Roboter Spaß mit Pepper

Der Einzelhandel hat einen neuen Mitarbeiter entdeckt: Roboter könnten künftig im Laden kleine Aufgaben übernehmen und Kunden unterstützen.

Von Stefan Mayr und Michael Kläsgen, Stuttgart/München

Er kann sogar Schnick, Schnack, Schnuck spielen. "Hast Du Lust auf ein kleines Spiel?", fragt der 1,20 Meter kleine, weiß-graue Knirps mit den Kulleraugen und der Roboterstimme. Pepper, so heißt das Gerät des japanischen Technologie-Konzerns Softbank, erklärt die Regeln des Spiels Stein-Schere-Papier. Dann geht's los. "Juhuu, diese Runde ging an mich", sagt Pepper. Gelächter in der Menschentraube, die sich rings um die sprechende Maschine gebildet hat.

Eine Woche lang steht der Roboter Pepper mit seinen blinkenden Augen und seinen erstaunlich menschlich wirkenden Arm- und Handbewegungen in der Stuttgarter Shopping-Mall Das Gerber. Zwischen den Bekleidungs-Shops H & M und Calzedonia spricht er die Passanten an. "Für Pepper ist das ein erster Feldversuch", sagt Patrick Meyer vom Lehrstuhl für Wirtschaft-Informatik an der Universität Nürnberg-Erlangen. Pepper ist aber längst nicht der einzige Roboter, der sich gerade in deutschen Einkaufsstraßen herumtreibt.

Je mehr man mit ihnen redet, desto mehr verstehen sie auf Dauer

Paul heißt das vom Fraunhofer-Institut entwickelte Exemplar von Mediasaturn. Im Unterschied zu Pepper kann Paul nicht nur sprechen und Produkte erklären, sondern auch durch den Laden führen. In dem Punkt wiederum gleicht er dem Bosch-Roboter Spencer, der in einem Test am Amsterdamer Flughafen schon Passagiere von einem Gate zum anderen begleitet hat - und dabei schon selbständig an Menschen vorbei kurvte. Von Paul werden bald Gefährten unterwegs sein, einer in Ingolstadt, einer in Zürich, einer in Hamburg und einer in Berlin, sagt Martin Wild, der Digitalchef von Mediasaturn. Besonders an Paul ist auch, dass er dazu lernen kann. Es ist so, wie bei allen anderen Geräten, die Sprache verarbeiten. Je mehr man mit ihnen redet, desto mehr verstehen sie auf Dauer. Man braucht nur viel Geduld und eine gute Software.

Pepper ist einer der Roboter, die gerade in deutschen Einkaufszentren unterwegs sind.

(Foto: Benoit Tessier/Reuters)

Die Sätze, die Pepper sagt, müssen ihm dagegen noch vorher programmiert werden. Er kann nicht spontan eigene Antworten formulieren. Ein Mann läuft vorbei, und streichelt Pepper über den Kopf. "Ah", sagt Pepper, "ich fühle mich wie eine Katze." Das ist nett, aber nur beim ersten Mal. Beim zweiten Mal ist es schon ein alter Hut.

Patrick Meyer steht neben Pepper und beobachtet zusammen mit einem Programmierer die Gespräche zwischen Mensch und Maschine. Danach werden die Passanten befragt. Meyers Zwischenbilanz nach zwei Tagen: Zwei Drittel der Befragten können sich generell vorstellen, einen Roboter zu nutzen. "Das ist eine überwältigende Zahl", sagt Meyer. Aber er gesteht auch ein: "Wir stellen Limitationen fest."

Das größte Problem: Pepper versteht die Menschen oft nicht. Sie reden zu leise - beziehungsweise die Geräusche des Einkaufszentrums sind zu laut. "Ok, tschüss", sagt Pepper dann zu einem Mann, obwohl dieser eigentlich mit ihm spielen wollte.

