Spektakuläres Milliardenprojekt Windparks für Europas Strom

Neun Länder fördern mit dem ehrgeizigsten Energieprojekt seiner Art erneuerbare Energien. Tausende Kilometer Hightech-Kabel sollen den Windstrom aus der Nordsee in weite Teile des Kontinents liefern.

Von Markus Balser

Europa will den Ausbau erneuerbarer Energien mit einem Milliardenprojekt vorantreiben. Neun Länder, darunter die Bundesrepublik Deutschland, wollen ihre Ökostrom-Aktivitäten mit einem gemeinsamen Hochspannungsnetz unter der Nordsee bündeln. In einigen Jahren sollen Tausende Kilometer Hightech-Kabel Windstrom in weite Teile des Kontinents liefern. Experten sprechen von einer Zeitenwende auf dem europäischen Energiemarkt. Doch die Pläne sind erst am Anfang.

Das Vorhaben gilt als eines der größten und ehrgeizigsten Energieprojekte seiner Art: Den Informationen zufolge sollen Hochspannungs-Unterseekabel in der Nordsee Windparks auf hoher See vor der deutschen und britischen Küste mit Wasserkraftwerken in Norwegen, Gezeitenmeilern an der belgischen und dänischen Küste sowie Wind- und Solaranlagen auf dem europäischen Festland verbinden. Damit würde erstmals in Europa ein internationales Energienetz über viele Grenzen hinweg entstehen. Dies gilt als Grundlage für den weiteren schnellen Ausbau der regenerativen Energien im Kampf gegen den Klimawandel.

Zu den Gründern der Initiative zählen den Angaben zufolge Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Belgien, Dänemark, die Niederlande, Irland, Luxemburg und Norwegen. Bereits im Dezember hätten Vertreter dieser Länder in Irland eine eingehende Zusammenarbeit beschlossen. Das erste Treffen der nationalen Koordinatoren ist nach Informationen der Süddeutschen Zeitung für den 9. Februar vorgesehen. Noch in diesem Monat sollen die Vorbereitungen in Arbeitsgruppen beginnen.

Bis zum Herbst wollen die beteiligten Ministerien eine Absichtserklärung unterzeichnen und einen Zeitplan für die Realisierung des Projekts erarbeiten. Die beteiligten Länder hofften, innerhalb von zehn Jahren ein solches Hochspannungsnetz realisieren zu können, hieß es aus Regierungkreisen.

Viel Geld - viel Hoffnung

Das Vorhaben ist teuer. Experten beziffern die möglichen Kosten auf bis zu 30 Milliarden Euro. Doch die Hoffnungen sind gewaltig. Denn eine Vernetzung der europäischen Ökostromprojekte könnte auch das bislang größte Problem bei ihrem Ausbau lösen: Ihre Unbeständigkeit.

Ein gemeinsames Netz könnte Wetter-Schwankungen der verschiedenen Energieträger und Regionen ausgleichen und eine verlässliche Versorgung weiter Teile Europas sicherstellen. Zudem könnten Wasserkraftwerke in Norwegen erstmals im großen Stil als Speicher des vor allem in Großbritannien und bald auch in Deutschland produzierten Windstroms dienen. Nur so ließe sich der Anteil der Erneuerbaren an Europas Energieversorgung rasch ausbauen, hieß es weiter.

In Deutschland hat Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) die Federführung. Ein Sprecher des Ministeriums bestätigte am Montag erste Treffen auf Arbeitsebene noch im Januar. Es gehe zunächst darum, die wesentlichen Akteure der beteiligten Länder an einen Tisch zu bekommen. "Bisher hat jeder sein eigenes Süppchen gekocht. Das wollen wir ändern", sagte er weiter. Es gehe um die technische und politische Vereinheitlichung nationaler Energiestrategien.

Auch führende europäische Energieversorger und Netzbetreiber sollen den Angaben zufolgen an den Verhandlungen teilnehmen. Die nötigen Investitionen müsse zum Großteil auch die Wirtschaft tragen, hieß es. Ein Sprecher von Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) erklärte, das Ministerium befürworte die Pläne. Allerdings dürfe die Bundesregierung mit dem Großprojekt Naheliegendes nicht aus den Augen verlieren. Es sei nötig, die entstehenden Windparks in Deutschland sehr schnell an das Stromnetz anzuschließen.

Denn die Zeit drängt. Die Europäische Union hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2020 ein Fünftel ihres Stroms aus regenerativen Quellen zu beziehen. Überall in der Nordsee entstehen derzeit riesige Windfarmen. Der erste deutsche Offshore-Windpark Alpha Ventus hat im August mit der Einspeisung von Strom ins deutsche Netz begonnen. Er soll 50.000 Haushalte mit Strom versorgen. Vor Europas Küsten setzen Konzerne derzeit Windräder mit einer Gesamtkapazität von 100 Gigawatt auf riesigen Stahlfüßen ins Meer. Das entspricht zehn Prozent des gesamten europäischen Energiebedarfs und der Leistung von 100 großen Kohlekraftwerken.

Zuviel Energie für Europas Stromnetz

Umwelt- und Branchenverbände fordern schon seit Monaten den Ausbau der europäischen Energie-Infrastruktur. "Das bestehende Stromnetz kann gar nicht mehr aufnehmen, was die neuen Windparks einspeisen", warnt Sven Teske, Experte für Erneuerbare Energien der Umweltschutzorganisation Greenpeace.

Ein Ausbau des bestehenden Netzes sei dringend nötig. Der Europäische Windenergie-Verband (EWEA) hatte im vergangenen Jahr bereits eine Studie in Auftrag gegeben, wo in der Nordsee dringend neue Stromverbindungen gebraucht werden. Auf Basis dieses Entwurfs sollten nun die ersten Gespräche geführt werden, hieß es. Auch eine Arbeitsgruppe der Europäischen Kommission unter Führung des deutschen EU-Koordinators für Erneuerbare Energien, Georg Wilhelm Adamowitsch, arbeitet derzeit an ähnlichen Plänen. Auch die Ergebnisse dieser Arbeitsgruppe sollte Ende 2010 vorgestellt werden, hieß es aus Regierungskreisen am Montag weiter.

200-mal mehr Strom als weltweit verbraucht wird

Auf dem Ausbau der Windenergie ruhen in Deutschland große Hoffnungen. Bis 2030 will die Bundesregierung den Anteil des Windstroms an der Stromversorgung auf 25 Prozent vervierfachen, um ihre ehrgeizigen Klimaziele zu erreichen. Bundesumweltminister Röttgen hatte im vergangenen Jahr angekündigt, die neue Regierung werde das internationale Ziel akzeptieren, den Ausstoß von Treibhausgasen bis zum Jahr 2020 um 40 Prozent zu verringern.

Noch bleiben große Teile der regenerativen Energien ungenutzt. Allein Sonne, Wind, Erdwärme und Wasserkraft könnten 200-mal mehr Strom liefern, als weltweit verbraucht wird, schrieb vor kurzem das US-Fachblatt The Electricity Journal. Bisher werden jedoch gerade mal 0,09 Prozent genutzt.