Sparprogramme Ökonomen streiten über Wege aus der Euro-Krise

Seit der Finanzkrise tobt in den Wirtschaftswissenschaften ein Richtungsstreit. "Unbedingt sparen!", fordern die einen. "Der Staat muss Geld ausgeben!", meinen die anderen. Kommt ein Kompromiss, wird das keinem der ökonomischen Lager gefallen.

Von Marc Beise

In Amerika können sie die Welt nicht fassen: Wie kann man nur so dumm sein wie die Deutschen? Wie kann man auf Prinzipien reiten, statt endlich und beherzt den Euro und damit die Welt zu retten? Man kann sogar sagen: die Welt und Barack Obama zu retten. Denn wenn die Euro-Krise auf die USA übergreift und die Konjunktur dort weiter beschädigt, muss der erste schwarze Präsident im November um seine Wiederwahl fürchten. Die Deutschen müssten, heißt es deshalb aus dem Weißen Haus, jetzt dringend ihr Geld einsetzen, um die Unruhe aus den Finanzmärkten zu drängen, die aufbegehrende Jugend in den südlichen Euro-Staaten zu beruhigen und die Ungleichgewichte zwischen den hoch verschuldeten Ländern und dem kraftstrotzenden Deutschland einzuebnen. Aber diese dummen Deutschen, angeführt von einer überaus sturen Frau namens Angela Merkel, weigern sich.

Das ist die oberste Schicht des aktuellen Zerwürfnisses zwischen den USA und Deutschland. In der Schicht darunter tobt ein wissenschaftlicher Glaubenskampf. Zwei Richtungen stehen sich, grob gesprochen, gegenüber. Die in Deutschland immer noch herrschende Meinung fordert von den Schuldnerstaaten nach deutschem Vorbild erst einmal ihre Strukturen in Ordnung zu bringen: Kosten senken, Bürokratie abbauen, Arbeitsmärkte liberalisieren. Im Gegenzug gibt es Hilfsgelder. So lehnt der Vorsitzende des Sachverständigenrats, der Mannheimer Wirtschaftsprofessor Wolfgang Franz, schuldenfinanzierte Konjunkturprogramme strikt ab.

Die Gegenposition vertreten vor allem US-Ökonomen. So hat Nobelpreisträger Paul Krugman für die deutsche "Zombie-Politik" nur Hohn und Spott übrig. "Es ist die Natur des Zombies, dass er immer weiter vor sich hin stolpert, egal wie oft du ihn umgebracht hast", sagt Krugman. Seit mindestens zwei Jahren sei klar, dass sparen und kürzen nicht funktioniere, trotzdem werde es weiter als Erfolgsmodell gepredigt. "Das strikte Spardiktat ist gescheitert", sagt auch Franz' Sachverständigenratskollege, der Würzburger Wirtschaftsprofessor Peter Bofinger: "Volkswirtschaften stürzen in tiefe Rezessionen, breite Bevölkerungsschichten verarmen, und die Demokratie gerät in Gefahr."

Der letzte Richtungsstreit ist 40 Jahre her

Damit erlebt die Wissenschaft wieder einen Zweikampf der Ideen um die richtige Wirtschaftspolitik. Das gab es zuletzt vor 40 Jahren, als sich in den Siebzigern Angebots- und Nachfragepolitiker gegenüberstanden. Beide Lager hatten dasselbe Ziel: mehr Wachstum. Die einen wollten dafür vor allem die Arbeitsbedingungen von Unternehmen verbessern (Angebotsseite). Niedrigere Steuern, weniger Bürokratie, flexiblere Arbeitsmärkte würden die Arbeitskosten senken und mehr Jobs und Wohlstand schaffen. Den anderen ging es vor allem um die Kaufkraft der Verbraucher (Nachfrageseite). Höhere Löhne würden zu mehr Konsum und dies zu mehr Produktion und Jobs und Wohlstand führen. Das Ergebnis des Ringens dieser beiden Lager, die jeweils in viele Unterlager zerfielen, war ambivalent: In der öffentlichen Diskussion setzten sich eher die Angebotspolitiker durch, die praktische Politik aber war häufig eher nachfrageorientiert.

Tiefer im wissenschaftlichen Diskurs gab und gibt es einen anderen Gegensatz: den zwischen Keynesianern und Monetaristen. Die zentrale Frage lautet: Funktioniert die Wirtschaft besser, wenn der Staat möglichst wenig eingreift, wie das vor allem die Forscher der Chicago School um den Nobelpreisträger Milton Friedman verkündet haben? Oder muss der Staat beherzt eingreifen, wie dies namentlich der britische Ökonom John Maynard Keynes bereits in den Dreißigern des vergangenen Jahrhunderts für bestimmte Phasen einer Volkswirtschaft entwickelt hatte? Auch hier war das Ergebnis in der Praxis ambivalent - bis auf einen, aber sehr entscheidenden Bereich.