Dennoch ist man sich in der Handelsszene einig: Sprache ist das nächste große Ding. In China ist es das schon heute. Man sieht dort viele Menschen in ihre Smartphones sprechen. "Ich suche ein rotes Hemd", muss man bald auch in Europa nicht mehr mühsam eintippen, sondern einfach nur: sagen. An der Spracherkennung wird weltweit Forschung betrieben. Es ist ein globales Wettrennen entbrannt, Roboter halten viele hingegen eher für eine Spielerei. Die bisher entwickelten Exemplare wirken einfach etwas plump.

Der freundschaftlichen Umarmung zum Trotz - an der Kommunikation mit Pepper scheitert es noch oft.

(Foto: Ole Spata/dpa)

Das Schnick-Schnack-Schnuck-Spiel in Stuttgart etwa funktioniert nicht wie zwischen zwei Menschen; Pepper erkennt das Handzeichen seines Gegenübers nicht. Er muss nachfragen: "Was hast Du gezeigt?" So mancher jugendlicher Spieler nutzt das zum Schummeln: Er nennt Pepper kurzerhand "Schere", weil Pepper "Papier" gezeigt hatte. Dass sein Gegner eigentlich "Stein" gezeigt hatte, checkt die Maschine nicht. Da fehlt ihr die Intelligenz.

"Künstliche Intelligenz benötigt den Input des Menschen", sagt Michael Feindt, Wissenschaftler und Gründer von Blue Yonder, einer weltweit führenden High-Tech-Schmiede aus Karlsruhe. Sie wird den Menschen also noch lange nicht ablösen. Die Frage ist allerdings, wo man sie am klügsten im Handel einsetzt: Eher zur Optimierung von Lieferketten, bei der Preisfindung und bei allem, was den Verbrauchern das Einkaufen angenehmer macht. Roboter zählen nur bedingt dazu.

Wegen ihnen kommen Kunden vielleicht mit ihren Kindern in den Laden. Aber schon da ist Paul von Gesetzes wegen eingeschränkt. Fährt er aus Versehen ein Kind an, gibt es Ärger. Ohnehin ist er genauso wie sein Kollege Pepper von einem vollwertigen Verkaufsberater noch weit entfernt.

"Er könnte eine Assistenz-Rolle übernehmen", sagt Patrick Meyer, "damit der Verkäufer mehr Zeit für die Beratung des Kunden hat". Pepper könne etwa Waren aus dem Lager holen. Oder die Frage beantworten, ob dieses oder jenes Produkt noch in einer anderen Größe vorrätig ist. Und wenn das Teil vergriffen ist, könnte er sogleich eine Online-Bestellung anbieten. Mit der Gesichtserkennung könnte er irgendwann das Alter und das Geschlecht der Kunden erkennen und entsprechende Vorschläge für Läden und Events machen. Kurzum: Er ist ein Produkt der Digitalisierung, könnte aber den stationären Handel stärken.

Der Fantasie sind da keine Grenzen gesetzt. Paul hat längst eine virtuelle Schwester namens Paula, die Kunden mit einer Virtual-Reality-Brille auf der Nase testweise bereits durch die Läden führt. Der Laden selbst könnte bald virtuell sein, man bräuchte nur noch eine VR-Brille und einen Handschuh, um die Geräte auch "anfassen" zu können. Das ist Zukunftsmusik.

Manche Roboter wie Nao, der kleine Bruder von Pepper, sind längst im Einsatz, bei jd.com in China beispielsweise. Nao transportiert die Einkäufe der Kunden nach Hause. Ein Münchner Hotel testet ihn als Concierge. Auf Messen fährt er herum - als Blickfang. Das Verhältnis zwischen Mensch und Roboter aber wird zwiespältig bleiben. Manche Menschen, die Pepper erblicken, lächeln. Andere runzeln die Stirn und schütteln den Kopf. Pepper in Stuttgart wirbt für seine Spezies - und für seine Auftraggeber. Er macht den Passanten das Angebot, Selfie-Fotos zu knipsen "Super, das hat Spaß gemacht", sagt Pepper und schlägt vor, das Bild auf Facebook zu posten. Zum Abschied winkt er mit seiner rechten Hand. Manche Menschen winken zurück, andere nicht.