Schuldenkrise in Griechenland Polizist zu vermieten

Für 30 Euro die Stunde ist er neuerdings zu haben, der griechische Polizist. Für 50 Euro gibt es noch einen Hund dazu. In Griechenland sollen sich Privatleute ihre Sicherheit künftig erkaufen können - und das ausgerechnet in einem Land, dessen Bevölkerung das Vertrauen in seine Polizei verloren zu haben scheint.

Von Kai Strittmatter, Istanbul

Was wurde den Griechen nicht schon angetragen an Ratschlägen zur Sanierung ihrer Kassen. Verkauft eure Sonne, riet der deutsche Wirtschaftsminister, verscherbelt eure Inseln, forderte die Hinterbank der CSU. Der Vorschlag, die Akropolis zu vermieten, stammt aus den eigenen Reihen: Das Kulturministerium will so Geld in die klammen Kassen spülen. Ganz neu und kaum weniger umstritten ist der Vorstoß des Bürgerschutzministeriums, der sich nun auf vielen Internetportalen unter der Überschrift wiederfindet: "Der Staat hängt das 'Zu vermieten'-Schild vor die Polizeiwachen".

Tatsächlich gab es am Sonntag die offizielle Bestätigung der Polizei für einen Bericht des Boulevardblattes Proto Thema: Man kann sich jetzt einen griechischen Polizisten mieten. Für 30 Euro die Stunde. Mit Polizeihund wären es 50 Euro. Der Streifenwagen macht 40 Euro extra, wer's billiger mag, setzt den Beamten aufs Motorrad (20 Euro), wer nicht aufs Geld schauen muss, für den kann es auch ein Patrouillenboot (200 Euro) oder ein Hubschrauber (1500 Euro die Stunde) sein. Die Preisliste lässt sich nachschlagen im offiziellen Regierungsanzeiger, dort wird Interessenten auch "die Verwendung polizeilicher Einrichtungen" angeboten.

Polizisten zum Mietpreis für Firmen, Privatmenschen oder Filmleute

In der Erklärung der Polizei heißt es, eine Gesetzesänderung erlaube es Firmen und Privatleuten, ihre Beamten für eine Reihe von Dienstleistungen mieten. Die Polizisten könnten zum Beispiel "Gefahrengut, wertvolle private Güter, Kunstwerke und Geldtransporte begleiten" oder aber für die "Sicherheit oder Ausbildung privater Interessenten" sorgen. Auch Fernseh- und Filmproduzenten könnten sich aus dem Angebot bedienen.

Das Bürgerschutzministerium beeilte sich, seinen Kritikern zu antworten, die sich sofort gemeldet hatten. Natürlich werde man Personal und Ausrüstung nur vermieten, solange es die Einsatzfähigkeit der Polizei nicht beeinträchtige. Zudem habe man die Dienste bereits früher geleistet, bloß ohne dafür Geld zu nehmen. Die Einnahmen würden "verwendet, um für Erhalt und Modernisierung vonInfrastruktur und Ausrüstung zu bezahlen". Vor allem die politische Linke stellte diese Erklärung nicht zufrieden. Kostas Isichos vom Linksbündnis Syriza wetterte, es sei eine "schwere Verletzung der Verfassung", wenn nun "Arbeitskraft und Ausrüstung der Polizei an die Wirtschaftselite vermietet wird".

"Wir fühlen uns von der Polizei nicht mehr beschützt"

Die Nachricht kommt zu einem Zeitpunkt, da die Griechen wachsende Kriminalität und eine Verschlechterung der öffentlichen Sicherheit beklagen. "Wir fühlen uns von der Polizei nicht beschützt", sagt eine Athener Lehrerin. "Wo sie uns dienen könnten, sind sie abwesend. Und wenn wir auf die Straße gehen, verprügeln sie uns." Vergangene Woche erst demonstrierten Journalisten gegen Polizeigewalt, nachdem ein Fotograf durch den Schlagstock eines Polizisten schwer verletzt worden war. Gleichzeitig sind die Polizisten schlecht ausgebildet und miserabel bezahlt, viele klagen, die Politik verheize sie. "Wir sind die Sündenböcke", sagte Christos Fotopoulos von der Polizeigewerkschaft der SZ. "Es mangelt an allem: an Gehalt, an Ausrüstung, an Ausbildung und an Personal." Die Polizisten sind überfordert, die Gesellschaft beklagt ein "Klima der Gesetzeslosigkeit", so die Zeitung Kathimerini.

Hilft es da, wenn die Polizei sich nebenbei etwas dazuverdient? Oder ist es im Gegenteil eine weitere Schlappe für die öffentliche Sicherheit, wenn sich Firmen und reiche Privatleute die Sicherheit kaufen können, die dann anderswo fehlt? Jede Debatte über die Polizei wird getragen von Misstrauen, auch diesmal. Die Gesellschaft habe seit der Militärdiktatur kein normales Verhältnis zu ihrer Polizei aufgebaut, meint Kostas Kalfopoulos, Essayist bei Kathimerini: "Es ist die typisch griechische Schizophrenie: Die Polizei wird angegriffen, wenn sie etwas tut. Und ebenso, wenn sie nichts tut."