Report Revoluzzer retten

Start-ups luchsen Banken mit Handy-Programmen oder im Internet Kunden ab. Nun wollen die Institute von ihnen lernen.

Von Malte Conradi, Björn Finke, Meike Schreiber und Jan Willmroth, Berlin/Frankfurt/London

Die Kulisse für den Aufbruch in die Zukunft steht seit 109 Jahren. Touristen aus Frankreich, Japan und Deutschland sitzen hier im Café. Oder sie fotografieren die schicken Fassaden in den Hackeschen Höfen von Berlin-Mitte. Durch einen Hauseingang in den Höfen werden bald täglich Mitarbeiter der Deutschen Bank und junge Unternehmer spazieren, doch gerade gehen dort nur Jugendliche in Abitur-T-Shirts vorbei. Aufgang 1, dritter Stock, grüne Türen, golden verziert: Dahinter richtet Deutschlands größte Bank derzeit Räume ein, die so gar nicht wie die Büros eines Geldinstituts anmuten werden.

In den angesagten Höfen voll schicker Boutiquen mietet die Bank mehr als 500 Quadratmeter, eine ganze Etage. "Innovation Lab" nennt der Konzern das, was er hinter den Jugendstil-Fassaden eröffnen will. Ähnliches baut das Unternehmen in London und im Silicon Valley auf. Diese Innovationslabore sollen "eine Brücke bilden zwischen Start-ups und den verschiedenen Geschäftsbereichen der Bank", sagt Henry Ritchotte, Digitalvorstand des Konzerns. Im Vorstand des Dax-Unternehmens gelten die Labore als eines der wichtigsten Projekte. Die mächtige Bank will lernen von den Ideen der kleinen Herausforderer, die die Finanzbranche kräftig aufmischen. Der Konzern will mit ihnen zusammenarbeiten, vielleicht auch manche übernehmen.

Aber noch ist die Brücke in Berlin eine Baustelle, wie so einiges bei der angeschlagenen Bank. Journalisten dürfen die Räume vorab nicht betreten; wenn die Frankfurter ihr Labor im Spätsommer einweihen, soll alles perfekt aussehen. Die Ankündigung, dass diese Zentren aufgebaut werden, zögerte der Konzern extra hinaus, damit die frohe Botschaft nicht untergeht zwischen all den schlechten Nachrichten der vergangenen Wochen.

Etwa die Sparpläne, die Schließung von Filialen. Die Strafen für Betrügereien. Peinliche Gerichtsverfahren. Eine Razzia. Der Abgang der Vorstandschefs Anshu Jain und Jürgen Fitschen. All das steht für die unerfreuliche Vergangenheit. Die "Innovation Labs" sollen für eine bessere Zukunft stehen.

Doch kommt dieser Brückenbau zu den Fintechs reichlich spät, viele Rivalen sind weiter. Fintechs: So wird die weltweite Armada an Start-up-Firmen genannt, die mit Internet- und Software-Lösungen die altehrwürdige Bankenbranche durcheinanderwirbeln. Manche bieten Dienste einer klassischen Bank an, etwa Geldanlage oder Auslandsüberweisungen - nur ohne Bank, dafür mit schicken Apps fürs Smartphone. Andere wollen den Geldhäusern nicht Kunden abnehmen, sondern sie als Kunden gewinnen für die eigene Software. Die Zahl dieser Finanztechnologie-Unternehmen wächst rasant; die Berater von McKinsey zählen weltweit mehr als 12 000 davon.

Die Vorstände der großen Banken in den Industriestaaten haben erkannt, dass sie diese Fintech-Revolution nicht ignorieren können. So wie Amazon den Buchhandel umkrempelte und iTunes sowie Spotify die Musikbranche, können auch die Fintech-Firmen die Spielregeln der Finanzbranche umschreiben. Daher eröffneten die traditionellen Banken in den vergangenen ein, zwei Jahren zahlreiche Innovationszentren wie jenes der Deutschen Bank in Berlin, oder sie legten Fonds auf, die in die Start-ups investieren. Die Deutsche Bank hinkt hier Konkurrenten wie Goldman Sachs, Barclays oder dem spanischen Institut BBVA deutlich hinterher.

