Rente mit 63 Dann mal Tschüss

Die Rentenreform von Arbeitsministerin Andrea Nahles zeigt Wirkung.

(Foto: Jörg Carstensen/dpa)
  • Laut einem Regierungsbericht hat sich die Quote der Erwerbstätigen unter den 55- bis 64-Jährigen zuletzt deutlich erhöht.
  • Damit liegt die Bundesrepublik unter den 28 EU-Ländern hinter Schweden auf Platz zwei.
  • Die neue abschlagsfreie Rente ab 63 hat die schöne Erfolgsgeschichte erst einmal gestoppt.
Von Thomas Öchsner

"Qualifizierte Fachkräfte sind die unverzichtbare Basis für Wachstum, Innovation und Wohlstand in Deutschland." Der Satz, der in jeder politischen Grundsatzrede vorkommen könnte, stammt von Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) und steht im "Fortschrittsbericht 2014". Darin legt die Bundesregierung dar, was sie sich alles so einfallen lässt, damit Europas größte Volkswirtschaft trotz des Geburtenknicks auch in Zukunft genug qualifizierte Menschen hat, die fleißig das Bruttoinlandsprodukt steigern.

Dazu sollen, da sind sich alle einig, auch die Älteren beitragen, in dem sie sich nicht vorzeitig in den Ruhestand zurückziehen und schon mit Anfang 60 oder gar noch früher ihrem Arbeitgeber den Rücken kehren. Zuletzt hat dies immer besser geklappt. Laut dem Regierungsbericht hat sich die Quote der Erwerbstätigen unter den 55- bis 64-Jährigen bis 2013 deutlich auf 63 Prozent erhöht. Damit liegt die Bundesrepublik unter den 28 EU-Ländern hinter Schweden auf Platz zwei. Besonders stark war demnach der Anstieg in der Altersgruppe der 60- bis 64-Jährigen. Doch nun hat die neue abschlagsfreie Rente ab 63 die schöne Erfolgsgeschichte erst einmal gestoppt. Darauf deuten neue, interne Zahlen der Bundesagentur für Arbeit (BA) hin, die der Süddeutschen Zeitung  vorliegen.

Seit 1. Juli 2014 können Arbeitnehmer, die 45 Jahre in die Rentenversicherung eingezahlt haben, schon mit 63 Jahren ohne Abschläge in Rente gehen. Diese Chance lassen sich viele Ältere nicht entgehen: Nach Angaben der BA ist die Zahl der sozialversicherungspflichtigen 63 bis 65 Jahre alten Beschäftigten von Juni bis September 2014 erstmals seit langer Zeit um 23 600 auf 447 000 zurückgegangen. Zum Vergleich: Im Durchschnitt der Jahre 2010 bis 2013 hatte ihre Zahl in diesem Zeitraum noch um jeweils 13 400 zugenommen.

Nun liegt eine endgültige Statistik bis Dezember 2014 noch nicht vor. Die Nürnberger Experten sind sich aber sicher, dass sich der Trend fortgesetzt hat. Sie gehen davon aus, dass die Zahl der Beschäftigten in dieser Altersgruppe von Juni 2014 bis zum letzten Monat des Jahres "untypischerweise" sogar um 55 000 zurückgegangen ist.

"Fast ein Drittel der Begünstigten würde ohne die neue Rente heute noch arbeiten"

Die Kritiker der neuen abschlagsfreien Frührente fühlen sich deshalb bestätigt. "Die abschlagsfreie Rente ab 63 untergräbt die erfolgreichen Anstrengungen, die Beschäftigung Älterer zu erhöhen und entzieht dem Arbeitsmarkt dringend benötigte qualifizierte Arbeitskräfte", heißt es bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände. Markus Kurth, rentenpolitischer Sprecher der Grünen, rechnet vor: "Fast ein Drittel der Begünstigten würde ohne die neue Rente heute noch arbeiten. Ministerin Nahles fegt diese Fachkräfte dauerhaft vom Markt."

Kurth bezieht sich dabei auf frühere Angaben des Arbeitsministeriums. Dort kalkulierten die Beamten ursprünglich mit 200 000 Arbeitnehmern (ohne freiwillige Versicherte), die sich im zweiten Halbjahr 2014 mit 63 vorzeitig aus dem Arbeitsleben verabschieden werden. Die Zahl derjenigen, die dies nur tun, weil sie dies nun ohne finanzielle Nachteile können, schätzte das Ministerium auf 50 000. Später war von 60 000 die Rede. Diese sogenannten Vorzieher hätten sonst länger gearbeitet. Nun aber muss die Rentenkasse für sie die volle Rente früher auszahlen. Eigentlich war die abschlagsfreie Rente ab 63 aber gerade für die Beschäftigten gedacht, die auf Grund von körperlichem Verschleiß schon mit 63 in den Ruhestand gehen und hierfür zuvor Abschläge von 0,3 Prozent vom Altersgeld pro vorgezogenen Monat in Kauf nehmen müssen.

Für das Arbeitsministerium sind die neuen Zahlen jedenfalls "nicht überraschend und nicht dramatisch". Diese würden den Trend hin zu längerem Arbeiten nicht in Frage stellen, sagt ein Sprecher. Im Hause Nahles rechnet man fest damit, dass es weiter Zuwächse bei der Beschäftigung Älterer geben wird. Schließlich wird auch das Eintrittsalter für die abschlagsfreie Rente ab 63 schrittweise bis 2029 auf 65 Jahre erhöht.