Siemens Kaesers Traum

Siemens-Chef Joe Kaeser möchte mehr Mitarbeiter zu Aktionären machen. Er hofft, dass bis 2020 mehr als 200000 der 340000 Siemensianer Miteigentümer werden.

Von Christoph Giesen, Berlin

Es ist das Thema des Joe Kaeser: Wann immer der Siemens-Chef auf einer Bühne steht und eine Rede hält, fällt meistens auch dieser eine Begriff: Ownership Culture. Das ist neudeutsch, und gemeint ist die Mitarbeiterbeteiligung. Aus Angestellten sollten Aktionäre werden, das ist Kaesers Wunsch.

Bislang sind von 340 000 Siemens-Beschäftigten etwa 144 000 Aktionäre des Konzerns. Aktuelle und frühere Mitarbeiter halten derzeit etwa fünf Prozent der Siemens-Aktien. Kein schlechter Wert, andere Unternehmen hinken da deutlich hinterher. Zahlen aus dem Jahr 2013 zeigen: Nur zwei Prozent der Unternehmen hierzulande haben überhaupt Programme für eine Kapitalbeteiligung, zehn Prozent der Arbeitgeber in Deutschland bieten Erfolgsbeteiligungen. Lediglich 800 000 Beschäftigte besitzen Belegschaftsaktien. Trotzdem will Kaeser mehr.

Beim Tag der Teilhabe, einer Konferenz zum Thema Mitarbeiterbeteiligung in Berlin, sagte der Siemens-Chef am Freitag, er erhoffe sich, dass bis 2020 mehr als 200 000 Mitarbeiter auch Miteigentümer des Konzerns seien. "Für uns ist das ein extrem wichtiges Thema", erklärte Kaeser. Denn letztlich seien die Mitarbeiter am nachhaltigsten am Erfolg des Unternehmens interessiert. Die beherrschende Aktionärsgruppe bei börsenorientierten Unternehmen seien professionelle Fondsmanager. Diese müssten aber das ihnen anvertraute Kapital optimieren und seien deshalb nicht zwingend am langfristigen Erfolg eines Unternehmens interessiert, sagte Kaeser.

Um den Anteil der angestellten Eigentümer zu erhöhen, hat Siemens vor wenigen Wochen einen Teilhabefonds aufgelegt. Erzielt der Konzern ein besser als erwartetes Ergebnis, soll ein, wie es heißt, "fairer Betrag" zu einem Drittel in die Forschung gesteckt, ein Drittel an die Aktionäre verteilt und ein letztes Drittel an die Mitarbeiter in Form von Aktien ausgegeben werden. Was als fair zu betrachten ist, darüber entscheidet Jahr für Jahr der Siemens-Vorstand. Sobald die eingezahlten Beträge für die Mitarbeiter bei 400 Millionen Euro liegen, sollen sie ausgeschüttet werden. 200 Millionen Euro sind aus dem Geschäftsjahr 2015 in diesen Topf gewandert. Kaeser rechnet damit, dass der Konzern in einem "überschaubaren Zeitraum" die erste Ausschüttung an seine Mitarbeiter vornehmen könne.

Um die Attraktivität von Aktien zu steigern, hat Kaeser auch eine deutliche Forderung an die Politik: Der Steuerfreibetrag müsse erhöht werden. Bisher liegt er in Deutschland bei 360 Euro pro Jahr und Mitarbeiter. "Das sind gerade mal 30 Euro im Monat", monierte Kaeser. Selbst der Gegenwert, den Beamte als Geschenke annehmen dürften, liege höher. "Das sind nämlich 40 Euro." Als Größenordnung stellt sich Kaeser einen Freibetrag auf dem Niveau von Italien (2065 Euro) oder Großbritannien (3500 Euro) vor. Um die dadurch entstehenden Steuerausfälle auszugleichen, sollten spekulative Geschäfte mit Aktien und anderen Wertpapieren deutlich höher als bisher besteuert werden, forderte er. Als Leitlinie schlug er vor, "geringe Haltefristen höher zu besteuern als lange Haltefristen". Wer die Aktien hält und nicht sofort verkauft, soll weniger Steuern zahlen müssen. Immerhin: Wirtschaftsstaatssekretär Matthias Machnig gestand bei der Tagung ein: "Die steuerlichen Anreize sind minimal." Ansprechpartner sei aber Finanzminister Wolfgang Schäuble.