Smart Home Die Angst vorm schlauen Trockner

Ich sehe was, was Du nicht siehst: Ein Mann führt auf der Technikmesse CES die Virtual-Reality-Brille Gear VR von Samsung vor.

(Foto: Jae C. Hong/AP)

Seit Jahren wirbt die Elektronik-Branche fürs Smart Home, doch viele Menschen wollen diesen Trend nicht mitmachen. Und sie haben gute Gründe dafür.

Von Kathrin Werner, Las Vegas

Glenn Reid will Waschmaschinen verkaufen. Genauer gesagt: Wasch- und Trocken-Kombimaschinen. "Klingt erstmal langweilig", sagt er. "Aber wer daran arbeitet, merkt, wie interessant das sein kann." Sein Gerät hat einen berührungsempfindlichen Bildschirm, der aussieht wie ein iPad, aber nirgendwo Knöpfe. Es ist schwarz und silberfarben und sieht aus, als sei es von Apple designt. Was auch daran liegt, dass Reid dort fünf Jahre lang Manager war. Die Maschine verbindet sich mit dem Internet, mit einer App kann man sie anschalten und nachschauen, wie lange sie zum Waschen und Trocknen noch braucht. "Wir bringen das Silicon Valley in die Waschmaschine", sagt der 54-Jährige. Sein Start-up Marathon Laundry, das er eigens für den Frontlader gegründet hat, sei der Tesla unter den Haushaltsgeräten. "Wir wollen der schlaueste Gegenstand im Haus sein."

Mit diesem Wunsch ist Reid nicht allein. Auf der CES in Las Vegas, der größten Messe für Unterhaltungselektronik der Welt, gibt es Hunderte Geräte für das "Smart Home", die sich mit dem Internet verbinden und die per Handy zu steuern sind. "Internet der Dinge" wird das auch genannt. Seit Jahren schon ist das total vernetzte Haus ein Trendthema, Start-ups, Haushaltsgerätehersteller und Internetkonzerne stellen ein Produkt nach dem anderen vor und erzählen, wie sie das Leben der Menschen verbessern wollen.

Allein, die Menschen sträuben sich. Noch immer glauben die wenigsten, dass sie wirklich eine Waschmaschine mit Wlan brauchen oder eine Heizung, die sie über das Netz per App hochdrehen können, bevor sie nach Hause kommen. Gerade einmal neun Prozent der Menschen planen, in diesem Jahr ein Hightech-Thermostat zu kaufen - das am meisten verbreitete schlaue Gerät. Das sind genauso viele wie im Vorjahr, hat die Unternehmensberatung Accenture in einer Umfrage unter 28 000 Menschen aus 28 Ländern ermittelt. Die Consumer Technology Association, der Verband, der die CES organisiert und tendenziell eher optimistisch eingestellt ist, kommt auf ein stärkeres Wachstum: 21 Prozent mehr Smart-Home-Verkäufe, ein Umsatz von insgesamt 1,2 Milliarden Dollar. Nachdem die Firmen jahrelang schlaue Haustechnik lediglich versprochen haben, kann man sie inzwischen tatsächlich kaufen.

Reid ist durchaus klar, dass viele Kunden nicht gerade auf das Smart Home gewartet haben. "Ich bin beim Internet der Dinge ein bisschen skeptisch, wie die meisten von uns", sagt er. Die Verbraucher hätten wenig davon, wenn sie per App die Temperatur im Kühlschrank nachgucken können und das Handy jedes Mal sagt: vier Grad. Bei seiner Maschine sei die Internetverbindung aber nicht nur Selbstzweck, sagt er. Wer im Studentenwohnheim lebt, will wissen, wann die Maschine im Waschkeller frei ist. Seine App kann auch Alarm schlagen, wenn man vergessen hat, die sauberen Klamotten aus dem Trockner zu holen. "Das hier ist das Internet der nützlichen Dinge", sagt Reid.

