Skandal um Nudelproduzent Abschied von der Famiglia alla Barilla

Nudel-Unternehmer Guido Barilla erklärt, warum er keine Schwulen in seiner Werbung haben will. Jetzt streitet ganz Italien über das Familienbild des Konzerns.

Von Thomas Fromm

Am Anfang war die Nudel, das ist 135 Jahre her. Irgendwann kamen bei Barilla dann die Soßen mit dazu, die Pesto alla Genovese, die Arrabbiata und die Gorgonzola. Das Wichtigste aber, was Barilla in den vergangenen Jahren produzierte, waren die Werbespots. Wichtiger noch als alle Penne Rigate, Spaghetti und Spaghettini. Denn: Nudeln gibt es heute überall. Diese Barilla-Welt aber, die gibt es nur hier.

Es sind Werbespots, die Namen haben, die an die Speisekarte einer alten Osteria erinnern. Farfalle al Pomodoro zum Beispiel. Die Zutaten sind, was sonst, sehr italienisch. Die Mamma. Die Kinder. Die Nudeln. Die Tomatensoße. Und dazu der italienischste aller italienischen Schlager: "Nel blu dipinto di blu". "Volare" mit jener wunderbaren Zeile: "Ich glaube, dass solch ein Traum nie zurückkehren wird." Große Sehnsucht, leichte Melancholie, und vor allem, immer wieder: la famiglia.

Guido Barilla, der Chef des Nudel-Imperiums aus Parma, ist nicht nur Familienmensch, sondern in erster Linie auch Geschäftsmann. Er hatte offenbar immer ein ganz gutes Gespür für das, was seine Kunden hören und sehen wollen. Bis jetzt.

In einem Interview mit dem italienischen Sender Radio24 sagte der Familienunternehmer, man werde "keine Werbung mit Homosexuellen schalten", weil man "die traditionelle Familie" unterstütze. Denn: "Für uns ist das Konzept der heiligen Familie ein fundamentaler Wert in der Firma." Auch die Gleichstellung von gleichgeschlechtlichen Paaren beim Adoptionsrecht lehne er ab, sagte der Pasta-König. Was, wenn auch Schwule und Lesben gerne Barilla-Nudeln essen? Nun ja, wem das nicht passe, solle eben andere Pasta essen. Es gibt ja genug Hersteller. Basta.

Später dann entschuldigte sich der 55-jährige für seine Äußerungen, doch da war es schon zu spät. Die Pastaproduzenten aus Parma sind zum Ziel eines Shitstorm geworden, als würden sie nicht Penne und Pesto, sondern Panzer und Giftgas in die Welt exportieren. Im Internet dann, sehr schnell: Bilder, die zeigen, wie Kunden ihre letzten Barilla-Kartons in den Müll knallen. Offene Aufrufe zum Boykott. Guido Barilla, der Familienmensch mit dem Gespür für Italiensehnsucht und heile Welten, hatte sich diesmal sehr verschätzt. Die Welt da draußen, sie ist vielleicht doch nicht so ganz die Barilla-Welt.

Irgendwie ist es symptomatisch, dass Guido Barilla die Sache gerade jetzt passiert. In einer Zeit, in der sich Italien ohnehin von vielen alten Gewissheiten verabschieden muss, nicht nur von der heiligen Barilla-Familie. Italien steht in diesen Monaten vor dem größten Ausverkauf seiner Geschichte: dem Ausverkauf seiner eigenen Industrie. Große Konzerne, kleine Unternehmen, und oft große Namen. Zuletzt ging es um zwei frühere Staatsunternehmen mit Zigtausenden von Mitarbeitern in Italien, die bald nicht mehr italienisch sein dürften. Die spanische Telefónica wird womöglich Mehrheitseigner des Telefonanbieters Telecom Italia, Air France und KLM wollen ihre Anteile an der maladen Fluglinie Alitalia aufstocken und sich hier zum größten Aktionär aufschwingen. Beide sind immerhin Konzerne, die für das Land strategisch wichtig sind.

Strategisch vielleicht weniger wichtig, dafür aber umso symbolischer: Der Fußballverrein Inter Mailand soll an einen indonesischen Investor gehen, der Kaschmirspezialist Loro Piana ist von der französischen Luxusgruppe LVMH des Milliardärs Bernard Arnault übernommen worden, wo bereits der Edeljuwelier Bulgari und der Modemacher Fendi untergekommen sind. Die Luxusmarke Gucci gehört zur ebenfalls französischen Kering-Gruppe (früher PPR), die Mode-Kollegen von Valentino gingen an den arabischen Golfstaat Katar. Der Milch-Multi Parmalat gehört heute zur französischen Großmolkerei Lactalis, beim größten Reisproduzenten des Landes, Riso Scotti, haben sich die Spanier eingekauft, der südkoreanische Konzern Doosan soll angeblich nach der Finmeccanica-Krafwerkssparte Ansaldo Energia greifen. Die Barilla-Rivalen vom Nudel-Unternehmen Buitoni gehören längst zu Nestlé.

Gerade Barilla, das war immer ein sehr italienisches Unternehmen. Nicht nur wegen der vielen Pastasorten, sondern weil Barilla seit Jahren an einem Bild von Italien arbeitet, wie es nicht nur die Italiener gerne hätten. Das aber nicht Italien zeigt, wie es wirklich ist. Im Barilla-Italien gibt es keine Scheidungen, keine Patchwork-Familien. Ein Italien ohne Berlusconi, Basilikum statt Bunga Bunga. Es gibt keine Rezession, keine Staatsverschuldung und keine Firmenpleiten. Mafia? Um Gottes Willen. Ein Italien, von dem einige sagen, dass es das mal gegeben habe, damals in den 50er Jahren. Von dem andere meinen, dass es so nie existiert habe. Ein Italien-Ideal. Solo una fantasia - reine Fantasie also?

Italien, ein Land verkauft sich gerade selbst: an Spanier, Franzosen, Schweizer, Koreaner. Für viele Italiener ist es eine Erniedrigung; dass es oft auch eine Folge jahrelanger strategischer Fehler und schlechten Managements ist, ist noch nicht allen klar. Denn dass die alten Juwelen der italienischen Wirtschaft gerade zum Teil zu Sommerschlussverkaufspreisen verramscht werden, hat tiefere Gründe. Eine seit Jahren sinkende Industrieproduktion, eine schwache Produktivität und eine mickrige Wettbewerbsfähigkeit.

Italien hat also im Grunde andere Probleme als Barillas Familienbild. Deswegen kann man den ganzen Streit natürlich auch so sehen wie viele Italiener, die die Debatte höchst kurios finden. Menschen, die sagen: Unsere Wirtschaft kommt nicht auf die Beine, überall schließen Familienunternehmen, weil sie den Konkurrenzdruck nicht mehr aushalten, große Konzerne gehen an die Konkurrenz - und wir diskutieren hier über Familie, Guidos Moral und Schwule in der Nudelwerbung.

Am Freitag mischte sich dann auch der italienische Literaturnobelpreisträger Dario Fo in die Debatte ein und appellierte an Barilla, man möge doch bitte mit verschiedensten Familienmodellen für Pasta werben. Das gibt Hoffnung, denn immer dann, wenn sich der Altmeister der Farce meldet, wird es erst richtig interessant.