Gleiches gilt für Deutschland insgesamt. Europas größte Volkswirtschaft ist bei dieser Revolution in der Finanzbranche Nachzügler. Im vergangenen Jahr steckten Investoren zwölf Milliarden Dollar in Fintech-Firmen, dreimal mehr als 2013, ermittelten die Berater von Accenture. Das meiste Geld landet bei amerikanischen Start-ups; in Europa fließen mit Abstand die höchsten Summen nach Großbritannien und Irland, wovon vor allem London profitiert. Deutschland ist weit abgeschlagen in dieser Rangliste der Zukunfts-Investitionen.

Doch nun geht es auch hierzulande voran. "Die Fintechs sprießen in Deutschland wie Pilze aus dem Boden", sagt Andreas Hackethal, Finanzprofessor an der Universität Frankfurt. Dank vieler cleverer Gründer und dank des spät erwachten Interesses der Bankenbranche. So investiert seit einem Jahr die Commerzbank in Start-ups - über einen Fonds und über einen Inkubator, eine Art Brutkasten für junge Firmen, in denen Tüftler ihre Ideen zur Marktreife entwickeln können. Bislang fördert der Frankfurter Brutkasten zwar erst zwei Unternehmen, aber er richtet monatlich Treffen für die Szene aus. Zögerlicher sind die Sparkassen. Die riefen zwar ebenfalls ein Innovationslabor ins Leben, allerdings geht es da erst im kommenden Jahr richtig los.

Banken in Frankfurt und anderen Finanzzentren hinken der Entwicklung hinterher. Doch die Aufholjagd beginnt.

(Foto: Arne Dedert/dpa)

Die Start-up-Szene begrüßt die Avancen der Finanzkonzerne. André Bajorat ist Chef von Figo, einer Hamburger Firma, die Apps für Bankgeschäfte programmiert. "Die Banken gehen wirklich auf die Ideen der Fintechs ein und suchen bewusst Kooperationen", sagt er. "Wenn sie es gut machen, kann daraus etwas werden."

Aber zu viel Nähe zu den etablierten Konzernen soll es denn auch nicht sein. Schließlich inszenieren sich die jungen Firmen gern als aggressive Herausforderer, die eine verkrustete Branche aufmischen. So stieg bei einer Finanztagung in Frankfurt vor einigen Wochen ein Anfangdreißiger auf die Bühne, um sein Start-up vorzustellen. Was er den versammelten Bankmanagern, Vorstands- und Aufsichtsratsmitgliedern in verbindlichem Ton zu sagen hatte, war dreist: Weil ihr in euren Bankentürmen den Wandel verschlaft, so ungefähr ging seine Rede, werden wir Fintechs euch überrollen - so wie Amazon den Buchhandel überrollt hat. Manch einer im Publikum war empört, mancher nachdenklich und mancher beides.

Die Angriffslust zeigt sich auch in den Werbeslogans: Wir gegen die, Jung gegen Alt, T-Shirt gegen Schlips und Kragen, aufgeweckt gegen bräsig - das ist häufig die Botschaft. "Mach' Schluss mit deiner alten Bank" und "Hilf uns, gegen die alten Banken zu gewinnen", rief etwa das Start-up Number 26 seinen potenziellen Kunden zu, bevor es sein Girokonto fürs Smartphone vor einem halben Jahr startete. "Trust your friends, not banks", riet das Münchner Unternehmen Lendstar vor einiger Zeit, also "Vertraue deinen Freunden, nicht den Banken". Lendstar bietet eine Handy-App an, mit der sich Bekannte untereinander Geld leihen können. Die krawallige Reklame kommt an bei der jungen Zielgruppe, gerade in Zeiten von Bankenkrisen, umstrittenen Millionenboni und Betrugsaffären.

Und sie schafft schnell viel Aufmerksamkeit. Vor einiger Zeit aber haben Number 26 und Lendstar ihre Slogans ausgetauscht. "Europas modernstes Girokonto" heißt es jetzt und "Euer soziales Finanznetzwerk". Das könnte auch aus der Hochglanzbroschüre jeder Traditionsbank stammen. Viele Start-ups mäßigen ihren Ton mit der Zeit, denn viele arbeiten früher oder später mit einem der geschmähten Geldhäuser zusammen. Das hat nämlich Hunderttausende, wenn nicht Millionen Kunden, denen die junge Firma bei einer Partnerschaft ihr hippes Produkt andienen kann. Außerdem ist es hilfreich, einen Partner mit Banklizenz zu haben - die erhält man in Deutschland nicht im Vorübergehen.

