Steuern und Abgaben Steuern sind doch etwas Gutes

Wie die Steuern eingesetzt werden sollen, darüber sollte diskutiert werden. Wie hier bei der Plattform des "Landschaftsparks Belvedere", die im "Schwarzbuch zur öffentlichen Verschwendung" von Steuergeldern gelistet ist.

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Ständig ist die Rede von einer "drückenden Steuerlast". Doch die Bürger sollten sich weniger beschweren und sich stattdessen freuen, dass sie mit Steuern viel zur Gemeinschaft beitragen können.

Kommentar von Detlef Esslinger

In einer Debatte über Steuern ist es im Grunde so wie in jeder anderen Debatte auch: Sie wird nicht nur durch die dem Thema zugrunde liegenden Fakten gelenkt; vielleicht dies sogar nur zum geringeren Teil. Viel stärker wird sie gelenkt durch die Betrachtung dieser Fakten - und die wiederum durch die Begriffe, die sich jeweils durchgesetzt haben.

Beim Thema Steuern hat sich der Begriff von der Last durchgesetzt. So unterschiedlich zum Beispiel viele Ökonomen und die Arbeitsministerin Andrea Nahles sind: Wenn sie über Steuern reden, übernehmen sie alle diesen Begriff sowie Variationen davon. "Tax burden", also Steuerlast, war eines der meistgebrauchten Wörter in dem OECD-Vergleich zur Einkommensteuer (dessen Ergebnis am Dienstag war, dass nur in Belgien die Abzüge noch höher seien als in Deutschland). Eine "Entlastung bei den Steuern" forderten am Mittwoch die führenden Wirtschaftsforscher in ihrem Frühjahrsgutachten. Und wovon war die Rede am selben Tag im Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, den vor allem die SPD-Ministerin Nahles verantwortet? Von "steuerlichen Erleichterungen". Überhaupt, die Begriffe und Metaphern beim Thema Steuer: Steuerpflichtiger, Steuerzahler, Steuerfalle, Melkkuh. Gibt es bei dem Thema eigentlich auch positiv klingende Wörter? Ja; Paradies, Oase und Asyl.

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Zu den wichtigsten Erkenntnissen der Hirnforschung gehört, wie Menschen sich ihre Meinung bilden: unbewusst, durch das, was Begriffe mit ihnen machen. Im Sprachbild von der Last werden Steuern "zu etwas Erdrückendem, das uns daran hindert, uns frei zu bewegen", sagt die Linguistin Elisabeth Wehling von der Universität Berkeley, "geringe Steuern zu zahlen, wird folgerichtig als positiv bewertet". Die Metapher von der Last ist so alltäglich geworden, dass kaum noch jemand sie wahrnimmt. "Die Deutschen schultern eine überdurchschnittlich hohe Last", schrieb eine Nachrichtenagentur zur OECD-Studie; "Deutsche ächzen unter Steuerbelastung", hieß es bei einer anderen. Zum Schultern ist jeder ja noch bereit, zur Not. Aber wer ächzt schon gern?

Sprache liefert die Vorgabe für alle Diskussionen, und seit Jahrzehnten wird die Steuerdebatte wie ein Gottesgesetz von der Annahme dominiert, dass die Bürger gefälligst zu "entlasten" seien. Die Debatte verläuft in der Regel völlig losgelöst von den Erwartungen, die Staatsbürger ansonsten an ihren Staat stellen: dass er genügend Kitas schafft; dass er etwas gegen diese Pendlerstaus unternimmt; dass er Sozialwohnungen baut; dass seine Polizisten alles ihnen Mögliche tun, um Champions-League-Spiele zu retten.

Die Debatte, was mit dem Steuergeld getan wird, ist wichtig

Es gibt viele Staaten auf der Welt, die nicht gewährleisten können, was Deutsche ganz selbstverständlich von einem Staat erwarten. Also müssen die Bürger in solchen Staaten Beamte und Ärzte bestechen, manche Viertel nachts wie tags meiden und Reiche sich in Gated Communitys verschanzen. Nach wie vor gilt das Bonmot des schottischen Chemikers James Dewar aus dem 19. Jahrhundert: "Es gibt nur etwas, was mehr schmerzt, als Einkommensteuer zu zahlen - keine Einkommensteuer zu zahlen."

Wobei schon das Verb zahlen eigentlich irreführend ist. Steuern sind nichts, was die Bürger zahlen. Solches tun sie in ihrer Eigenschaft als Kunden im Supermarkt oder in der Autowerkstatt. Steuern sind etwas, mit dem Bürger beitragen zur Gemeinschaft aller. Jede Debatte ist lohnend, was das Gemeinwesen mit diesen Beiträgen machen soll oder welche Steuern welche Anreize setzen. Aber dass Steuern immer wieder grundsätzlich als Last interpretiert werden? Die Linguistin Wehling nennt dieses Phänomen so: "den gedanklichen Abbau unseres Gemeinschaftssinns".

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