bestehen, dass Produkte der Sklavenarbeit in wesentlichem Umfang in deutschen Einkaufstüten landen. Tirupur im indischen Bundesstaat Tamil Nadu ist einer der größten Textilstandorte der Welt. Unter den insgesamt 500.000 Textilarbeitern sind nach Angaben von Terre des Hommes etwa 120.000 Mädchen oder junge Frauen, die wie Sklavinnen gehalten und ausgebeutet werden. Sie arbeiten hauptsächlich in den Spinnereien, die ihr Garn an Textilfabriken in Indien, aber auch in Bangladesch, China oder Kambodscha liefern.

Die Mädchen seien "Beschimpfungen, Schlägen und sexueller Belästigung durch Aufseher ausgesetzt", beklagt Terre des Hommes. Täglich versuchten Mädchen, aus den Fabriken zu fliehen. Suizidversuche, bei denen die Mädchen sich mit Hilfe von Pestiziden oder Benzin das Leben zu nehmen versuchen, seien an der Tagesordnung. Die Bundesregierung spricht von "Einzelfällen", in denen die indische Verfassung verletzt werde und die man "in den geeigneten Foren" gegenüber der indischen Regierung anspreche. Die Stärkung von Mädchen und Frauen sei ein "zentrales Anliegen" der deutschen Entwicklungszusammenarbeit mit Indien.

Die von den Grünen geforderte Offenlegungspflicht, bei der Unternehmen über die Einhaltung von Sozial- und Umweltstandards Rechenschaft ablegen müssten, lehnt die Bundesregierung ab und setzt auf Selbstkontrolle. Auf die Vorwürfe bereits reagiert hat das Modehaus C&A. "Sumangali ist ein illegales und menschenverachtendes System, das wir unter keinen Umständen akzeptieren", teilte das Unternehmen mit.