Shell Eine Wette über 46 Milliarden Euro

Shell-Tankstelle in England: Der Konzern kauft einen Rivalen.

(Foto: Chris Ratcliffe/Bloomberg)

Die Aktionäre stimmen zu: Shell darf den Rivalen BG kaufen. Das Geschäft lohnt sich aber nur, wenn der Ölpreis kräftig steigt.

Von Björn Finke, London

Ben van Beurden hat sich mehr Unterstützung erhofft: Ein Ergebnis über 90 Prozent "würde er lieben", sagte der Shell-Chef vor der Hauptversammlung von Europas größtem Öl- und Gaskonzern. Bei dem Treffen in Den Haag stimmten aber nur 83 Prozent der Aktionäre für seinen Plan, den britischen Rivalen BG zu übernehmen. Einen Tag später, am Donnerstag, billigten nun auch die Anteilseigner von BG auf ihrer Hauptversammlung in London die teuerste Fusion in der Branche seit der Jahrtausendwende. Stalinistische 99,5 Prozent stimmten dafür. Damit schließen sich die Firmen zum 15. Februar zusammen.

Fachleute erwarten, dass der niedrige Ölpreis zu weiteren Übernahmen führt: Die Krisensparte sortiert sich neu.

Als der Niederländer van Beurden das Geschäft im April verkündete, hatte es einen Wert von 64 Milliarden Euro. Inzwischen sind es nur noch 46 Milliarden Euro, weil Shell teilweise mit Aktien bezahlt und deren Kurs kräftig gesunken ist: Ergebnis des Absturzes beim Ölpreis. Die Notierung des Rohstoffs war zwar damals schon seit Monaten gefallen, lag jedoch doppelt so hoch wie heute. Deshalb kritisierten manche Shell-Aktionäre, dass van Beurden zu viel für BG zahle. Die Mehrheit der Anteilseigner hatte der 57-Jährige trotzdem bei diesem Projekt hinter sich - wenn auch eine kleinere als erhofft.

Shell-Chef van Beurden will bis Ende des Jahres jede zehnte Stelle streichen

Die eigentliche Arbeit beginnt für ihn erst jetzt. Van Beurden hat ein dreitägiges Treffen des Top-Managements beider Unternehmen angesetzt, auf dem die Folgen des Zusammenschlusses besprochen werden. Der Chemie-Ingenieur will bis Ende des Jahres 10 000 Stellen streichen. Shell beschäftigt 92 000 Menschen, BG gut 5000 - damit fällt etwa jeder zehnte Job weg. Prominentester Abgang wird Helge Lund sein, bisher an der Spitze von BG. Insgesamt sollen durch die Fusion jährlich 3,5 Milliarden Dollar eingespart werden.

Außerdem möchte van Beurden, seit 2014 Vorstandschef, Unternehmensteile von Shell und BG im Wert von 30 Milliarden Dollar losschlagen: Raffinerien und kleinere, wenig lukrative Quellen. Der Manager sieht die Übernahme als "Sprungbrett", um Shell umzubauen, wie er sagt. So fördert BG viel Öl auf hoher See vor Brasilien. Das passt zu van Beurdens Ehrgeiz, dass Shell mehr Öl und Gas aus der Tiefsee hochholt. Dies ist allerdings technisch aufwendig und durchaus riskant, wie die Ölpest im Golf von Mexiko im Jahr 2010 zeigte. Der Konzern soll sich nach van Beurdens Plänen auf größere, günstige Projekte konzentrieren, kleinere Quellen dagegen haben keine Zukunft.

BG ist zudem stark beim Geschäft mit Flüssiggas. Die Firma ging einst aus dem Unternehmen British Gas hervor. Hierbei wird Gas nach der Förderung in flüssige Form gebracht und kann dann mit Spezialschiffen transportiert werden - lange Pipelines sind nicht mehr nötig. Damit könnte Flüssiggas, das etwa mit Tankschiffen aus Afrika kommt, die Abhängigkeit Europas von Gas aus russischen Röhren mindern. Shell ist heute schon größter Anbieter von Flüssiggas, baut aber mit dem Kauf von BG den Abstand zum US-Rivalen Exxon-Mobil komfortabel aus.

Aktionäre, die den Kaufpreis für zu hoch halten, bittet van Beurden um Geduld: Das Geschäft rentiere sich, wenn der Ölpreis in den kommenden Jahrzehnten bei mehr als 65 Dollar liege, sagt er immer und immer wieder. Die Übernahme zu dem ausgemachten Preis ist also eine Wette darauf, dass sich die seit Sommer 2014 gefallene Notierung in Zukunft verdoppelt - "ein ganz und gar angemessenes und vernünftiges Risiko", findet der Manager.

Im Moment kostet ein Fass Öl - das sind 159 Liter - etwas über 30 Dollar. Die Branche erwartet aber, dass sich der Preis erholt: Die spannende Frage ist nur, wann. Ursache des Absturzes ist, dass sich Chinas Wirtschaft abkühlt, was die Nachfrage dämpft. Der Boom bei Schiefergas und -öl in Nordamerika erhöht jedoch das Angebot. Das Förderkartell Opec kappt trotzdem nicht die Produktion, sondern lässt den Ölpreis abrutschen - in der Hoffnung, dies werde einige der neuen Rivalen aus den USA ruinieren. Dass Iran nach dem Ende der Sanktionen wieder Öl verkauft, drückt ebenfalls auf die Notierung.

Van Beurden rechnet damit, dass die Nachfrage steigen wird. Zugleich haben die Ölkonzerne reihenweise Förderprojekte verschoben oder abgesagt, seit der Preis sinkt - auch Shell. Die Unternehmen sparen, und das geht am einfachsten bei den Investitionen. Die Berater von Wood Mackenzie zählen insgesamt 68 Vorhaben im Wert von 380 Milliarden Dollar, die der niedrigen Notierung zum Opfer fielen. Ihre Produktionskapazität entspricht der von ganz Kuwait. Und diese enorme Menge an Öl und Gas kommt wegen der Sparwut der Manager nicht oder verspätet auf den Markt. Das dürfte den Preis stützen.

In der nächsten Woche legen viele Öl- und Gaskonzerne ihre - wahrscheinlich mauen - Jahreszahlen vor. Da werden die Vorstände sicher zusätzliche Kürzungen bei den Investitionen verkünden. Beobachter schätzen zudem, dass es weitere Übernahmen geben wird. Die niedrigen Preise könnten Firmen mit knappem Finanzpolster in die Arme stärkerer Konkurrenten treiben. Die weltweite Nummer eins der Branche, Exxon-Mobil, hat bereits Interesse an Zukäufen geäußert.

Der texanische Konzern entstand selbst durch einen Zusammenschluss - im Jahr 1999, bei der letzten großen Übernahmewelle der Sparte. Auslöser waren auch damals gesunkene Ölpreise. Zwei Jahre später fusionierte Chevron mit Texaco, und der britische Rivale BP übernahm während dieser Jahre Amoco und Arco. Van Beurdens 46-Milliarden-Wette könnte also nur der Anfang sein.