Studie Zuwanderung ja, aber bitte nicht im eigenen Viertel

"Von Hochqualifizierten gemieden": Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung zeigt, dass Deutschland seine Attraktivität als Einwanderungsland überschätzt - und unterschätzt, wie wichtig eine Willkommenskultur ist.

Von Roland Preuss

Zuwanderer nutzen zwar der Wirtschaft, aber im eigenen Viertel wollen die Bürger lieber nicht so viele Migranten haben. Auf diese Formel lässt sich das Ergebnis einer Umfrage im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung bringen, die am Montag vorgestellt wurde. Demnach haben die Bundesbürger ein zwiespältiges Verhältnis zu Einwanderern.

Jeder Zweite meint zwar, Zuwanderung lindere den Fachkräftemangel, eine breite Mehrheit der Befragten gab zudem an, sie fördere die Ansiedlung internationaler Unternehmen und mache das "Leben in Deutschland interessanter". Abseits internationaler Kulturfeste und Restaurantbesuche aber beginnen rasch die Schwierigkeiten: Zwei Drittel der Bürger sind der Auffassung, dass Zuwanderung die Sozialsysteme belastet, zu Konflikten mit Einheimischen führt und zu Problemen in den Schulen.

Die Bertelsmann-Stiftung hatte TNS Emnid mit der repräsentativen Umfrage beauftragt. Das Institut hatte hierfür Mitte Oktober gut 1000 Bürger ab 14 Jahren befragt, ein knappes Fünftel davon stammte aus Zuwandererfamilien.

Deutsche sehen ihr Land vor den USA und Frankreich

Trotz der weit verbreiteten Skepsis dominiert die Überzeugung, das eigene Land sei weltweit besonders begehrt als Ziel von Migranten. Die Bürger sehen die Bundesrepublik sogar auf Platz eins noch vor den USA und Frankreich. "Deutschland unterschätzt die Bedeutung einer Willkommenskultur und überschätzt seine Attraktivität als Einwanderungsland", sagte Ulrich Kober, Integrationsexperte der Bertelsmann-Stiftung. Dies lasse sich bereits an der geringen Zahl von Fachkräften erkennen, die in der Vergangenheit eingewandert seien. "De facto wird Deutschland von Hochqualifizierten aus Nicht-EU-Ländern gemieden", sagte Kober.

Dass Migranten in Deutschland freundlich aufgenommen werden, glaubt denn auch nur jeder zweite Bürger. Kober plädierte für einen Mentalitätswandel der Bevölkerung. "Ohne Offenheit sind wir nicht attraktiv für qualifizierte Zuwanderer, die wir allein aufgrund der demografischen Entwicklung dringend brauchen."

Jüngere stehen Zuwanderung positiver gegenüber

In der Politik wird seit Jahren darüber debattiert, wie sich mehr Fachkräfte aus dem Ausland gewinnen lassen - und mit welchen Instrumenten sich diese Klientel für einen Umzug begeistern lässt. In den vergangenen zehn Jahren waren die gesetzlichen Hürden für die Zuwanderung nach Deutschland mehrmals gesenkt worden, Fachleute und Politiker betonten, wie wichtig in diesem Zusammenhang eine "Willkommenskultur" sei. Der damalige Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) erklärte den Kampf gegen den Fachkräftemangel sogar zur "Schlüsselfrage".

Gut möglich, dass diese Debatten vor allem die Jüngeren beeinflusst haben. Ihnen attestiert die Umfrage eine deutlich positivere Haltung gegenüber Zuwanderern als dem Durchschnitt. Für die Bürger unter 29 Jahren überwiegen die Vorteile. Sie schätzen die Leistungen länger im Land lebender Migranten höher ein und plädieren mehrheitlich für eine leichtere Einbürgerung.

Groß sind die Meinungsunterschiede beim Thema Schule: Die Älteren (über 60 Jahre) sehen darin den größten Nachteil der Zuwanderung, 14- bis 29-Jährige nicht das Hauptproblem. Allerdings war auch bei den Jüngeren fast die Hälfte der Meinung, Zuwanderung führe zu "Problemen in den Schulen".