Paradise Papers Missklang in Luzern

Wie die Erben von Christof Engelhorn eine Millionenspende für den Bau eines neuen Musiktheaters in der Stadt am Vierwaldstätter See blockierten.

Von Mauritius Much

Wenn einer stirbt, streiten sich Dritte, so heißt es unter Anwälten. Die Familie von Christof Engelhorn macht da offenbar keine Ausnahme, wie die Paradise Papers zeigen. Christof Engelhorn war ein Cousin von Curt Engelhorn und hatte offenbar eine ähnliche Vorliebe für Trusts und Briefkastenfirmen wie der ehemalige Vorstandsvorsitzende des Pharmaunternehmens Boehringer Mannheim, über den die SZ anlässlich der Paradise Papers bereits berichtete.

Christof Engelhorn starb am 3. August 2010 und hinterließ seiner Familie ein riesiges Erbe. Laut den Paradise Papers belief sich allein das Offshore-Vermögen, das überwiegend in drei Trusts und einem guten Dutzend Tochtergesellschaften steckte, auf mehrere Milliarden US-Dollar. Ein guter Teil stammte wohl aus dem Verkauf des Pharmaunternehmens Boehringer Mannheim an Roche im Jahr 1997. Christof Engelhorn soll damals zwischen zwei und drei Milliarden Dollar bekommen haben.

Solche Summen in Aussicht, sollten 120 Millionen Schweizer Franken für die Erben eigentlich zu verschmerzen sein. Diesen Betrag jedenfalls sicherte Christof Engelhorn, der mit seiner Frau Ursula seit 1997 am Vierwaldstätter See in der Schweiz lebte, der Stadt Luzern für den Bau eines modernen Musiktheaters zu. Orchestergraben, Balkone und Sitzreihen der sogenannten Salle Modulable sollten beweglich sein und verschiedentlich angeordnet werden können.

Die Stadt Luzern sollte ein neues Konzerthaus bekommen - das Projekt scheiterte.

(Foto: P. Widmann/mauritius)

Doch weit gefehlt. Bereits Monate vor Engelhorns Tod am 3. August 2010 versuchte zumindest ein Teil der Erben aktiv, die Zahlung der Millionen zu verhindern. Deshalb wurde bereits am 1. Februar 2010 die Kanzlei Appleby eingeschaltet. Deren Anwälte sollten überprüfen, ob man "rechtlich daran gebunden ist, diese Verpflichtung zu erfüllen und, wenn ja, was die möglichen Auswirkungen wären, falls wir diese Verpflichtung widerrufen".

Die Erben der Trusts von Christof Engelhorn, das waren vor allem seine im Mai 2016 verstorbene Frau Ursula, seine Tochter Vera und seine Enkel Julie und Philipp, Kinder seines verstorbenen Sohnes Stefan. Aus den Unterlagen der Paradise Papers geht hervor, dass die Tochter und die Enkel bereits vor dem Tod Christof Engelhorns als Direktoren oder Shareholder mehrerer Briefkastenfirmen Teil des Offshore-Imperiums waren. Auch Veras Lebenspartner Christof Hamm war dort bereits lange eingebunden. Auf Anfragen der SZ wollten sich weder Engelhorns Familie noch die Kanzlei Appleby äußern.

In den Monaten vor dem Tod des Familienoberhauptes waren offenbar Vera Engelhorn und Christof Hamm die treibenden Kräfte bei dem Versuch, die 120-Millionen-Franken-Spende für das Musiktheater zu stoppen. Das zeigen E-Mails, Sitzungsprotokolle und Zeugenaussagen aus einem Prozess auf Bermuda Ende 2013: "Herr Hamm hat damit angefangen, Probleme zu bereiten und Schwierigkeiten zu machen, indem er die Richtung, in die die Salle Modulable gehen sollte, anzweifelte, in Frage stellte", heißt es in einer Aussage. Der Prozess sollte sich mit der Frage beschäftigen, ob die Millionen für das Musiktheater gezahlt werden oder nicht.

Doch so weit war es im Februar 2010 noch nicht, als Appleby überprüfen sollte, wie bindend das Schenkungsversprechen war. Man fertigte ein Memorandum an. Die Kanzlei sah darin "gute Gründe, dass es keine einklagbare Vereinbarung ... gibt, die Schenkung zu machen". Das gelte allerdings nur für den Standort Bermuda, wo die Engelhorn-Trusts angesiedelt sind - nicht für die Schweiz, wo das Musiktheater gebaut werden soll. Die Kanzlei empfahl deshalb, sich auch noch eine Einschätzung nach Schweizer Recht geben zu lassen.

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Vier Monate später kam Appleby erneut zur Hilfe: Mittlerweile sprach sich offenbar auch der Verwalter der Engelhorn-Trusts, ein Finanzdienstleister, dafür aus, den Bau zu stoppen - vor allem, weil Stadt und Kanton Luzern die operativen Kosten nicht aufbringen könnten. Die Kanzlei sollte nun ein Schreiben begutachten, in dem empfohlen wurde, dies den verbliebenen Befürwortern des Projekts so schnell wie möglich mitzuteilen. Das war neben einer Stiftung, die das Musiktheater-Projekt vorantrieb, vor allem Christof Engelhorn.

Dabei blieb es aber nicht: Ein Appleby-Mitarbeiter sollte sich Mitte Juni 2010 telefonisch zu einem Treffen in der Schweiz zuschalten lassen, bei dem die Stiftung von der Absicht informiert wurde, die Millionenspende zu stoppen - gegen den ausdrücklichen Willen von Christof Engelhorn, dem das Geld gehörte. Der 84-Jährige, dessen Gesundheit sich im vorangegangenen Jahr stark verschlechtert hatte, war zuvor informiert worden: "Er war nicht begeistert und besteht darauf, dass wir mit den Zahlungen fortfahren", heißt es in einer E-Mail an Appleby. Er war der Meinung, dass die Stadt Luzern bis Ende des Jahres für tragfähige Finanzierungsmodalitäten sorgen würde.

Daher verschob man die endgültige Entscheidung über die Millionenspende bis Oktober. In der Zwischenzeit starb Christof Engelhorn am 3. August - und damit der Gönner des Projektes. Im Oktober verkündete der Verwalter des Trusts, von dem die Spende kommen sollte, das Ende der Finanzierung des Musiktheaters. Daraufhin verklagten ihn die Vertreter der Stiftung der Salle Modulable auf den Bermudas und bekamen im Februar 2014 weitgehend Recht. Im Dezember desselben Jahres einigten sich Gegner und Befürworter darauf, dass der Trust 80 Millionen Schweizer Franken für das Projekt zahlen solle.

Christof Engelhorns Traum vom mobilen Musiktheater schien sich doch noch zu erfüllen. Doch im September 2016 stoppte der Kanton Luzern das Projekt plötzlich. Er hätte sich an den Kosten mit mindestens sieben Millionen Franken beteiligen müssen. Das war der Mehrheit der Kantonsräte zu viel. Zumindest ein Teil der Engelhorn-Erben dürfte sehr erleichtert gewesen sein.