Stahlkonzern zieht personelle Konsequenzen Milliarden-Debakel, Luxusreisen, Veruntreuung von Konzerngeldern

Das Milliarden-Debakel wird intern auch Stahlvorstand Eichler angelastet, der seit Wochen in der Kritik stand. Er ist seinen Job ebenso los wie Vorstandskollege Claassen, dem Luxusreisen zum Verhängnis werden. Die Staatsanwaltschaft Essen ermittelt wegen Veruntreuung von Konzerngeldern gegen Claassen, der auch für Compliance zuständig war. Ausgerechnet für jene Sparte also, die für saubere Geschäfte sorgen soll. Claassen ist einer der engsten Vertrauten von Aufsichtsratschef Cromme, dessen Position nun stark geschwächt ist. Cromme, der seit langem zu den Top-Leuten in Deutschlands Wirtschaft zählte, hatte als früherer Krupp-Mann Ende der 1990er-Jahre zusammen mit Thyssen den neuen Konzern geschmiedet und anfangs mit Schulz geleitet, bevor er an die Spitze des Aufsichtsrats wechselte und von dort aus den Stahlkonzern aus dem Ruhrgebiet prägte.

2007 übernahm Cromme auch den Aufsichtsratsvorsitz bei Siemens und räumte dort zusammen mit dem damaligen Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann und IG-Metall-Chef Berthold Huber nach dem Schmiergeldskandal kräftig auf. Genau das versäumte Cromme aber im eigenen Unternehmen im Ruhrgebiet, in dem sich die zweifelhaften Geschäfte häuften. 2007 flog ein Fahrstuhl- und Rolltreppenkartell auf, das Thyssen-Krupp später 320 Millionen Euro Schmiergeld kostete. 2011 enttarnten die Behörden ein Schienenkartell. Mehr als 100 Millionen Euro Bußgeld waren fällig. In den vergangenen Wochen wurden dubiose Geldflüsse bei einem Auftrag aus Kasachstan bekannt. Auch hier ermittelt die Staatsanwaltschaft Essen. Dieses Mal wegen Korruptionsverdachts.

"Wir brauchen eine andere Denke im Konzern"

Zuletzt wurde bekannt, dass ein 2003 wegen Bestechung verurteilter Konzern-Manager seine Karriere bis 2008 hatte fortsetzen können und dann in allen Ehren verabschiedet worden war. An einem Golfturnier beim Wechsel dieses Managers in den Ruhestand hatte sogar Cromme teilgenommen, der nach Angaben aus Konzernkreisen allerdings erst später von der Verurteilung im Jahre 2003 erfahren habe. Der Vertrag dieses Managers war trotz seines Korruptionsfalles drei Mal verlängert worden. Unternehmenskreisen zufolge geschah das mit Zustimmung des Konzernvorstands, dem damals schon Eichler und Berlien angehörten. Dass diese beiden zusammen mit Claassen ihre Koffer packen müssen, besprach Vorstandschef Hiesinger am Dienstag mit dem Personalausschuss des Aufsichtsrats. Das gesamte Kontrollgremium muss dem bei seiner nächsten Sitzung am kommenden Montag noch zustimmen, was als Formalie gilt.

Insbesondere in Arbeitnehmerkreisen hatte sich zuletzt immer mehr Unmut angestaut. "Wir brauchen eine andere Denke im Konzern", hatte bereits vor einem Monat Betriebsratschef Wilhelm Segerath öffentlich gefordert. Er gehört dem Aufsichtsrat seit 1999 an. Die IG Metall unterstützt das Großreinemachen bei Thyssen-Krupp. Der Konzern stehe vor großen Herausforderungen und brauche das Vertrauen seiner Beschäftigten und Kunden, erklärte IG-Metall-Vorstand Bertin Eichler. "Das geht nur mit einem echten Neuanfang." Ob das auch einen Wechsel an der Spitze des Aufsichtsrats nach sich ziehen wird, oder ob Cromme sich trotz seiner Versäumnisse halten kann, das ist die nächste Frage. Es stelle sich, so eine Mitteilung von Thyssen-Krupp, "die Frage nach der bisherigen Führungskultur im Konzern".