Jochen Adler arbeitete früher sieben Jahre bei der Deutschen Bank, erst in der IT, dann im Innovationsmanagement. Heute ist er für die Beratungsgesellschaft Netmedia tätig. Er sagt, Kooperationen mit Start-ups, wie sie die Deutsche Bank in ihrem Innovationslabor anstrebt, gelängen nur, wenn es eine Partnerschaft auf Augenhöhe sei: "Ziel der Bank darf es nicht sein, einfach schnell Ideen abzugreifen." Führungskräfte des Konzerns dürften die Gründer nicht wie Lieferanten behandeln. Vielmehr müssten diese Partnerschaften etwas von der Firmenkultur der Start-ups in die Banken bringen, deren Experimentierfreude, Offenheit, Bereitschaft zur Vernetzung. Bei der Deutschen Bank ist diese Botschaft offenbar angekommen; die Innovationslabore verfolgten ausdrücklich das Ziel, dass sich die Gründer dort unter ihresgleichen fühlen - und nicht wie Bittsteller im Vorzimmer eines Bankvorstands, heißt es.

Ein Manager, der viel Erfahrung mit den Beharrungskräften in Großbanken hat, ist Dietrich Voigtländer. Der 56-Jährige war der letzte Vorstandsvorsitzende der abgewickelten Landesbank WestLB. Inzwischen ist er Partner bei der Beratungsfirma Berlin Digital Group. Und großer Anhänger von Kooperations-Projekten mit Gründern. Die Zusammenarbeit helfe dabei, "den gigantischen kulturellen Graben zwischen etablierten Banken und Start-ups zu überbrücken", sagt er. "Bei Banken dauern Projekte oft Jahre, wenn sie überhaupt erfolgreich sind, und es gibt vielleicht zwei bis drei neue IT-Versionen pro Jahr." Start-ups brächten dagegen fast täglich Neues zustande.

Der Bedarf an frischen Ideen und ausgefeilter Software ist enorm bei den Finanzkonzernen. Die Computersysteme vieler Banken sind veraltet, Kredit- oder Kontoanträge können häufig noch nicht automatisch bearbeitet werden. Außerdem erwarten Kunden heute von ihrem Institut, dass dieses einfach zu bedienende und am besten stylische Smartphone-Programme für Bankgeschäfte anbietet. Die Unternehmen stehen hier im Wettbewerb untereinander - und gegen Fintech-Herausforderer. Bankmanager treibt ebenso die Frage um, wie ihre Institute den ungeheuren Datenschatz heben können, über den sie verfügen. Natürlich ohne den misstrauischen Kunden zu verschrecken. So könnten Banken in Zukunft aus Konto-Daten herauslesen, wofür Kunden wie viel Geld ausgeben und ihnen maßgeschneiderte Shopping-Angebote unterbreiten.

All das sind hübsche Geschäftsfelder für clevere Gründer. Es gibt also genug zu tun für die wachsende Start-up-Szene in Deutschland. Und es gibt einiges aufzuholen. Als Vorbild kann London dienen. Die Metropole an der Themse, Europas Bankenplatz Nummer eins, hat sich auch zum Finanztechnologie-Zentrum des Kontinents entwickelt. 44 000 Menschen arbeiten dort in der Branche, mehr als im Silicon Valley.

Und einige Start-ups sind inzwischen so erfolgreich, dass Investoren sie mit Abermillionen oder gar Milliarden bewerten. Eine dieser Erfolgsgeschichten hat Transferwise geschrieben. Zwei Esten gründeten die Firma vor vier Jahren. Sie bietet über ihre Webseite günstige Überweisungen ins Ausland an und nimmt den etablierten Banken so lukrativen Umsatz ab. Kein teures Filialnetz, keine teure Hauptverwaltung, modernste Software - so gelingt es dem 300-Mann-Betrieb, die Geldhäuser zu unterbieten. Als Investoren Transferwise kürzlich frisches Kapital zur Verfügung stellten, setzten sie den Wert des Unternehmens mit fast einer Milliarde Dollar an.

Grafik: Bucher; Quelle: Accenture

Kristo Käärmann, eine Hälfte des estnischen Duos und heute Vorstandschef, empfängt in der Zentrale, einer offenen Etage mit roter Backstein-Wand in Londons Innenstadt. Viele junge Menschen - überwiegend Männer - sitzen an langen weißen Tischen vor ihren Computern, durch den Raum hallt das Tock-tock von der bei Start-ups offenbar unvermeidlichen Tischtennisplatte. Der Este war früher als Unternehmensberater selbst oft bei Banken im Einsatz. "Wenn ich vor deren riesigen Glastürmen stand, habe ich mich immer gefragt, was die ganzen Leute darin eigentlich machen", sagt er. "Wie viele von denen sind wirklich nötig, um Kunden Alltags-Bankgeschäfte zu ermöglichen?" Eine Frage, die auch viele Bankvorstände umtreibt. Und Gewerkschaftsvertreter.

