Stahlkonzern Obermann soll in Aufsichtsrat von Thyssen-Krupp einziehen

Der Stahlkonzern Thyssen-Krupp kämpft um seine Existenz. Nun verliert das Unternehmen auch noch eine gefragte Aufsichtsrätin: Beatrice Weder di Mauro legt ihr Mandat nieder. Nachfolger soll Telekom-Chef René Obermann werden.

Von Kirsten Bialdiga, Düsseldorf

Wenn Beatrice Weder di Mauro, 48, über ihre Arbeit spricht, fällt schnell das Wort Krise. Meist sind es zwar volkswirtschaftliche Krisen, die ihre Aufmerksamkeit beanspruchen. Doch als gefragte Aufsichtsrätin hat es die Ökonomie-Professorin manches Mal auch mit Konzernkrisen zu tun. Besonders gefordert war ihr Rat in den letzten Monaten bei Thyssen-Krupp. Der Ruhrkonzern verbrannte beim Bau von Stahlwerken in Amerika so viel Geld, dass er jetzt um die Existenz kämpfen muss.

Nun legt Weder di Mauro ihr Aufsichtsratsmandat bei Thyssen-Krupp nach Informationen der Süddeutschen Zeitung vorzeitig nieder. Sie sei in eine Expertenkommission von EU-Kommissionspräsident Manuel Barroso zur weiteren Entwicklung der Euro-Zone berufen worden. Für den Posten als Aufseherin bei Thyssen-Krupp reiche dann die Zeit nicht mehr, hieß es in informierten Kreisen. Eigentlich wäre Weder di Mauros Vertrag allerdings erst zur Hauptversammlung im Januar 2015 ausgelaufen. Neben Thyssen-Krupp kontrolliert die Wissenschaftlerin mit einem Lehrstuhl an der Universität Mainz noch die Schweizer Bank UBS, den Chemiekonzern Roche und seit neuestem den Technologiekonzern Bosch.

Als Nachfolger im Thyssen-Krupp-Aufsichtsrat steht der scheidende Telekom-Chef René Obermann bereit. Er könnte schon auf der nächsten Hauptversammlung Ende Januar 2014 gewählt werden. Dass die Wahl auf Obermann fällt, liegt nahe: Thyssen-Krupp-Aufsichtsratschef Ulrich Lehner ist zugleich auch oberster Aufseher der Telekom. Personalwechsel zwischen den Konzernen gab es schon des öfteren. Thyssen-Krupp wollte die Informationen am Mittwoch nicht kommentieren.

Vor knapp vier Jahren hatte der damalige Chefkontrolleur Gerhard Cromme Weder di Mauro in den Aufsichtsrat geholt. Damals war sie noch Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der wirtschaftlichen Entwicklung, den "Fünf Weisen" - die erste Frau in der Geschichte dieses Gremiums.

Geschickter Zug inmitten der Frauenquoten-Diskussion

Auch bei Thyssen-Krupp rückte sie als erste Frau auf der Kapitalseite in den Aufsichtsrat des Traditionskonzerns ein. Inmitten der deutschlandweiten Diskussion um eine Frauenquote für Aufsichtsräte galt das als geschickter Schachzug, um eine gesetzliche Regelung abzuwenden. Zuletzt hatte Cromme sie in den Nominierungsausschuss berufen, der Kandidaten für den Aufsichtsrat vorschlägt.

Doch seit 2010 hat sich bei Thyssen-Krupp vieles verändert. Aufsichtsratschef Cromme wurde abgesetzt, der frühere Henkel-Chef Ulrich Lehner rückte nach. Neben der Krupp-Stiftung gibt es seit Ende September mit dem schwedischen Hedgefonds Cevian einen weiteren Großaktionär, der seinen Einfluss zunehmend geltend macht. Der Finanzinvestor hält mittlerweile schon über sechs Prozent der Anteile und schließt nicht aus, seine Beteiligung weiter aufzustocken. Ziel der Schweden ist es in der Regel, auch über einen Posten im Aufsichtsrat Einfluss auf das Management auszuüben. Weitere Veränderungen im Aufsichtsrat sind daher schon in naher Zukunft wahrscheinlich.

Bei Thyssen-Krupp habe Weder di Mauro eine aktive Rolle gespielt, hieß es in informierten Kreisen. Zwar hatte das Desaster um die Stahlwerke längst seinen Lauf genommen, als die gebürtige Schweizerin zum Kreis der Kontrolleure stieß. Sie sei jedoch in einigen Sitzungen eine der wenigen gewesen, die kritisch nachgefragt hätten. Ein anderer Kontrolleur berichtet, mit ihr habe man sich bei Nachfragen gut die Bälle zuspielen können.

Aus Aktionärssicht lässt die Zusammensetzung des Thyssen-Krupp-Aufsichtsrats noch zu wünschen übrig. Kritisiert wird, dass die Mitglieder für einen Industriegüterkonzern zu wenig technische Expertise mitbringen. Auch die bilanzielle Prüfungsleistung sei alles andere als überzeugend. "Im Aufsichtsrat sind weitere Änderungen nötig", heißt es in Aktionärskreisen.