Studie der Industrie Gewerkschaften schaffen das Comeback

Streik der IG Metall: Viele Gewerkschaften haben wieder mehr Mitglieder.

(Foto: Catherina Hess)
  • Die Gewerkschaften haben sich laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) wieder aus dem politischen Abseits herausmanövriert.
  • Sechs der acht DGB-Gewerkschaften verzeichnen einen Mitgliederzuwachs.
  • Ein Grund für das "Comeback der Gewerkschaften" ist die Finanzkrise: Bei Konjunkturprogrammen und Mindestlohn beispielsweise fanden DGB-Gewerkschaften und die SPD einen gemeinsamen Nenner.
  • Mängel sieht die Studie in der Rekrutierung von Nachwuchs und dem Erschließen neuer Berufsgruppen.
Von Detlef Esslinger

Der Einfluss der Gewerkschaften ist in Deutschland deutlich gestiegen. Zu dieser Einschätzung kommen nicht sie selbst, sondern dies ist ein Fazit der Industrie. Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) veröffentlicht am kommenden Mittwoch eine Studie, in der es von einem "Comeback der Gewerkschaften" spricht. Es sei ihnen in den vergangenen Jahren gelungen, "aus dem politischen Abseits herauszutreten, in das sie sich mit ihrer Opposition gegen die Agenda 2010 selbst hineinmanövriert hatten".

Die Forscher werteten die Allgemeine Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (Allbus) aus, in der alle zwei Jahre mehr als 3000 Menschen in Deutschland zu ihren Einstellungen und Verhaltensweisen befragt werden. Ein Comeback stellten sie aus zwei Gründen fest: Erstens ist die Zahl ihrer berufstätigen Mitglieder gestiegen. Vor neun Jahren waren nur noch 18 Prozent der Beschäftigten in Deutschland Mitglied in einer Gewerkschaft; bis 2012 stieg dieser Wert auf 20,6 Prozent. Die IW-Forscher arbeiteten mit der Allbus-Umfrage von 2012, da die Daten der mittlerweile neuesten Erhebung von 2014 erst in einigen Wochen vorliegen werden.

Inzwischen dürfte der Organisationsgrad noch weiter leicht gestiegen sein. Mindestens bei sechs der acht DGB-Gewerkschaften wächst die Zahl der berufstätigen Mitglieder: IG Metall, Verdi, IG Bergbau-Chemie-Energie (IG BCE), Erziehung und Wissenschaft (GEW), Gewerkschaft der Polizei (GdP) und Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). Nur IG Bau und Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) machen dazu keine Angaben. Auch der zweite große Gewerkschafts-Dachverband, der Beamtenbund, verzeichnet seit Jahren steigende Mitgliederzahlen; ebenso Organisationen, die keinem Dachverband angehören, wie der Marburger Bund.

Finanzkrise brachte SPD und Gewerkschaften wieder zusammen

Der zweite Grund für ein Comeback, den die IW-Forscher, Hagen Lesch, Carsten Anders und Hendrik Biebeler anführen, war die Finanzkrise vor sechs Jahren. Zuvor hatten sich vor allem die DGB-Gewerkschaften mit den Parteien und besonders mit der SPD überworfen, weil sie die Reformen am Arbeitsmarkt ablehnten. In der Einigung auf Konjunkturprogramme fanden beide Seiten während der Krise wieder zueinander. Es folgte die Einführung des gesetzlichen Mindestlohns, der vor allem ein DGB-Projekt war. "Das Zusammenrücken hat sich vor allem für die Gewerkschaften gelohnt", schreiben die Autoren.

Aus der Perspektive der Wirtschaft mag das wenig erfreulich sein; langfristig ist sich das IW jedoch alles andere als sicher, dass das Hoch der Gewerkschaften anhält. Lesch und seine Kollegen diagnostizieren nämlich auch deren Mängel: Frauen arbeiten häufiger in wachsenden Branchen (Gesundheit, Erziehung, Soziales), treten aber immer noch seltener in Gewerkschaften ein als Männer. Jüngere treten seltener ein, als es die Älteren taten. "Ohne das Erschließen neuer Berufsgruppen" könnten die Gewerkschaften jedoch nicht repräsentativ sein, schreiben die Autoren. "Ohne einen solchen Nachweis werden sie aber von den Parteien auf Dauer immer weniger als Sprachrohr der gesamten Arbeitnehmerschaft wahrgenommen."