Für seine Wahlheimat ist der Manager voll des Lobes: "London ist eine großartige Stadt für Gründer aus unserer Branche", sagt der 34-Jährige. Im Vergleich zu anderen Standorten in Europa gebe es viel mehr Investoren, die Geld in Start-ups anlegten. Und im Bankenzentrum London könnten viele dieser Investoren gut einschätzen, was die jungen Fintech-Firmen eigentlich machen. Und was für Möglichkeiten dahinter stecken. Ein weiterer Vorteil sei, dass die Metropole junge Talente aus der ganzen Welt anziehe - ein schöner Pool enthusiastischer Arbeitskräfte. Im Großraumbüro von Transferwise hacken Angestellte aus aller Herren Länder auf ihre Tastaturen.

Sechs Kilometer weiter südöstlich, im modernen Bankenviertel Canary Wharf, sitzt an einem Besprechungstisch eine junge Deutsche, die ebenfalls davon träumt, die Branche aufzumischen. Dorothee Fuhrmann gehört zum Führungsteam von Prophis, einem Start-up, das Analyseprogramme für Vermögensverwalter entwickelt. Prophis ist Mieter in Level 39, dem größten Fintech-Inkubator Europas. Auf drei Stockwerken des gläsernen Hochhauses One Canada Square tüfteln mehr als 100 junge Finanzfirmen an Software und Internet-Anwendungen.

Prophis hat erst vier Mitarbeiter, aber die Gründer verhandeln mit Investoren über eine Geldspritze und wollen bis Jahresende sechs Fachleute beschäftigen. Kollegen zu finden, die sich sowohl mit der Finanzbranche als auch mit Programmieren auskennen, sei in London einfacher als überall sonst, sagt Fuhrmann. "Da hat London sogar mehr zu bieten als das Silicon Valley." Schließlich ist die Stadt seit jeher ein Bankenzentrum - und zugleich Heimat vieler Internetfirmen. Das spiegelt sich auf dem Arbeitsmarkt wider. "Zudem sitzen unsere potenziellen Kunden auf der anderen Straßenseite. Wir erreichen hier alle wichtigen Banken", sagt die 43-Jährige.

Die Regierung hat die Attraktivität der Branche erkannt. Schatzkanzler George Osborne sagt, er wolle London zur Fintech-Hauptstadt der Welt machen. "Die Regierung, die Stadtverwaltung, die Finanzaufsicht, der Branchenverband - sie alle unterstützen unsere Szene", sagt Fuhrmann.

"Bei der Finanzaufsicht gibt es keinen, der so richtig für uns zuständig ist", klagt der Gründer

In Großbritannien ist London Hochburg der Fintechs - in Deutschland hingegen verteilt sich das in guter föderaler Tradition: "Die Szene ist sehr zersplittert im Vergleich zu London. Es gibt Frankfurt, Berlin und noch vieles mehr", sagt Oliver Vins, Gründer und Vorstand der Frankfurter Firma Vaamo, die Geldanlagen im Internet offeriert. Vins rief im Bundesverband Deutsche Start-ups die Fachgruppe Fintech ins Leben, weil die Branche vorher kein Sprachrohr gehabt habe, wie er klagt. Er wünscht sich, dass Wagniskapital-Gesellschaften, die jungen Unternehmen Geld zur Verfügung stellen, stärker auf Deutschland schauen sollten statt nur gen USA oder London. Und er fordert mehr Offenheit der deutschen Finanzaufsicht Bafin. "Da ist Großbritannien sehr viel weiter. Was uns fehlt, ist ein unverbindlicher Dialog mit der Bafin", sagt er. "Es gibt dort keinen, der so richtig zuständig ist für Fintechs."

Die britische Aufsicht FCA hat dagegen eine Abteilung für Start-ups aufgebaut. Sie bietet eine kostenlose Beratung an dazu, wie Gründer ihr Geschäft in Einklang mit den komplizierten Regeln aufziehen können.

So etwas wäre für die deutsche Fintech-Szene wohl wichtiger als das schicke neue "Innovation Lab" der Deutschen Bank. Auch wenn die Büros in den Hackeschen Höfen sicher sehr hübsch ausfallen werden.