Reaktion auf Schuldenkrise Spanien schafft die Siesta ab

Shoppen statt schlafen: Spaniens Regierung wagt sich im Kampf gegen die Wirtschaftskrise an eine jahrhundertealte Tradition: Ab September wird die Siesta abgeschafft, der Einzelhandel darf dann nachmittags durcharbeiten. Die Touristen aus dem Norden dürften an der neuen Regelung nicht unschuldig sein.

Von Thomas Urban, Madrid

Das Nickerchen nach dem Mittagessen war den Spaniern immer heilig. Sogar einen eigenen Begriff gab es dafür: die Siesta. Eine jahrhundertealte Tradition, um die viele Deutsche die Südländer immer ein bisschen beneideten. Jetzt ist Schluss damit; die Spanier werden ein Stück weit nordeuropäischer - und sollen den Tag künftig durcharbeiten. Um mehr Geld zu verdienen.

Tabubruch: Mit dem gemütlichen Schläfchen am Mittag ist es vorbei.

(Foto: Reuters)

Nach dem Willen der konservativen Regierung sollen sie künftig ganz auf ihre Siesta verzichten. Schuld daran: die Euro-Krise. Von Warenhäusern und Supermärkten abgesehen, sind traditionell alle Geschäfte zwischen 14 und 16 Uhr geschlossen. Auch die meisten Restaurants machen am späteren Nachmittag bis zum Abend zu. Von 1. September an dürfen alle Geschäfte und Gastronomiebetriebe den ganzen Nachmittag durcharbeiten.

Erhöhte Umsätze des Einzelhandels sollen nach der Kalkulation des Wirtschaftsministeriums dazu beitragen, die Folgen der bevorstehenden Mehrwertsteuererhöhung von 18 auf 21 Prozent zu mildern. Das Gesetz über die Öffnung der Geschäftszeiten gibt dem Einzelhandel nun die Möglichkeit, die wöchentliche Arbeitszeit von 72 auf 90 Stunden anzuheben. Bislang war für Geschäfte unter 300 Quadratmetern die Siesta obligatorisch. Zudem dürfen in Zukunft an 16 statt bisher zwölf Sonntagen im Jahr die Geschäfte geöffnet werden. Noch weitergehende Regelungen gelten für Ferienorte und gesamte Touristenregionen. In ihnen dürfen in Zukunft Einzelhandelsgeschäfte an sämtlichen Sonn- und Feiertagen geöffnet werden.

Wer das Geld bringt, hat die Macht

Die Regierung reagiert damit auf Forderungen vieler Städte, deren Wirtschaft in hohem Maße vom Fremdenverkehr abhängig ist. Da spanische Urlauber wegen der Wirtschaftskrise von Jahr zu Jahr weniger Geld ausgeben, wird dabei vor allem auf die Gäste aus dem Ausland gesetzt, die sich traditionell über die spanische Siesta beschweren, wenn sie vor geschlossenen Läden oder Restaurants stehen. Mit anderen Worten: Touristen aus dem Norden dürften nicht so ganz unschuldig daran sein, dass in Spanien jetzt durchgearbeitet werden muss.

Wer das Geld bringt, hat die Macht: Nach Angaben des Fremdenverkehrsamtes haben die 57 Millionen ausländischen Touristen im vergangenen Jahr 54 Milliarden Euro im Land gelassen. Die größte Gruppe mit fast 20 Prozent stellen die Briten, gefolgt von den Deutschen mit 16,5 Prozent. Welche Gruppe pro Kopf am meisten ausgibt, ist allerdings statistisch nicht erfasst. Der Tourismus macht etwa ein Zehntel der Wirtschaftsleistung aus.

Die Neuregelung ist keineswegs unumstritten

Die neuen Bestimmungen können auch für ganze Städte gelten, falls diese mehr als 200.000 Einwohner zählen und ihre Hotelbetriebe auf mehr als eine Million Übernachtungen kommen. Nach Berichten der spanischen Presse ist der Einzelhandel in den Mittelmeerstädten Barcelona, Valencia, Alicante oder Málaga auf die Ausweitung der Geschäftszeiten eingestellt.

Die Neuregelung ist - wen wundert's - keineswegs unumstritten. Besitzer kleinerer Läden fürchten, dass sie gegenüber den großen Ketten noch weiter ins Hintertreffen geraten, da sie wegen bereits äußerst knappen Gewinnmargen kaum neues Personal einstellen könnten.

Auch die Gewerkschaften kritisierten die Regelung, sie trüge nur dazu bei, dass Angestellte des Einzelhandels noch mehr als bisher ausgebeutet würden. Hingegen erklärte der Konsumentenverein OCU, die jetzige Liberalisierung der bisherigen strikten Regelung sei völlig unzureichend. Die meisten Kunden wünschten sich noch flexiblere Öffnungszeiten.