Auch die anderen Unternehmen hoffen noch, dass die Menschheit erkennt, wie wichtig Smart Homes sind. Die Zahl der Aussteller auf der CES mit neuen Produkten aus dem Bereich wächst jedes Jahr, man kann sich verlaufen in den weiten Hallen voller Geräte für das vernetzte Haus. Es gibt eine Fußbodenheizung mit Wlan-Verbindung, eine schlaue Mausefalle, die den Hausbesitzer über jeden Fang benachrichtigt und Lampen, die sich per Smartphone an- und ausstellen lassen. An Kinder richtet sich eine vernetzte Zahnbürste mit einem passenden Zahnputz-Handyspiel. Im Angebot sind Dutzende Kameras, über die man mit dem Handy aus der Ferne schauen kann, ob zu Hause alles in Sicherheit ist, und schlaue Haustürschlösser, über die man Leute per Handy hineinlassen kann, die ihren Schlüssel vergessen haben.

Es gibt Roboter, die den Rasen mähen oder sprenkeln. Samsung stellt einen Luxus-Kühlschrank mit Touch-Screen vor, über den man Lebensmittel bei Online-Supermärkten nachbestellen oder sich den Wetterbericht zeigen lassen kann. Ein schlauer Feuer- und Kohlenmonoxid-Melder stellt per Wlan gleich den Ofen aus, schließlich ist der oft schuld am Alarm.

Und eine Erfinderin wie Joanna Foong Boey steht mitten zwischen all den großen Unternehmen und stellt ihre selbst erfundene Wasserhahn-Kontrollstation vor. Mit einem Fingertipp auf das Display kann man das Wasser an und ausstellen, nach ein paar Sekunden stellt es den Hahn automatisch ab. "Es ist der schlaueste Wasserhahn der Welt", sagt sie. "Und er spart Wasser und damit Geld."

Dutzende Unternehmen haben Schaltzentralen fürs ganze Haus im Angebot

Dutzende Unternehmen haben Schaltzentralen für das ganze Haus im Angebot. Sie sind mal schwarz, mal weiß, mal eckig, mal rund, können aber im Wesentlichen das Gleiche: Lichtschalter, Alarmanlage und Heizung verknüpfen und aus der Ferne kontrollieren. Die Konkurrenzangebote zum schlauen Thermostat und Smart-Home-Kontrollgerät Nest sind zahlreich, Google hatte das Start-up Nest vor zwei Jahren für 3,2 Milliarden Dollar gekauft. Wenn sich unter all den Smart-Home-Anbietern jemand durchsetzt, dann Google, glauben die meisten Branchenkenner.

Am meisten fürchten die Kunden beim allzu schlauen Heim Probleme mit Datenschutz sowie Manipulationen ihrer Geräte durch Hacker. 47 Prozent der Befragten in der Accenture-Umfrage schreckt das ab. "Durch das Internet der Dinge werden immer mehr Geräte miteinander vernetzt und Daten gespeichert. In gleichem Maße nimmt die Sorge um die Datensicherheit bei den Verbrauchern zu.", sagt Jürgen Morath, der deutsche Tech-Experte bei der Beratungsfirma. "Die Vernetzung erfordert möglichst offene Schnittstellen, sodass unterschiedliche Geräte miteinander kommunizieren und Daten austauschen können." Je offener aber die Systeme sind, desto mehr Möglichkeiten haben Hacker, Schlupflöcher zu finden, durch die sie eindringen können.

Reids Trick, um skeptische Kunden zu überzeugen: einfach eine gute Waschmaschine bauen. Man müsse sie nicht per App steuern oder mit dem Wlan verbinden, man könne damit auch ganz ohne Smartphone einfach nur Wäsche waschen und trocknen, sagt er - und sie dann vielleicht später einmal ans Internet anschließen. "Wenigstens wird man dabei dann nicht von 27 verschiedenen Knöpfen belästigt." Das Rad oder vielmehr die Waschtrommel hat Reid nicht neu erfunden. Den Großteil der Technik kauft er von einem chinesischen Haushaltsgerätehersteller ein, Marathon Laundry baut nur die Steuerung. Die Maschine soll 1199 Dollar kosten, wenn sie in den nächsten Monaten in den USA auf den Markt kommt, genauso viel wie jede dumme Waschmaschine.