Entwarnung? Mitnichten. Ökonomen versprechen bessere Konjunkturdaten, doch die neue Regierung startet mit einer katastrophalen Finanzsituation.
Noch debattieren die führenden Politiker von CDU/CSU und FDP über einen gemeinsamen Koalitionsvertrag, doch ein Problem lässt sich trotz mitternächtlicher Sitzungen nicht wegdiskutieren: der marode Staatshaushalt - das Finanzgerüst, von dem alle Entscheidungen der neuen Bundesregierung abhängen. Um die Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise abzufedern, hatte die große Koalition Milliarden investiert - und damit tiefe Löcher in einen Haushalt gerissen, der ohnehin schon in den roten Zahlen steckt. Doch es gibt Hoffnung, denn die deutsche Konjunktur scheint sich vom globalen Schock schneller zu erholen als Experten zuvor vermutet hatten.
Optimismus in homöopathischen Dosen: Im kommenden Jahr wird ein Wirtschaftswachstum von 1,2 Prozent erwartet. (© Foto: ddp)
Anzeige
Die führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute erwarten eine "zögerliche Belebung" der Konjunktur in Deutschland. "Aufgrund der immer noch schwachen Expansion der Weltwirtschaft werden die deutschen Exporte lediglich in moderatem Tempo zulegen", heißt es im Herbstgutachten, das am Donnerstag in Berlin vorgestellt wurde. Auch die Inlandsnachfrage dürfte nur "sehr langsam anziehen". Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) dürfte im kommenden Jahr um 1,2 Prozent wachsen. Im Frühjahrsgutachten waren die Institute noch von einem Rückgang von 0,5 Prozent ausgegangen. Für das laufende Jahr erwarten sie einen Konjunktureinbruch von fünf Prozent.
Die Bundesregierung rechnet für 2010 bislang nur mit einem Plus von 0,5 Prozent. Sie will ihre Vorhersage aber am Freitag ebenfalls nach oben korrigieren. Weil die Daten Grundlage für die Koalitionsgespräche sind, zieht die Regierung die Veröffentlichung ihrer Prognose vor.
Spielraum vergrößert
Mit der positiven Prognose erweitert sich nach Ansicht von Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg der finanzielle Handlungsrahmen für die neue Regierung. "Vor diesem Hintergrund eröffnet sich auch der ein oder andere Spielraum", sagte der CSU-Politiker. "Die Prognose ist eine bessere als die, die wir noch im Frühjahr vorgestellt haben." Die Erholung sei schneller eingetreten, "als das früher noch absehbar war", sagte Guttenberg. Das sei natürlich auch den Reformen und Konjunkturpaketen zu verdanken.
Insbesondere seien die Wachstumszahlen für das nächste Jahr "erheblich höher als das, was wir ursprünglich hingesetzt hatten". Damit gelte es jetzt vernünftig umzugehen, "und das ist auch Gegenstand der Verhandlungen der nächsten Tage".
Mehr Arbeitslose, geringere Teuerungsrate
Die Wirtschaftsforschungsinstitute fordern von der neuen Bundesregierung einen strikten Sparkurs. Es gebe "beträchtliche Spielräume" bei der Streichung von Subventionen. Dann seien auch die Steuersenkungen, die vor allem die FDP in ihrem Wahlkampf versprochen hat, möglich. Sie müssten von Schwarz-Gelb aber durch geringere Ausgaben gegenfinanziert werden.
Die fünf "Wirtschaftsweisen", die wie die Institute die Regierung beraten, hatten dagegen in der Vorwoche vorausgesagt, dass Union und FDP mittelfristig nicht um Steuererhöhungen herumkommen würden. Davor warnen die acht am Herbstgutachten beteiligten Institute: "Eine größere Belastung mit Steuern und Sozialabgaben würde die Arbeitskosten erhöhen und die Arbeitsnachfrage dämpfen."
