Die Milchbauern träumen sich eine Welt zusammen, die es so nicht gibt. Europa kann sich einfach nicht vom Rest der Welt abschotten, um die Milchpreise zu stabilisieren.
Es ist wieder so weit. Die Milchbauern greifen zu dem drastischsten Mittel, das sie haben, um auf ihre Not aufmerksam zu machen: Sie schütten ihre Milch weg. Viele Millionen Liter sind auf dem Acker oder im Gulli versickert. Am Donnerstag versprach die EU-Kommission endlich weitere Hilfen. Sie werden die Situation sicher ein wenig verbessern, auf die Kernforderung der Bauern aber nach einem grundlegenden Kurswechsel in der Agrarpolitik ist die EU-Kommission wieder nicht eingegangen. Im Gegenteil, EU-Kommissarin Mariann Fischer Boel bekräftigte erneut, den Milchmarkt liberalisieren zu wollen.
Brüssel will den Milchmarkt liberalisieren - und der Bauer ist sauer. (© Foto: dpa)
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Aus Sicht der Bauern ist dieses Ziel die Ursache für all ihre Probleme. Seit die Kommission den Bauern erlaubt, mehr Milch zu produzieren, sind die Preise stark gefallen; so stark, dass die Landwirte ihre Kosten nicht mehr decken können. Immer mehr denken ans Aufgeben. Dabei wäre die Lösung so einfach, so glauben die Milchbauern. Wenn Europa sich weniger am Weltmarkt orientieren würde, sich stattdessen darauf konzentrierte, die eigene Bevölkerung zu versorgen, dann wäre alles gut. Die Landwirte würden sich absprechen und nur noch so viel Milch liefern, wie gerade benötigt wird. Der Preis würde sich erholen, und sie könnten endlich von dem leben, was sie verkaufen. Die vielen EU-Beihilfen wären nicht mehr nötig oder zumindest nicht in dem Ausmaß wie jetzt. Das würde den Steuerzahler entlasten, und alle Probleme wären gelöst.
Warum nur will die EU-Kommission das nicht einsehen? Ganz einfach: Weil es eine Illusion ist. Die Milchbauern träumen sich eine Welt zusammen, die es so nicht gibt. Vor vielen Jahren war es vielleicht möglich, dass eine Region sich abkapselt und nur für sich wirtschaftet, ohne Nachteile zu erleiden. Heute aber ist das undenkbar. Europa ist keine Insel, die sich lossagen kann vom Welthandel. Würden die Bauern tatsächlich nur noch so viel liefern, wie momentan nachgefragt wird, dann könnte sich der Preis zwar erholen, allerdings nur, wenn Drittländer zugleich davon abgehalten würden, ihrerseits Europa mit billigen Milch- und Käseprodukten zu beliefern. Die EU bräuchte einen Außenschutz, etwa in Form von Importzöllen, die der Welt signalisieren würden: Eure Milch und euer Käse sind hier unerwünscht.
Man muss kein Volkswirt sein, um sich die Reaktion auszumalen. Mit Sicherheit dürften die Europäer den Käse, den sie bislang tonnenweise exportieren, in Zukunft selbst essen. Vermutlich wären auch andere als landwirtschaftliche Produkte nicht mehr so willkommen im Ausland. Drittländer würden beginnen, sich ebenfalls zu schützen. Und das, obwohl alles darauf hindeutet, dass der Milchpreis langfristig wieder steigt - schon allein deshalb, weil weltweit die Zahl der Menschen zunimmt, die Milchprodukte nachfragen. Solange sich an dieser Prognose nichts ändert, hat die EU keinen Grund, ihren Kurs zu überdenken. Im Gegenteil: Gäbe sie ihn auf, würde das die Probleme nur verstärken.
Auch von einer weiteren Idee sollten sich die Landwirte verabschieden: dass ein höherer Milchpreis der beste Weg aus ihrer Misere ist. Ein höherer Preis würde vor allem die Menschen treffen, die viel Milch und Käse kaufen, also etwa Familien mit Kindern. Bauern leisten aber weit mehr, als nur die Bevölkerung mit Milch zu versorgen. Sie pflegen die Landschaft und schützen mit dem Grünland die Umwelt. Wer sich in Deutschland erholen will, den zieht es aus gutem Grund in Gegenden mit viel Landwirtschaft. Warum also sollte allein der Milch- und Käsekonsument dafür bezahlen, dass in Bayern weiterhin Kuhglocken läuten?
Die Arbeit der Bauern dient nicht nur den Verbrauchern, sie ist von unschätzbarem Wert für die gesamte Gesellschaft. Und deshalb ist es völlig in Ordnung, wenn die Landwirte für spezielle Leistungen, die allen zugute kommen, auch in Zukunft Steuergelder erhalten.
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(SZ vom 18.09.2009/mel)
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@szl3636
Nur sie wissen was ihre abstruse Geschichtsstunde mit Stalin, die Rote Armee und der SU in den 30ern mit Milchbauern von heute zu tun hat - von daher suchen sie sich halt selbst einen Artikel zu dem ihr Kommentar passt. Tip: Dieser Artikel ist es offenbar nicht. Viel Glueck!
@johnsonville. Ist der erste Artikel, den ich von Frau Kuhr gelesen habe.
Kenne Sie noch weitere, zu denen mein Kommentar besser passen würde?
Ich bin ganz Ohr.
@szl3636
Sind sie sicher dass sie den richtigen Artikel fuer ihren Kommentar erwischt haben?
@ironbutterfly
Die Milch der Milchbauern landet also ausschliesslich in den Bio/Vollwert/Organisch/Local Production-Lebensmitteln und die Milch der boesen, boesen... ahem Nicht-Milchbauern aber dennoch Milcherzeuger, die landet natuerlich in den ueblen, billigen Aldi-Lebensmitteln.
Wenn die Milchbauern nicht zu einem erheblichen Anteil Stammwähler der Union wären, gäbe es schon längst keine (oder zumindest weniger) Subventionen mehr.
Ich habe wirklich volles Verständnis für die Verzweiflung der Milchbauern und für ihre Wut - aber es wurden in Deutschland schon ganz andere Branchen heruntergewirtschaftet und abgewickelt. Unbegrenzt lange kann einfach nicht am Markt und Bedarf vorbei produziert werden. Die Wut der Bauern sollte sich vor allem gegen ihre Vertreter richten, die ihnen eingeredet haben, möglichst viel zu produzieren.
Frau Kuhr,
Sie besprechen die Art und Weise, in welcher heute in der EU Politik gemacht werden darf.
Aber ihre schöne Geschichte vom Markt, der einen nunmal zwingen würde, ist nur das: eine Geschichte.
Als Stalin in der UdSSR an die Macht kam, begann er sie zu industrialisieren. Dabei ist er so verfahren, daß die Teile eines Produktes an möglichst weit von einander entfernten Punkten hergestellt wurden und an einem weiteren fernen Punkt zusammengebaut.
Natürlich war das alles andere als effektiv, aber auf diese Weise konnte niemand Produkte schwarz herstellen und verkaufen, die Rote Armee hatte totale Kontrolle über die Produktion, wie sie die Straßen beherrschte.
Ich wünsche auch Ihnen, daß Sie aufwachen.
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