Razzia bei Areva Schwarze Kassen in der Kernkraft-Firma

Großrazzia bei der Erlanger Atomfirma Areva, an der auch der Siemens-Konzern beteiligt ist: Die Staatsanwaltschaft wirft Ex-Mitarbeitern Schmiergeldzahlungen vor. Offenbar gab es ein umfangreiches System schwarzer Kassen.

Von Martin Hesse und Uwe Ritzer

Es kommt knüppeldick in diesen Tagen für die deutsche Atomfirma Areva NP. Zuerst die Katastrophe in Fukushima, die den Widerstand gegen die Kernenergie erhöht. Dann die Proteste und Mahnwachen von Fußballfans des 1. FC Nürnberg, die wegen der Ereignisse in Japan nicht mehr wollen, dass ihre Kicker auf den Trikots für Areva werben. Und nun wird das Erlanger Gemeinschaftsunternehmen des französischen Areva-Konzerns und des Siemens-Konzerns auch noch von einer Korruptionsaffäre erschüttert.

Siemens? Korruption? Das war in der Vergangenheit ein großes Thema und beschäftigt noch ein Gericht. Und nun kommt heraus, dass zwischen 2002 und 2005 bei Areva NP ein zweistelliger Millionenbetrag auf ausländische Konten transferiert worden sei - für schwarze Kassen. Aus denen wurden mutmaßlich Schmiergelder bezahlt, um im Ausland an Aufträge zu kommen, vermutet die Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth. Am Dienstag schwärmten sieben Staatsanwälte und mehr als 100 Polizeibeamte aus: Razzia in 31 Büros und Privatwohnungen, überwiegend in Bayern und der Tschechischen Republik. Betroffen waren auch die Erlanger Areva-Zentrale und ein Firmenarchiv in Offenbach.

Ermittelt wird gegen acht Beschuldigte. Ihnen wird Bestechung und Untreue vorgeworfen. Einer von ihnen arbeitet noch bei Areva; in welcher Funktion wollen weder Staatsanwaltschaft noch das Unternehmen sagen. Aus Firmenkreisen heißt es, der Mann sei bis zur Klärung der Vorwürfe von seinen Tätigkeiten entbunden worden.

Vier Beschuldigte sind ehemalige Areva-Mitarbeiter, drei weitere sind bei Unternehmensberatungen beschäftigt. Sie sollen die Areva-Mitarbeiter "bei ihren mutmaßlichen Taten unterstützt haben", sagt Oberstaatsanwältin Antje Gabriels-Gorsolke. Zur Identität der Beschuldigten gibt es keine Angaben. "Für uns gilt bis zur Klärung der Vorwürfe die Unschuldsvermutung", sagt eine Areva-Sprecherin. Sie kündigt an, "eng mit den Ermittlungsbehörden zu kooperieren". Festnahmen gab es bislang nicht.

Vergleiche zwischen Areva und Siemens

Nürnberger Ermittler vergleichen das System der schwarzen Kassen bei Areva mit jenem in der Siemens-Historie - auch wenn es um deutlich niedrigere Summen geht. Siemens brachte 2001 das Atomgeschäft der Tochter Kraftwerksunion (KWU) in ein Joint Venture ein und hält 34 Prozent. Die unternehmerische Führung liegt bei Areva mit Sitz in Paris. Der Konzern umfasst 48.000 Mitarbeiter, davon 5700 in Deutschland. Hierzulande lag der Umsatz 2010 bei gut einer Milliarde Euro.

Ob zwischen den schwarzen Kassen bei Siemens und jenen bei Areva ein Zusammenhang besteht, ist offen. Die Staatsanwaltschaft sagt dazu nichts. Offen bleibt auch, was die Ermittlungen ausgelöst hat. Auch bei Siemens will man sich nicht äußern. Die jetzigen Korruptionsvorwürfe kommen zu einem heiklen Zeitpunkt, da Siemens vor dem Ausstieg aus dem Joint Venture steht. Als Juniorpartner fühlte man sich nicht wohl, Anfang 2009 kündigte Konzernchef Peter Löscher den Rückzug an. Seitdem streiten die Partner, man wirft sich gegenseitig Vertragsbruch vor. Noch im April soll ein Schiedsgericht über die Modalitäten der Trennung entscheiden.

Offen ist, ob Siemens danach weiter Geschäfte in der Atomenergie macht. Selbst ein Komplettausstieg aus dem Atomgeschäft gilt als möglich.