Studie zur Wirtschaftskriminalität Der Feind im Inneren

Betrug, Untreue, Diebstahl: Wirtschaftskriminalität kostet Firmen im Schnitt Hunderttausende Euro jährlich, zeigt eine Studie. Jeder zweite Täter schadet der eigenen Firma. Der Mittelstand unterschätzt die Gefahr, Großunternehmen setzen statt Vertrauen auf Kontrolle.

Unterschätzen deutsche Unternehmen das Risikon, opfer vonW irtschaftskriminalität zu werden? Vier von fünf mittelständischen Firmen sehen die Gefahr diese Art der Kriminalität gering bis sehr gering - obwohl der Schaden von Wirtschaftsdelikten für ein Unternehmen im Schnitt 300.000 Euro im Jahr beträgt. Das ist das Ergebnis einer Studie des Wirtschaftsprüfers KPMG. Großunternehmen hingegen schätzen das Risiko realistischer ein.

Die Wirtschaftsprüfer hatten für die Studie 300 mittelständische und 32 der größten Unternehmen in Deutschland für das Jahr 2012 befragt. Der Studie zufolge entstand allein 2011 durch Wirtschaftskriminalität ein Schaden von mehr als vier Milliarden Euro in Deutschland.

Die größte Gefahr liegt der Studie zufolge für mittelständische Firmen bei Verbrechen wie Diebstahl und Unterschlagung (65 Prozent) sowie Betrug und Untreue (37 Prozent). Mittelständische Unternehmen schätzen dies anders ein: Sie sehen sich vor allem von Datendiebstahl und der Verletzung von Urheberrechten betroffen.

Die Studie untersucht ein weites Spektrum an Straftaten: So fallen unter den Begriff der Wirtschaftskriminalität klassische Delikte wie Steuervergehen, Wettbewerbsverstöße, aber auch Betrug, Untreue, Unterschlagung, Geldwäsche und Korruption.

Die Täter kommen in jedem zweiten Fall aus dem eigenen Unternehmen. Außerdem werde die Hälfte der Delikte in mittelständischen Firmen nur zufällig entdeckt, heißt es in der Studie. "Vor allem in inhaber- und familiengeführten Unternehmen gibt es eine Kultur des Vertrauens", sagt Frank Weller von KPMG. Das ist ein Grundproblem bei der Verfolgung von Wirtschaftskriminalität: Opfer merken erst spät oder in vielen Fällen gar nicht, dass sie überhaupt zu Opfern geworden sind.

Mittelständische Firmen vertrauen - Großunternehmen kontrollieren

"Die Studie bestätigt unsere Erfahrung aus der Praxis, dass hier oft grundlegende Kontrollmechanismen wie die Funktionstrennung oder das Vieraugenprinzip sträflich vernachlässigt werden. So entwickeln sich häufig gerade jene Mitarbeiter zu einer Gefahr, auf die man sich in besonderer Weise verlässt.", sagt Weller.

Das Credo der Großunternehmen hingegen scheint nicht Vertrauen, sondern Kontrolle zu sein. Auch stimmt die Risikowahrnehmung der großen Firmen KPMG zufolge viel eher mit dem tatsächlichen Schaden überein als jene der mittelständischen Unternehmen, sagt Weller: "Wir beobachten, dass der Umgang mit Wirtschaftskriminalität insbesondere bei Großunternehmen inzwischen auf der Agenda von Geschäftsführung und Vorstand fest verankert ist und auch von Aufsichtsräten zunehmend thematisiert wird."

Jeder zweite Täter kommt auch hier aus dem Unternehmen selbst - meist sogar handele es sich um einen langjährigen Mitarbeiter, der in der Hierarchie relativ weit oben steht. Über 30 Prozent der Täter, also ein nicht unerheblicher Anteil, stammen nicht aus der Firma. Großunternehmen sind vor allem von Diebstahl und Unterschlagung (32 Prozent), Betrug und Untreue (24 Prozent) sowie mit Geldwäsche (17 Prozent) betroffen.