Auch die Arbeitslosigkeit werde sich im kommenden Jahr deutlich erhöhen. Die Arbeitslosenquote dürfte von 8,0 Prozent im laufenden Jahr auf 9,4 Prozent im Jahr 2010 steigen, hieß es in Berlin.
Der Preisdruck bleibt unterdessen gering. Auch im kommenden Jahr erwarten die Institute nur eine verhaltene Inflationsrate in Deutschland. Diese dürfte von 0,3 Prozent 2009 auf lediglich 0,6 Prozent im kommenden Jahr ansteigen. Die EZB strebt für die Eurozone insgesamt eine Inflationsrate von nahe bei, aber unter zwei Prozent an.
- Thema
- Wirtschaftspolitik RSS
- Koalitionsgespräche Steuer-Unterhändler vertagen sich auf Freitag 15.10.2009
- Exporte: Unerwarteter Schwächemonat Rückschlag für Konjunktur 09.10.2009
- Starke Binnennachfrage Der Konsum - eine Stütze für die Konjunktur 07.10.2009
- IWF zur Konjunktur Europa droht schwaches Wachstum 03.10.2009
- Gastronomie und Rauchverbot Das Märchen von der Pleitewelle 28.04.2010
- Griechenland "Das kann ein Fass ohne Boden werden" 21.04.2010
- Griechenland: Rettungsfonds Finanzfeuerwehr für Europa 16.04.2010
(sueddeutsche.de/AP/mel/tob/mel/tob)
Linke-Vize-Chefin Wawzyniak
Es ist schon eigenartig, wie asymmetrisch die Wahrnehmung von wirtschaftlichen Situationen erfolgt. Ein deutlich geringerer Rückgang der Wirtschaftsleistung als befürchtet in 2009 und ein Wachstum (!) von einem Prozent oder mehr ist nur eine kleine Meldung wert. Es ist gar nicht lange her, dass negative Meldungen in großformatigen Überschriften - natürlich - auf der Titelseite der Gazetten, den Leser angesprungen haben.
So sicher es ist, dass wir noch lange nicht im Hafen der Glückseligkeit festgemacht haben, so wenig sinnvoll scheint mir der ständig erhobener Zeigefinger zu sein.
Zitat: "...die Linken, derlei Ideologen,..."
Danke, josephXY, you made my day.
Die WirtschaftsWoche bringt ab und zu recht interessante Artikel. Sie ist eben
auf die derzeitige Börsen - Hausse eingegangen und hat die Frage gestellt wer
dahinter steckt. Weil ganz geheuer ist das ja alles nicht. Da gilt es schon noch in
mancher Hinsicht schon noch Vorsicht walten zu lassen. Die Boersen haben
sich ja in letzter Zeit abermals in ein Kasino verwandelt. Es sind in diesem Fall nicht
die Linken, derlei Ideologen, denen das nicht geheuer ist, sondern schon mal Leute
die das aus anderer Perspektive kritisieren.
http://www.wiwo.de/finanzen/wer-den-kursaufschwung-an-den-boersen-antreibt-410451/
Optimismus ist zwar was Schönes und auch wichtig, wenn es nur ein wenig hakt und man durch positives Denken Dinge vorwärts bringen kann. Doch ist das Rechnen mit dem Schlimmsten auch nicht verkehrt, weil erst dann eine solide Basis für die Wirtschaft der Zukunft geschaffen werden kann.
Wer Nachhaltigkeit will, der muss immer Skeptiker bleiben. Nur so erntet man die Früchte der Überraschung und zwar der positiven.
Derzeit aber wird lieber noch der Glaube an das alte Denken aufrecht erhalten. Da die Umwälzungen sonst eben unkontrollierbar werden könnten. Dennoch dieser altbackene Optimismus gehört langsam verboten.
und morgen werden die Prognosen wieder nach unten korrigiert. Die Halbwertszeit von Prognosen in Deutschland nimmt kontinuierlich ab...