Textil-Discounter Kik Schon wieder Opfer

2012 trauerten Verwandte in Karatschi um Angehörige, die im Feuer in der Fabrik starben.

(Foto: AFP)

In Pakistan starben 259 Menschen bei einem Fabrikbrand. Angehörige fordern von der deutschen Textilfirma Kik Entschädigung. Die findet aber: 4000 Euro pro Familie reichen.

Von Markus Balser, Berlin

Die Fenster waren vergittert, die Notausgänge verriegelt oder verstellt - als am 11. September 2012 in der Hub Road, Plot 67 im Armenviertel der pakistanischen Hafenstadt Karachi Feuer ausbrach, saßen Hunderte Beschäftigte von Ali Enterprises in der Falle. In dem betongrauen Bau arbeiteten 1000 Männer und Frauen. 259 Mitarbeiter überlebten die Katastrophe nicht. Mehr als 50 trugen teils schwere Verletzungen davon. Der Unfall gilt als die schlimmste Brandkatastrophe Pakistans.

Die Katastrophe schlug auch in Deutschland hohe Wellen und stellte die Frage nach der Verantwortung auch hierzulande. Denn unter den gefährlichen Bedingungen in der Hub Road ließ ausgerechnet eine deutsche Textilkette produzieren: Der Billiganbieter Kik mit Sitz in Bönen in der nordrhein-westfälischen Provinz, in dessen Filialen die Jeans für nicht mal 16 Euro angeboten wurden. Die Fabrik, so erklärten Mitarbeiter des betroffenen Unternehmens, sei mit Kik überhaupt erst groß geworden.

Doch es dauerte eine gute Woche, bis Kik nach dem Unglück einräumte: Die Billig-Textilien, für die die Arbeiter so teuer gezahlt hatten, waren für den deutschen Markt bestimmt. Die Katastrophe warf ein schlechtes Licht auf die Firma, die zur Tengelmann-Gruppe gehört. Und so kündigte das Unternehmen eine rasche Entschädigung für die Hinterbliebenen an. Eine Million US-Dollar zahlte die Firma sofort aus. Über eine Langzeitentschädigung sollte noch verhandelt werden. Doch fast zwei Jahre nach dem Brand ist vom dem anfänglichen Elan wenig geblieben. Gespräche über die endgültige Entschädigung für Angehörige und Überlebende sind nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen und Anwälten gescheitert.

Der deutsche Textildiscounter Kik sei nicht bereit, über eine langfristige Wiedergutmachung zu verhandeln, sagte der pakistanische Opferanwalt Faisal Siddiqi am Freitag in Berlin. Kik wolle nicht mehr zahlen als die eine Million US-Dollar (rund 740 000 Euro), die als Soforthilfe an die Betroffenen bereits ausbezahlt worden seien. Das sei bei einem Treffen von Unternehmensvertretern mit der pakistanischen Arbeitsrechtsorganisation Piler am Mittwoch in Berlin klar geworden. Piler vertritt die Interessen der Opfer. Hilfsorganisationen kritisierten den deutschen Konzern hart für seinen Rückzug. "Die Familien der Opfer warten dringend auf ihr Geld", sagt Thomas Seibert von Medico international. Viele hätten ihre Wohnung verloren. Überlebende seien auf weitere Operationen und Therapien angewiesen, die von den bisherigen Entschädigungen von gut 4000 Euro pro Familie nicht zu zahlen seien.

Das Unternehmen Kik lehnt die Forderung ab. Man habe durch die Zahlung von einer Million US-Dollar sowohl zur kurzfristigen als auch zur langfristigen Unterstützung der Betroffenen bereits einen anteiligen Beitrag geleistet. Künftige Hilfen für die Opfer und Verletzten müssten "von einer breiten Allianz getragen und gemeinsam ermittelt werden" - auch von weiteren Abnehmern, hieß es am Freitag in einer Stellungnahme von Kik.

Doch Experten bezweifeln, dass es nennenswerte andere Kunden gab. "Sehr viel deutet darauf hin, dass Kik lange fast der einzige Kunde der Fabrik war", sagt Frauke Banse von der Kampagne für saubere Kleidung. Manager der Firma hätten erklärt, Kik habe fast die ganze Fabrik ausgelastet. Das Unternehmen müsse jetzt zu seiner Verantwortung stehen.

Miriam Saage-Maaß vom "Europäischen Zentrum für Verfassungs- und Menschenrechte" (ECCHR) sprach am Freitag in Berlin von einem "System der organisierten Unverantwortung", das Textilfirmen zur möglichst billigen Produktion in Asien ausnutzten. Dringend nötig sei eine entschiedene Verschärfung des Haftungsrechts, wie sie derzeit etwa in Frankreich diskutiert werde. In den Fabriken Karachis arbeiten nach Schätzungen von NGOs weiter rund 300 000 Menschen in 500 Fabriken. Die Arbeitsbedingungen gelten nach wie vor als prekär.