Paradise Papers "Irreführende Angaben"

Der Rohstoffkonzern Glencore gerät wegen seiner Aktivitäten im Kongo unter Druck: Kanadas Börsenaufsicht untersucht jetzt die Geschäfte der Glencore-Tochter Katanga Mining.

Von Tobias Zick und Oliver Zihlmann

Der Schweizer Rohstoffkonzern Glencore gerät im Zusammenhang mit seinen Geschäften in der Demokratischen Republik Kongo zunehmend unter Druck. Wie das Unternehmen selbst bestätigt, ermittelt die kanadische Börsenaufsicht gegen die in Kanada gelistete Firma Katanga Mining, die mehrheitlich Glencore gehört und in dem afrikanischen Land Kupfer und Kobalt abbaut. Bei den Ermittlungen geht es dem Unternehmen zufolge um den Verdacht, dass "irreführende" Angaben in Jahresberichten gemacht worden seien und dass einzelne Direktoren und leitende Angestellte gegen Grundsätze der Unternehmensführung verstoßen hätten. Zudem bestätigt Glencore, dass die kanadischen Behörden prüfen, ob die Tochterfirma Katanga Mining sich an ihre Offenlegungspflichten in Bezug auf Korruptionsrisiken gehalten habe.

Vergangene Woche hatte Glencore drei Aufsichtsräte von Katanga Mining ausgewechselt. Neben zwei weiteren Vertretern des Schweizer Konzerns erklärte Aristotelis Mistakidis, Chef der Glencore-Kupfersparte und langjähriger Weggefährte des Konzernchefs Ivan Glasenberg, seinen Rücktritt aus dem Katanga-Aufsichtsrat. Zur Begründung der Personalrochade erklärte das Unternehmen, eine interne Prüfung habe Unregelmäßigkeiten in der Buchhaltung offenbart. Auslöser für die Prüfung seien die Ermittlungen der kanadischen Behörden gewesen.

Der Schweizer Konzern Glencore hat sich in vielen afrikanischen Staaten den Zugriff auf Rohstoffvorkommen gesichert. Gab es dabei auch Bestechung?

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Im Juli hatte das Wall Street Journal unter Berufung auf Insider berichtet, dass die kanadische Börsenaufsicht Millionenzahlungen an eine Firma des israelischen Geschäftsmann Dan Gertler untersuche. Dabei handelte es sich um Abgaben, die Katanga Mining eigentlich an das staatliche Bergbau-Unternehmen Gécamines hätte zahlen müssen; stattdessen floss das Geld an eine Gertler-Firma auf den Cayman-Inseln. Glencore erklärte, dies sei auf Anweisung von Gécamines geschehen.

Die gemeinsamen Geschäfte von Glencore und Dan Gertler, einem engen Freund des kongolesischen Präsidenten, waren auch Gegenstand der "Paradise Papers"-Veröffentlichungen Anfang November. Die Dokumente, die die Süddeutsche Zeitung zusammen mit anderen internationalen Medien ausgewertet hat, zeigen, wie sich das Schweizer Unternehmen den Zugriff auf Kupfer- und Kobaltverkommen im Kongo mit Hilfe des umstrittenen israelischen Geschäftsmanns zu besonders günstigen Konditionen gesichert hat. In den Jahren 2008 und 2009 rangen Katanga Mining und die kongolesische Gécamines in monatelangen Verhandlungen um die Höhe von Gebühren für Minenlizenzen. Die kongolesische Seite forderte für die Katanga-Lizenzen zwischenzeitlich 585 Millionen Dollar. Der Aufsichtsrat von Katanga Mining rief Gertler persönlich zu Hilfe, um mit den Behörden des Landes zu verhandeln. Am Ende unterschrieb die kongolesische Bergbaugesellschaft einen Vertrag, wonach sie anstelle der geforderten 585 Millionen Dollar nur 140 Millionen US-Dollar bekäme. Das Land, eines der ärmsten der Welt, verzichtete auf den Gegenwert seines Jahresbudgets für Bildung.

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Der prominente Schweizer Rechtswissenschaftler und Korruptionsexperte Mark Pieth kam nach Prüfung des Vorgangs zu dem Ergebnis, dass Glencore die Geschäftsbeziehung zu dem umstrittenen Unternehmer Gertler hätte stoppen müssen: "Das Management von Glencore hat entweder keine konsequente Prüfung ihres Geschäftspartners gemacht, oder sie wussten, dass es ein Korruptionsrisiko gab, und sie haben es in Kauf genommen." Dan Gertler ließ dazu mitteilen, alle seine Geschäfte seien absolut gesetzeskonform abgelaufen; jegliche Korruptionsvorwürfe wies er scharf zurück. Glencore erklärte, der Betrag von 140 Millionen Dollar sei "im Wesentlichen korrekt" und entspreche früheren Verhandlungen mit Gécamines.

Die Lizenzen für die Minen im Kongo waren ungewöhnlich günstig

Ein genauerer Blick in die Verträge von Gécamines aber zeigt, dass ein großer Teil des umstrittenen Preisnachlasses nur dadurch zustande kam, dass der Kongo fast die Hälfte der Lizenzen für einen äußerst günstigen Preis abgab. Ein Teil der Katanga-Konzession nämlich, eine riesige Kupfergrube mit dem Namen KOV, war gemessen an den Preisen, die der Kongo zu der Zeit sonst für seine Lizenzen verlangte, allein 240 Millionen Dollar wert. Doch die Katanga-Aufsichtsräte, darunter der Glencore-Mann Aristotelis Mistakidis, riefen den Präsidenten-Freund Gertler zu Hilfe; wenig später gab sich der Kongo mit fünf Millionen anstelle der 240 Millionen Dollar zufrieden. Weder Glencore noch Gécamines äußerten sich zu der Frage, warum die Lizenzen derart billig vergeben wurden. Gertler sagt, es habe keine Bevorzugung von Katanga gegeben; es handle sich um marktübliche Bedingungen.

Elisabeth Caesens, Bergbau-Expertin der belgischen Nichtregierungsorganisation Resource Matters, hat die Deals ausführlich analysiert und kommt zu einem anderen Schluss: Der Preis, den Glencore und Gertler aushandelten, war demnach "fünfzig mal niedriger als die Preise, die der Kongo zu jener Zeit von fast allen anderen ausländischen Minenfirmen verlangte".