Altruismus oder Egoismus? Ein warmes Glühen, das die Menschen beim Spenden verspüren

In diesen Wochen spenden die Deutschen Unmengen an Kleidern und hohe Summen für die mehr als eine Million Flüchtlinge, die dieses Jahr nach Deutschland gekommen sind - Obdachlosenhilfen oder Seniorenvereine dagegen klagen, dass sie plötzlich kaum mehr Zuwendungen erhalten. Die Probleme der Menschen auf der Platte oder in den Heimen werden verdrängt, obwohl sie nicht weniger bedürftig sind als andere. Aber die Flüchtlinge sind in allen Medien und damit im Bewusstsein der Spender.

Geldgeber, die nicht nach den realen Bedürfnissen entscheiden, sondern im Zweifelsfall das bevorzugen, was ihnen am meisten Wohlbefinden verschafft: Dafür hat der Wissenschaftler James Andreoni Ende der 80er-Jahre den Begriff des "warm glow effect" geprägt - ein warmes Glühen, das die Menschen beim Spenden verspüren. Am einen Tag lösen Gaben für Flüchtlinge dieses Gefühl aus, weil sie in der Turnhalle im Stadtviertel eingezogen sind. Am anderen Tag ist es das Geld für die Tafel, weil man erfahren hat, dass sich manche Rentner keine warmen Mahlzeiten mehr leisten können.

Peter Daniell Porsche, Urenkel des Unternehmensgründers Ferdinand Porsche und bekannter Salzburger Mäzen, sagte einmal in einem Interview: "Ich spende, wenn Sie so wollen, auch aus Egoismus - weil ich mich so am wohlsten fühle."

Illustration: Lisa Bucher

(Foto: )

Ein Foto bringt mehr Spenden ein, wenn daneben keine Statistik steht

Konsequenterweise setzt die Werbung vieler Hilfsorganisationen auf Emotion. Vereine drucken seit Jahrzehnten abgemagerte Kinder mit flehendem Blick und bettelnden Händen auf ihre Plakate - fragt man Passanten, antworten die meisten, dass sie dieser Bilder überdrüssig sind. Studien aber haben ergeben, dass die Menschen dann am meisten Geld geben, wenn das Foto ihnen sagt: "Du kannst genau diesem Mädchen ein besseres Leben verschaffen." Man hat geholfen - ohne nähere Umstände zu kennen, ohne zu wissen, ob genau dieses Mädchen überhaupt Hilfe braucht.

Der Psychologieprofessor Paul Slovic von der University of Oregon fand in einem Versuch heraus, dass Menschen im Schnitt doppelt so viel spenden, wenn sie nur ein Foto eines hungernden Mädchens sehen. Bekommen sie dazu erklärende Statistiken vorgelegt, die zum Beispiel zeigen, wie viele Kinder insgesamt in Afrika an Hunger leiden, sinkt die Spendenbereitschaft. Emotion siegt über Information. Und Egoismus über Altruismus.

Öffentliche Spendenbereitschaft soll Großzügigkeit beweisen

Wer spenden möchte, für den ist es heute zwar so einfach wie nie zuvor, sein Geld in die ganze Welt zu transferieren - selbst der Zeiteinsatz hat sich auf ein Minimum reduziert. Mithilfe von Dutzenden Apps wie etwa "Share the Meal" der Vereinten Nationen ist innerhalb von Minuten eine Mahlzeit für ein hungerndes Kind finanziert. Ebenso schnell aber ist das edle Verhalten an den gesamten Bekanntenkreis herangetragen, in sozialen Netzwerken geteilt.

Während die Profilfotos die eigene Attraktivität demonstrieren sollen, die geschriebenen Beiträge den Intellekt, soll die öffentlich zur Schau gestellte Spendenbereitschaft einen anderen Vorzug beweisen: die Großzügigkeit. Womöglich währt diese nur so lange, wie andere etwas davon mitbekommen. Der Ökonom John List von der University of Chicago etwa hat vor einigen Jahren in einem Versuch gezeigt, dass Menschen eher spenden, wenn sie beobachtet werden. Können sie sich jedoch unbemerkt aus der Verantwortung stehlen, dann machen sie das auch.