Sanierungsmaßnahmen treffen Mitarbeiter Lufthansa befiehlt den Sinkflug

Der Chef der Lufthansa-Tochter Austrian Airlines hat Piloten und Flugbegleitern den Tarifvertrag gekündigt. Die Beschäftigten sollen nicht mehr direkt bei dem Unternehmen, sondern künftig bei der regionalen Gesellschaft Tyrolean arbeiten - und damit auf Privilegien verzichten.

Von Jens Flottau, Frankfurt

Dass Piloten und Flugbegleiter zuweilen hart für ihre eigenen Interessen kämpfen, weiß die Lufthansa aus eigener Erfahrung. Zu gut in Erinnerung ist schließlich noch der Streik der Piloten vor rund zwei Jahren. Ähnliche Erfahrungen macht jetzt die wirtschaftlich angeschlagene Konzerntochter Austrian Airlines - und greift zu radikalen Maßnahmen, um das Unternehmen doch noch sanieren zu können.

Der Aufsichtsrat der österreichischen Fluggesellschaft beschloss, geleitet von Lufthansa-Personalvorstand Stefan Lauer, am Donnerstagnachmittag, das gesamte fliegende Personal künftig bei der Regionaltochter Tyrolean anzustellen. Damit fallen die bei Austrian vorgesehenen automatischen Gehaltssteigerungen und Pensionsverpflichtungen weg, neu einsteigende Piloten verdienen künftig etwa 25 Prozent weniger, die Gehälter der aktuellen Mitarbeiter werden eingefroren. "Wir haben heute eine Entscheidung getroffen, die Austrian Airlines von strukturellen Altlasten befreit", so Austrian-Chef Jaan Albrecht.

Seit seinem Antritt als neuer Vorstandschef Ende 2011 versuchte Albrecht, ein 260 Millionen Euro großes Sparprogramm durchzusetzen. Denn Austrian hatte ihr ursprüngliches Ziel, spätestens 2011 nach vielen Jahren mit hohen Verlusten wieder ein ausgeglichenes Ergebnis zu erreichen, weit verfehlt. Die 2009 von der Lufthansa übernommene Airline machte im vergangenen Jahr immer noch einen Verlust von 62 Millionen Euro. Während die übrigen Mitarbeiter und auch viele Lieferanten zu Zugeständnissen bereit waren, kamen Albrecht und das fliegende Personal nicht zusammen.

Doch die Zeiten, zu denen in der Frankfurter Konzernzentrale Verlustbringer geduldet wurden, sind vorbei. Vorstandschef Christoph Franz hat die britische Tochter BMI verkauft, das verunglückte Engagement bei Lufthansa Italia rückgängig gemacht und auch der Lufthansa selbst ein großes Sparprogramm verordnet, das den Gewinn um 1,5 Milliarden Euro steigern soll. Neben der Billigfluggesellschaft Germanwings bleibt Austrian die derzeit am schlechtesten laufende Beteiligung.

Albrecht kündigte zur Verblüffung der Piloten den Tarifvertrag

Zwar haben die früheren Vorstände Peter Malanik und Andreas Bierwirth schon einmal ein großes Sparprojekt aufgelegt und 2000 Stellen bei Austrian abgebaut. Doch an strukturelle Fragen haben sie sich nicht herangewagt. So sahen die bisherigen Austrian-Tarifverträge automatische Gehaltssteigerungen vor, durch die die Personalkosten jährlich um sieben Prozent stiegen. Austrian müsste in diesem Jahr ohne Einschnitte genauso viel für die Mitarbeiter ausgeben wie vor dem ersten Sparprogramm.

Albrecht machte nun aber mit tatkräftiger Unterstützung aus Frankfurt ernst und kündigte zur Verblüffung der Piloten den Tarifvertrag. Dann drohte er, den Flugbetrieb auf Tyrolean zu übertragen, wenn nicht noch in letzter Minute eine Einigung gelänge. Die Piloten lehnten einen Entwurf, der dem Tarifvertrag beim Schwesterunternehmen Swiss ähnelte, ab. Um den Betriebsübergang zu Tyrolean zu erschweren, kündigte die Mitarbeitervertretung ihrerseits den für die Regionaltochter gültigen Vertrag.

Der nun beschlossene Schritt, den die Gewerkschaften für nicht rechtens halten, birgt Risiken. Die Piloten haben unter bestimmten Voraussetzungen ein Sonderkündigungsrecht und Anspruch auf Abfindungen von bis zu einer halben Million Euro. Wenn viele von ihnen kündigen, entstehen hohe Zusatzkosten, außerdem müssten schnell zusätzliche Piloten geschult werden, die die Abgänger ersetzen könnten. Die Lufthansa hat zumindest finanziell schon vorgesorgt: Sie will das Kapital bei Austrian noch ein letztes Mal um 140 Millionen Euro aufstocken, um die Sanierung zu finanzieren.