Psychologie des Schenkens Eine besondere Gabe

Für Psychologen ist das Schenken die Grundlage der friedlichen Zivilisation. Sie erklären, warum Menschen gerne geben und welche Typen man unterscheiden kann. Welcher sind Sie?

Von Silke Bigalke

Etwas zu verschenken widerspricht eigentlich der wirtschaftlichen Vernunft. Wer eine Leistung erbringt, der erwartet in der Regel eine Gegenleistung. Die Menschen kalkulieren die Kosten und den Nutzen ihrer Handlungen. Etwas umsonst herzugeben - das passt nicht in dieses Muster. Denn auf den ersten Blick sieht es so aus, als könnten sie Geschenke nur auf der Kostenseite verbuchen. Aber was steht auf der Nutzenseite? Die Dankbarkeit des Beschenkten? Gesellschaftliches Ansehen? Ein Gegengeschenk? Selbst dann erscheint dieser Tausch antiquiert und nicht gerade effizient. Denn nur selten bekommt der Beschenkte genau das, was er sich auch selber angeschafft hätte.

Jeder schenkt gern - auch die Sängerin Anita Hofmann, die im Europapark in Rust vor einem Weihnachtsbaum posiert.

(Foto: Foto: dpa)

Trotzdem ist das Geschenk aus keiner Gesellschaft wegzudenken. "Schenken ist eines der wenige Universale", sagt der Soziologie-Professor Gerhard Schmied, Autor des Buchs "Schenken". "Es dient weltweit dazu, Beziehungen zu erhalten und zu stärken." Der Austausch von Gaben - das sei der Kern des Zusammenlebens und der Beginn von friedlicher Zivilisation. Bevor es ihn gab, nahm sich der Stärkere einfach, was er wollte. Mit Gewalt. "Die Gabe ist die Grammatik, nach der unsere Gesellschaft funktioniert", ergänzt Frank Schulz-Nieswandt, Professor für Sozialpolitik in Köln.

Denn auf die Gabe folgt eine Gegengabe, so beschrieb es der französische Soziologe Marcel Mauss im Jahr 1924. Dieses Prinzip der Gegenseitigkeit hält die Menschen zusammen. Wer jemanden etwas gibt, sei es Geld, Zeit oder eben in diesen Tagen ein Weihnachtsgeschenk, der erwartet dafür etwas zurück. Das Geben wird zu einer strategischen Handlung. Beziehungen zwischen Menschen werden so zu einem Netz aus Geben und Nehmen, das sich durch die Zeit zieht.

Geschenk als Antwort auf früheres Geschenk

Daher ist Schenken auch so schwierig. Jedes Geschenk ist die Antwort auf ein anderes Geschenk, das wieder eine Antwort nach sich zieht. Gabe und Gegengabe müssen zueinander passen. Wer sich selbst viel Mühe gibt, um das richtige Geschenk für einen Freund zu finden, ist maßlos enttäuscht, wenn er selber nur einfallslose Socken bekommt. Doch die Balance zu halten - das ist an Weihnachten schwierig: Weil sie ihre Gaben gleichzeitig austauschen, wissen die Schenkenden vorher nicht, ob sie gleichwertig sind. Sie müssen vor der Bescherung schätzen, was der andere wohl investiert.

In der Ökonomie gibt es Modelle für dieses Dilemma. "Tit for tat" nennen das die Spieltheoretiker. Ein Akteur verhält sich solange fair, wie sich sein Gegenüber fair verhält. Auf Weihnachten übertragen heißt das: Wer einfallslose Geschenke verteilt, darf selber keine großen Überraschungen unterm Christbaum erwarten. Bernd Stauss, Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Eichstätt, hat ein augenzwinkerndes Büchlein mit dem Titel "Optimiert Weihnachten" geschrieben. In einem nicht ganz ernst gemeinten Beispiel rechnet er aus, dass es zwischen Brüdern die beste Strategie ist, dem anderen zunächst ein kleines Päckchen zu packen. Erst wenn der Andere mit einem großen Geschenk antwortet, sei es an der Zeit, die Strategie zu ändern.

In der Realität neigen Menschen dazu, mehr zu geben, als sie zurück erwarten. "Wir beobachten einen solidarorientierten Gabenüberschuss", sagt Sozialwissenschaftler Schulz-Nieswandt. Wer mehr hat, gibt auch mehr. Es kann aber auch zu einem regelrechten Wettlauf um die großzügigste Gabe kommen. "Dabei geht es um soziales Prestige, niemand möchte hinter anderen Wohltätern zurückbleiben", sagt Ulrich von Hecker, der an der Cardiff-Universität Psychologie lehrt.

Das gegenseitige Hochgeschaukele

Gabe und Gegengabe schaukeln sich gegenseitig hoch. Wie beim kanadischen Potlatsch: Bei diesem "Fest des Schenkens" unter indianischen Stämmen brach ein erbitterter Überbietungskampf aus. Konkurrierende Clans beschenkten sich so verschwenderisch, bis der andere die Gabe nicht mehr erwidern konnte. Es ging um Ehre. Und stürzte ganze Stämme in den Ruin.

Geschenke sind also nicht immer weihnachtlich friedlich. Sie bringen auch Macht und Einfluss für den Geber, indem sie Druck auf den Empfänger ausüben. "Gaben können zu Hierarchien führen", sagt Schulz-Nieswandt. "Manche Geschenke dienen dazu, den anderen zu demütigen." Wird der Unterschied zwischen Gabe und Gegengabe zu groß, möchte Psychologe Hecker gar nicht mehr von Geschenken sprechen: "Das ist Überwältigung, Einflussnahme oder Selbstdarstellung des Schenkers."

Selbst wenn beide Seiten die besten Absichten haben, kann beim Schenken vieles schief gehen: Manfred Bruhn, Professor für Marketing in Basel, glaubt, dass die meisten Menschen an Weihnachten von ihren Geschenken enttäuscht sind. Das liege daran, dass sich die Schenkenden zu wenig Gedanken machten. Ein schlecht durchdachtes Geschenk signalisiert dem Empfänger, dass er die Mühe nicht wert war. "Schenken ist Kommunikation, es ist ein Signal der Wertschätzung", sagt Bruhn. Jede Gabe sei eine Botschaft. Und die zehnte Krawatte sagt: "Ich hab"s mir leicht gemacht mit Dir."

Geschenkeberater Marco Klawonn wirbt gerade an Weihnachten für Nachsicht. Wenn das Schenken zur Pflicht wird, suchen viele kopflos nach Irgendwas. "Dann ist der Stressfaktor sehr hoch", sagt Klawonn. Wichtiger als der Wert der Gabe sei schließlich immer noch, dass es zum anderen passt. Dann reiche auch eine Kleinigkeit. Diplom-Psychologe Siegfried Brockert sieht das ähnlich: "Wir müssen wegkommen von dieser Kosten-Nutzen-Rechnung", fordert er. Für ihn ist Schenken wie Lieben: "Wir wollen uns von unserer besten Seite zeigen und den anderen glücklich machen, weil Glück zurückstrahlt." Für dieses Glück müsse man aber den Gedanken daran, was man wohl für seine Gabe zurückerhält, aufgeben.

Lesen Sie auf den kommenden Seiten, welche verschiedene Typen an Schenkern es gibt.